Chile: Urteile im Mordfall Catrillanca von massivem Polizeieinsatz überschattet

Parallel zur Urteilsverkündung führt Polizei Großeinsatz in Mapuche-Gemeinden durch. Staatsanwaltschaft spricht von "Zufall" des Zeitpunkts

chile_protest_mord_mapuche.jpg

Die Proteste gegen den Mord an Camilo Catrillanca gehen in ganz Chile weiter
Die Proteste gegen den Mord an Camilo Catrillanca gehen in ganz Chile weiter

Angol/Ercilla. Ein Gericht in Angol hat den ehemaligen Polizisten Carlos Alarcón des Mordes an dem Mapuche Camilo Catrillanca sowie des versuchten Mordes an Catrillancas minderjährigem Neffen schuldig gesprochen. Sieben weitere Polizisten wurden zudem wegen Behinderung der Justiz verurteilt. Catrillanca war am 14. November 2018 bei einem Polizeieinsatz von hinten erschossen worden, als er sich auf seinem Traktor in Richtung seiner Felder bewegte.

Der Vater von Catrillanca, Marcelo Catrillanca, versuchte die Gerichtsverhandlung vor Ort zu verfolgen, wurde allerdings von Polizei und Militäreinheiten vor der Stadt Angol abgefangen. Gleichzeitig stürmten über 800 Polizist:innen der Kriminalpolizei PDI die Mapuche-Gemeinden, zu denen auch Catrillanca gehörte. Unter anderem sollen die Witwe und Tochter des verstorbenen Aktivisten festgenommen worden sein, wie die Verteidigungsstelle von Kindern (Defensoría de la Niñez) mitteilte. Die PDI widersprach anschließend dieser Darstellung.

"Hier wurde am dünnsten Faden geschnitten", kommentierte Marcelo Catrillanca gegenüber chilenischen Medien das Urteil des Gerichts. Weder seien die Verantwortlichen für den damaligen Polizeieinsatz belangt worden noch diejenigen, die über mehrere Wochen versucht hatten, den Mord zu verschleiern, und behaupteten, Catrillanca sei im Rahmen eines Schusswechsels gestorben. Die Familienangehörigen kündigten daher an, vor internationale Gerichtshöfe zu ziehen.

Der auf das Urteil folgende Polizeieinsatz "wird in den Augen der lokalen Bevölkerung als der schlimmste Akt seit der Eroberung durch das Militär im Jahr 1881 in Erinnerung bleiben", meinte der Soziologe und Sprecher der Coordinadora Territorial Mapuche, Eduardo Curin, gegenüber amerika21. Curin begleitete über mehrere Monate die Familie von Catrillanca in ihrem Kampf um Gerechtigkeit.

Laut der Staatsanwaltschaft war es Zufall, dass der Einsatz am gleichen Tag wie die Urteilsverkündung stattfand. Ziel sei es gewesen, Drogenbanden zu verhaften. Das Resultat dieses Einsatzes war der Fund von 1.000 Pflanzen und 40 Kilogramm Marihuana, sowie von sieben Schusswaffen. Ein Kriminalpolizist kam aus bisher ungeklärten Umständen ums Leben. Laut der PDI bei einem Schusswechsel.

Sie schätzen unsere Berichterstattung?

Dann spenden Sie für amerika21 und unterstützen unsere aktuellen, hintergründigen und professionellen Beiträge über das Geschehen in Lateinamerika und der Karibik.

Damit alle Inhalte von amerika21.de weiterhin für Alle kostenlos verfügbar sind.

Ihr amerika21-Team

Die offizielle Version lässt viele Fragen offen. Neben dem "Zufall" des Datums überrascht die schiere Anzahl der Polizist:innen. Es war vermutlich der größte Antidrogeneinsatz der vergangenen Jahrzehnte in Chile. Der Tod des Polizisten wurde selbst von seinem Bruder kritisch hinterfragt. "Mein Bruder wurde spontan, für einen unklaren Einsatz von Iquique ins Wallmapu verschoben. […] Wieso ein so großer Aufwand und so viel Gewalt für 1.000 Pflanzen Marihuana?", schrieb dieser auf seinem Twitterkanal.

Für Curin stellt dieser Einsatz einen Akt der Verschleierung und ein Verbrechen gegenüber den Mapuche und einfachen Polizist:innen dar. Es bestehe für ihn kein Zweifel, bei diesem Einsatz habe es sich "um ein Konstrukt, ein Ablenkungsmanöver auf Kosten der Mapuche" gehandelt, "durchgeführt von den gleichen Hintermännern des Mordes an Catrillanca: die derzeitige Regierung".

Seit Amtsantritt der Regierung von Sebastían Piñera eskaliert der Konflikt im Gebiet der Mapuche. Während die Indigenen ihre Ländereien und mehr politische Autonomie verlangen, militarisiert der Regierungschef die Polizei vor Ort und Menschenrechtsorganisationen stellen ein Wachstum ultrarechter, gewaltbereiter Organisationen mit direkten Verbindungen zur Regierung fest.

Am 28. Juni 2018 stellte Piñera die Spezialeinheit "Dschungelkommando" (Comando Jungla) vor. Bis an die Zähne bewaffnete, in Kolumbien im Antiguerrillakampf ausgebildete Polizisten sollten den "Terrorismus" vor Ort bekämpfen. Angehörige dieses Kommandos töteten fünf Monate später den Mapuche Catrillanca.

Während die Mapuche ständige Polizeigewalt kritisieren, patrouillieren Panzerwagen in ihren Gemeinschaften. Immer wieder kommt es zu Tötungen von Mapuche und Polizeibeamten. Die Regierung macht für letztere die Mapuche verantwortlich und bekräftigt regelmäßig, dass es sich dabei um gewalttätige Terroristen handle. Konkrete Beweise blieben bislang aus.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr