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Holzeinschlag in Brasilien dringt in unberührten Kern des Amazonasgebietes vor

Zwischen August 2019 und Juli 2020 wurden 464.000 Hektar abgeholzt. Fortschreitende Walddegradierung weiteres, bislang wenig beachtetes Problem

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Über die Hälfte des Holzeinschlags entfiel auf den Bundesstaat Mato Grosso
Über die Hälfte des Holzeinschlags entfiel auf den Bundesstaat Mato Grosso

Belém. Einer neuen Satelliten-gestützten Studie des Simex-Netzwerks zufolge dringt der illegale Holzeinschlag von den Randgebieten immer tiefer in das Kernzone des amazonischen Regenwaldes ein. Eine Allianz der vier gemeinnützigen brasilianischen Umweltorganisationen Imazon, Imaflora, Idesam und Instituto Centro de Vida (ICV) hat erstmals den Holzeinschlag in fast allen Teilen des Amazonasgebiets dokumentiert. Hierzu wurden sieben der dortigen neun brasilianischen Bundesstaaten (Acre, Amazonas, Amapá, Mato Grosso, Pará, Rondônia und Roraima) kartiert, aus denen zusammen fast 100 Prozent der Holzproduktion des Regenwaldes stammen.

Die Kartierung anhand der Nachverfolgung gefällter Bäume zeigt das Ausmaß der Waldzerstörung: zwischen August 2019 und Juli 2020 wurden 464.000 Hektar abgeholzt, eine dreimal so große Fläche wie die der 21 Millionen-Einwohner-Metropole São Paulo. Über die Hälfte (50,8 Prozent) des Holzeinschlags entfiel auf den Bundesstaat Mato Grosso, gefolgt von Amazonas (15,3) und Rondônia (15), davon der größte Teil (78 Prozent) auf privatem Grundbesitz.

Der Holzeinschlag in Indigenenreservaten (24.866 Hektar) und Naturschutzgebieten (28.112 Hektar), ist der Simex-Studie zufolge vollständig illegal, da verboten.

Laut Vinicius Silgueiro, Koordinator für territoriales Monitoring bei ICV in Mato Grosso, gibt es kaum staatliche Kontrollen und Sanktionierung der zahlreichen Verstöße. Legale Genehmigungen würden oft dazu benutzt, den Holzeinschlag in Sperrgebieten zu verschleiern, was auch als "Baumwäsche" bekannt ist. Marco Lentini zufolge, leitender Projektkoordinator bei Imaflora, müsse das Vordringen der industriellen Landwirtschaft vom sogenannten 'Entwaldungsbogen' in das Herz des Amazonasgebietes dringend gestoppt werden. So gebe es desto mehr illegales Holz, je mehr Lizenzen (Genehmigungen) die Behörden für die Erschließung des Waldes ausstellten.

Die Simex-Karte umfasst auch Gebiete, in denen im März 2021 die Bundespolizei 226.000 Kubikmeter Holz an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Amazonas und Pará sicherstellte, die größte Beschlagnahmung von illegalem Holz in Brasiliens Geschichte. Diese Aktion war der Auslöser für die Entlassung des umstrittenen Umweltministers Ricardo Salles im Juni, nachdem er eine straflose Freigabe des beschlagnahmten Holzes gefordert hatte.

Die Greenpeace-Studie "Imaginäre Bäume, reale Zerstörung" hob bereits 2018 die Unzuverlässigkeit der betrugsanfälligen brasilianischen Forstlizenz- und Kontrollsysteme hervor. Demzufolge liegt ein entscheidender Mangel in der Schwäche des Genehmigungsverfahrens für nachhaltige Waldbewirtschaftungspläne, vor deren Erstellung meist keine oder nur qualitativ schlechte Feldinspektionen durchgeführt würden. Die Holzvorräte würden dadurch überschätzt oder inexistente Bäume mit hohem Handelswert in das Waldinventar des Gebiets aufgenommen.

Staatliche Behörden stellten laut Greenpeace anschließend Genehmigungen für die Ernte und den Transport dieses nicht existierenden Wertholzes aus, das tatsächlich anderswo auf indigenem Land, in Schutzgebieten oder auf öffentlichem Land illegal geschlagen werde.

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Einer detaillierteren Imazon-Untersuchung zufolge gab es für über die Hälfte des Holzeinschlags im Bundesstaat Pará keine Genehmigung der Umweltbehörden – 20 Prozent mehr als im Vorjahr. In den meisten Bundesstaaten ist es aufgrund mangelnder Transparenz oder technologischer Hindernisse fast unmöglich zu überprüfen, ob er illegal ist. In vielen Fällen werden laut ICV die Zertifikate für legale forstwirtschaftliche Aktivitäten in Papierform eingereicht, so dass es schwierig ist, die Daten mit Satellitenbildern abzugleichen. Einzig Pará und Mato Grosso haben bislang digitalisierte Datenbanken.

Neben der gut dokumentierten Entwaldung Amazoniens ist zudem die fortschreitende Walddegradierung ein bislang wenig beachtetes, großes Problem mit weitreichenden Auswirkungen auf die biologische Vielfalt und Kohlenstoffbindung. So hat eine kürzlich in Science veröffentlichte Wissenschaftsstudie erstmals die langfristige Degradation für das gesamte brasilianische Amazonasgebiet kartiert und die Ursachen erfasst. Demzufolge betrug im Zeitraum 1992 bis 2014 die betroffene Gesamtfläche 337.427 Quadratkilometer, verglichen mit 308.311 vollständiger Abholzung. Damit ist die durch Walddegradierung zerstörte Fläche inzwischen größer als jene durch Abholzung.

Laut Silgueiro bestehen legaler und illegaler Holzeinschlag in einem Verhältnis von etwa 60:40 fort. So gebe es desto mehr illegales Holz, je mehr Lizenzen die Behörden für die Erschließung des Waldes ausstellten. Der Betrug beim Holzeinschlag werde erst dann aufhören, wenn das tatsächliche Holzvolumen geschätzt und jeder einzelne Baum rückverfolgt wird. Die verfügbaren Technologien würden von den Erzeugerstaaten aber nur langsam umgesetzt, so der Koordinator beim ICV.

Der Amazonasregenwald ist ein maßgeblicher stabilisierender Faktor für das Weltklima und speichert große Mengen Treibhausgase. Sein Erhalt ist wesentlich für den Kampf gegen die Erderhitzung.

Seit langem warnen Expert:innen und Umweltorganisationen davor, dass die Zerstörung Amazoniens katastrophale Folgen für das Weltklima haben wird: Mehrere aktuelle, vom Amazonas-Monitoring-Projekt (MAAP) sowie eine in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studien brasilianischer Wissenschaftler:innen zeigen, dass das Gebiet infolge von Brandrodung, Abholzung und Klimawandel inzwischen von einer Kohlendioxid-Senke zu einer Netto-Kohlendioxid-Quelle geworden ist. Bereits jetzt gibt ein großer Teil des Regenwaldes mehr Treibhausgase in die Erdatmosphäre ab, als er wieder aufnimmt.

Die Forscher:innen vermuten, dass sich diese Entwicklung derzeit noch stoppen ließe, wenn die weitere Zerstörung des Regenwaldes sofort gestoppt und global alles unternommen wird, um die Klimaerhitzung noch aufzuhalten.

Auch Deutschland als Handelspartner Brasiliens trägt Verantwortung durch den Kauf großer Mengen Produkte aus Urwaldzerstörung, vor allem von Soja als Tierfutter für die hiesige Massentierhaltung. Über 450 zivilgesellschaftliche Organisationen rufen daher zum Protest gegen das von der Bundesregierung stark vorangetriebene Freihandelsabkommen der EU mit dem Wirtschaftsbündnis Mercosur (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) auf, das den Raubbau an Amazonien weiter verschärfen würde.

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