Brasilien / Politik

Brasilien: Bolsonaros Besuch bei Indigenen unter dem Vorzeichen der Ausbeutung

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Brasilianische Medien kommentieren abschätzig "Maskarade" des Präsidenten (im Hintergrund) im indigenen Gebiet
Brasilianische Medien kommentieren abschätzig "Maskarade" des Präsidenten (im Hintergrund) im indigenen Gebiet

Brasilia. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hat zum ersten Mal als Staatsoberhaupt zwei indigene Gebiete im Amazonasgebiet besucht. Bolsonaros Auswahl von indigenen Repräsentant:innen für Gespräche stieß in der Region auf starke Kritik. Der Besuch ist von dem Bestreben überlagert, die wirtschaftliche Erschließung der Schutzgebiete durchzusetzen.

Laut Beobachter:innen vor Ort glich die Begegnung zwischen Bolsonaro und den Indigenen am vergangenen Donnerstag einer Inszenierung. Von Armeeoffizieren flankiert und mit einem Federkopfschmuck ausgestattet, wohnte der Präsident einem rituellen Tanz der lokalen Tukano-Gemeinschaft im Balaio-Reservat bei. Anstoß erregte dabei, dass Bolsonaro die im Amazonas-Bundesstaat geltenden Corona-Hygienevorschriften missachtete.

Regionale indigene Anführer:innen, die von dem Dachverband der indigenen Organisationen am Rio Negro (FOIRN) vertreten werden, berichteten, dass sie zu keinem Gespräch eingeladen wurden. Bolsonaro habe einen Austausch mit "selbsternannten" Persönlichkeiten bevorzugt, um "eine Plattform für Fotos und Videos für seine Wahlkampagne" 2022 zu schaffen. "Die Verachtung für unser indigenes Volk ist so groß, dass der Präsident sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, unsere Vielfalt kennenzulernen, und aus einer Laune heraus eine neue Ethnie geschaffen hat, die des Balaio-Volkes, die es weder in Brasilien noch irgendwo auf der Welt gibt." Im Balaio-Reservat leben verschiedenen Ethnien wie die Arawak und Tucano.

Anlass seines Besuches war die Einweihung einer Holzbrücke, die zur venezolanischen Grenze führt und durch das Terra Balaio verläuft, wo große Niob-Vorkommen gefunden wurden. Das Metall wird zur Herstellung von Leichtbaustahl für Düsentriebwerke und andere Spezialanwendungen verwendet. Bolsonaro hat seinen Wert regelmäßig in Reden über die unerschlossenen Ressourcen des Amazonas erwähnt, die Brasilien abbauen sollte.

Der Nationalkongress, in dem sich Bolsonaro eine Mehrheit sichern konnte, befasst sich derzeit mit einem Vorschlag der Regierung, den kommerziellen Bergbau und  Landwirtschaft auf indigenem Land freizugeben. Dadurch ermutigt, sollen im Nachbarstaat Roraima bereits 20.000 unautorisierte Bergleute in das Gebiet eingedrungen sein.

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Tage vor seiner Reise hatten Yanomami-Vertreter:innen seinen Besuch in einem offenen Brief zurückgewiesen. Sie äußerten sich kritisch über den Nutzen der Reise für die Indigenen. Die wirtschaftlichen Interessen, die Bolsonaro verfolge, würden denen der indigenen Gemeinden entgegenstehen. Eine Ausweitung der wirtschaftlichen Nutzung der ihrer Gebiete würde der dort lebenden Bevölkerung und Natur ausnahmslos schaden. Der illegale Raubbau müsse verboten und zurückgedrängt werden, so die Verfasser:innen des offenen Briefs.

In einem späteren Live-Auftritt wiederholte Bolsonaro, dass er für die Legalisierung des Bergbaus in indigenen Gebieten eintrete. Dies begründet er damit, dass auch Indigene für die wirtschaftliche Nutzung seien. Der Leiter der Indigenenbehörde Brasiliens (Funai), Marcelo Xavier, ist ebenfalls ein starker Befürworter der Legalisierung. Xavier argumentiert, dass nur so der illegale Raubbau einzudämmen sei.

Dieser Konflikt findet immer wieder gewaltsamen Ausdruck. Indes hat nach wiederholten Angriffen auf Yanomami-Indigene der Bundesgerichtshof Brasiliens einen Regelkatalog von Maßnahmen zur Eindämmung der Übergriffe auf die indigenen Gruppen beschlossen. Es würden alle notwendigen Schritte für die Sicherheit und Gesundheit der betroffenen Bevölkerung eingeleitet. Die Yanomami-Indigenen sehen diesen Schritt jedoch kritisch und wollen tatsächliche Maßnahmen abwarten. Zu oft wurde Ähnliches in der Vergangenheit nicht umgesetzt.

Berichte betonen, dass Bolsonaro sich während des gesamten Aufenthalts nicht ein einziges Mal über die akuten Bedrohungen und Gefahren, denen die Indigenen tagtäglich ausgesetzt sind, geäußert habe.

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