Venezuela / Wirtschaft

Anzeichen einer leichten wirtschaftlichen Erholung in Venezuela

Unterschiedliche Prognosen von IWF und Credit Suisse. Politik bei Einkommenssteuer und Lockerung von Regulierungen zeigen Wirkung

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Die Entwertung der Landeswährung hat zu immer höheren Geldscheinen geführt
Die Entwertung der Landeswährung hat zu immer höheren Geldscheinen geführt

Caracas. Neue Wirtschaftsindikatoren zeigen an, dass Venezuela den Bereich von Hyperinflation verlassen hat. Die Wirtschaft des Landes leidet unter den US-geführten Sanktionen und der Covid-19 Pandemie.

Laut der venezolanischen Finanzbeobachtungsstelle (OVF), das der US-unterstützten Opposition nahesteht, fiel die monatliche Inflation im März mit 9,1 Prozent auf ein Jahrestief. Die kumulierte Inflation im Jahr 2021 liege nun bei 155,3 Prozent, die über das Jahr bei 3.867 Prozent.

OVF-Sprecher Alfonso Marquina erklärte, dass die Inflationszahlen im März aufgrund von "Einkommenssteuerzahlungen" niedriger sind und fügte hinzu, dass viele Unternehmen und Haushalte Devisen verkaufen, um Bolivars zu kaufen und ihre Steuern zu bezahlen. Währungsspekulationen sind nach Ansicht von Wirtschaftsanalysten seit langem einer der Hauptantreiber der Inflation.

Die März-Zahl stellt einen deutlichen Rückgang von 50,9 Prozent, nach 55,2 Prozent im Februar bzw. Januar dar. Als Schwelle zur Hyperinflation gelten 50 Prozent.

Die letzte offizielle Zahl, die von der venezolanischen Zentralbank (BCV) veröffentlicht wurde, stammt mit 46,6 Prozent vom Januar 2021. Im Jahr 2020 registrierte die BCV eine Hyperinflation nur im Dezember (77,5 Prozent) und Januar (62,2 Prozent).

Trotz rückläufiger Inflation prognostizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) am Dienstag in seinem Bericht zum Weltwirtschaftsausblick eine kumulierte Inflationsrate in Venezuela von 5.500 Prozent bis Ende 2021. Die Einrichtung schätzte ein, dass die längerfristige Perspektive "von der Entwicklung der Pandemie und der Entwicklung der finanziellen Bedingungen abhängig bleibt."

Der IWF sagte weiter voraus, dass Venezuelas Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um zehn Prozent schrumpfen wird.

Im Gegensatz dazu rechnet die Schweizer Bank Credit Suisse mit einem vierprozentigen Wachstum im laufenden Jahr, bei einer prognostizierten Inflation von 4.700 Prozent. Die Investmentbank argumentiert, dass die Erholung "nicht nur von kurzer Dauer" sei und dass sie der Regierung von Nicolás Maduro geschuldet sei, die mit der Lockerung von Regulierungen "die wirtschaftliche Aktivität wiederbelebt" habe. Dies wäre das erste reale BIP-Wachstum in dem südamerikanischen Land seit acht Jahren.

Zwischen 2013 und dem ersten Trimester 2019, der letzten verfügbaren Messung, verzeichnete die BCV einen Wirtschaftsrückgang von 65 Prozent.

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Venezuelas Wirtschaft steckt in einer jahrelangen Krise, die sich in den letzten Jahren durch die Ausweitung der US-Sanktionen deutlich verschärft hat. Im Jahr 2017 belegte Washington die staatliche Erdölgesellschaft PDVSA mit finanziellen Sanktionen, bevor es 2019 ein Ölembargo und eine Reihe weiterer Maßnahmen gegen verschiedene venezolanische Wirtschaftsbereiche verhängte.

In der Folge sank die Ölproduktion des Karibikstaates von durchschnittlich 1,9 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2017 auf nur noch 500.000 im Jahr 2020. Nach Angaben der Regierung sanken die Einnahmen des Landes seit 2015 um 30 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Gleichzeitig haben die USA und Verbündete venezolanisches Vermögen im Ausland im Wert von mehreren Milliarden Dollar eingefroren.

Multilaterale Organisationen haben angeprangert, dass einseitige Zwangsmaßnahmen die Lebensqualität des venezolanischen Volkes stark beeinträchtigen und gleichzeitig die Menschenrechte und das Völkerrecht verletzen. Zuletzt forderte der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen die Abschaffung aller Sanktionen, die als "Werkzeuge des politischen und wirtschaftlichen Drucks" eingesetzt würden.

Die venezolanischen Behörden versuchen indes, dem wirtschaftlichen Abschwung durch zunehmend liberale Maßnahmen wie die Aufhebung von Preis- und Devisenkontrollen zu begegnen, um ausländische Investitionen anzulocken.

Im Oktober 2020 verabschiedete die verfassunggebende Versammlung das Anti-Blockade-Gesetz, um günstigere Bedingungen für die Beteiligung von Privatkapital an staatlichen Unternehmen zu schaffen. Die neuen Maßnahmen haben Berichten zufolge in den letzten Monaten mehr als 200 Angebote angezogen, wobei Präsident Maduro berichtet, dass die meisten Vorschläge von privaten Investoren aus Russland, China, der Türkei und dem Iran stammen.

Venezuela hat die Zusammenarbeit mit Verbündeten wie Russland intensiviert. Im März kündigte die gemeinsame hochrangige Kommission der beiden Länder Abkommen in 20 wichtigen Bereichen der Zusammenarbeit an, insbesondere im Finanz-, Energie-, technisch-militärischen, pharmazeutischen und Transportsektor.

Die venezolanischen Behörden haben außerdem kürzlich ein Treffen mit dem Botschafter der Türkei in Venezuela, Şevki Mütevellioğlu, abgehalten, um das bilaterale Kooperationsprogramm voranzutreiben, in dessen Mittelpunkt der Tourismus steht.

Caracas braucht seine internationalen Verbündeten, um die Covid-19-Pandemie zu bekämpfen. China, Russland, die Türkei und Organisationen der Vereinten Nationen haben Impfstoffe, PCR-Tests, Beatmungsgeräte, Masken und andere medizinische Hilfsmittel bereitgestellt. Die Regierung Maduro hat die USA dafür kritisiert, dass sie ihre Fähigkeit, auf die Pandemie zu reagieren, stark behindert haben.

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