Guatemala / Politik / Militär

Kampf um Erinnerung und Gerechtigkeit in Guatemala

Gedenken an einen vor 45 Jahren verschwundenen 14-Jährigen. Der Einsatz der Familie wirkt als Vorbild. In den vergangenen Jahren entstanden viele Initiativen des Erinnerns

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Emma Theissen und und Emma Guadelupe, Mutter und Schwester von Marco Antonio, bei der Gedenkfeier in Quetzaltenango
Emma Theissen und und Emma Guadelupe, Mutter und Schwester von Marco Antonio, bei der Gedenkfeier in Quetzaltenango

Quetzaltenango. Einige hundert Menschen haben am Dienstag in Quetzaltenango an der Ehrung des seit 45 Jahren verschwundenen Marco Antonio Molina Molina Theissen teilgenommen. Die Ehrung wurde von der Departamentsregierung Quetzaltenango unterstützt und fand auf dem Gelände der ehemaligen Militärkaserne statt, in der heute das kulturelle Zentrum Parque Intercultural und eine Gedenkstätte eingerichtet sind. An der Gedenkveranstaltung nahmen die drei Schwestern von Marco Antonio, Emma Guadelupe Molina Theissen, María Eugenia Molina Theissen und Lucrecia Molina Theissen, ihre Mutter Emma Theissen Álvarez sowie weitere Familienangehörige teil. Gouverneurin Bibiana Leticia Ramírez Ramírez sagte zur Eröffnung der Veranstaltung, man müsse "alles tun, damit sich diese Zeiten nie wiederholen".

Marco Antonio ist am 6. Oktober 1981 aus seinem Elternhaus in Guatemala-Stadt von der Armee entführt worden und seitdem verschwunden. Seine Schwester Emma war wenige Tage vor dem 6. Oktober von der Armee verhaftet worden und ins damalige Militärlager in Quetzaltenango gebracht worden. Es gelang ihr, sich aus der Fesselung in ihrer Zelle zu befreien und durch ein kleines Fenster zu entkommen. Wachsoldaten ließen sie passieren, wohl weil sie sie für eine Prostituierte der Offiziere der Kaserne gehalten hatten.

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Teilnehmer der Gedenkveranstaltung vor der ehemaligen Militärkaserne
Teilnehmer der Gedenkveranstaltung vor der ehemaligen Militärkaserne

Emma Theissen und ihre Schwestern hatten sich damals in der Studentenbewegung und der in der Illegalität tätigen kommunistischen Partido Guatemalteco del Trabajo engagiert. Nach der Flucht von Emma und der Entführung von Marco Antonio nahm die Repression weiter zu, 1984 ging die Familie ins Exil.

Der Fall ist einer der bekanntesten des gewaltsamen Verschwindens in Guatemala. Dies liegt an dem beharrlichen Einsatz der Familie für Gerechtigkeit. Die Familie klagte bis vor den Lateinamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte, um ein Verfahren durchzusetzen. 2018 wurden der damalige Armeechef Benedicto Lucas Garcia und der damalige Geheimdienstchef Manuel Antonio Callejas y Callejas zu 58 Jahren Haft verurteilt. Hugo Ramiro Zaldaña Rojas, Offizier im militärischen Geheimdienst S2, und Francisco Luis Gordillo Martínez, Kommandeur der Kaserne in Quetzaltenango, erhielten 33 Jahre Haft. 2023 wandelte das Gericht allerdings für alle Angeklagten die Haftstrafe in Hausarrest um. Callejas y Callejas, der neben Lucas Garcia auch im Völkermordprozess wegen Massakern an den indigenen Maya-Ixil angeklagt ist, starb 2025 (amerika21 berichtete). Der Völkermordprozess stand 2024 bereits kurz vor dem Urteil, wegen angeblicher Befangenheit des Vorsitzenden Richters konnte die Verteidigung allerdings damals eine Neuaufnahme des Verfahrens durchsetzen, seitdem liegt der Prozess auf Eis.

Die Familie Molina Theissen musste sich selbst juristisch zur Wehr setzen. Ein von der Verteidigung von Gordillo, Lucas Garcia und Callejas y Callejas angestrebtes Verfahren wegen angeblicher falscher Beschuldigung wurde erst am 2. Juli dieses Jahres eingestellt. 

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Die Fahne mit dem Konterfei von Marco Antonio ist weit sichtbar. Auch für andere Verschwundene werden seit zwei Jahren Fahnen gehisst
Die Fahne mit dem Konterfei von Marco Antonio ist weit sichtbar. Auch für andere Verschwundene werden seit zwei Jahren Fahnen gehisst

Auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne ist heute der Parque Intercultural. Zwar existiert die Einrichtung mit Angeboten für Sport und Kultur schon seit 2005, erst in den vergangenen zwei Jahren hat sich, gegen den Widerstand rechter Kreise, eine lebendige Gedenkstätte entwickelt. Ein Rundgang zeigt die verschiedenen Stationen und die Geschichte des Gebäudes, das zunächst ein Bahnhof auf der nur kurz genutzten Bahnstrecke war, die Quetzaltenango mit der Costa Sur verband, nach der Revolution von 1944 vom damaligen Verteidigungsminister Jacobo Arbenz als Sitz genutzt wurde und später dann Militärlager mit strategischer Bedeutung "für die Massaker und die Aufstandsbekämpfung der 1980er Jahre" war, so der Aktivist.

Ein neuer Höhepunkt ist ein an der Geschichte von Marco Antonio ausgelegtes Puppentheater, das sein Verschwinden und die Suche seiner Familie thematisiert. Das Theater ist "für Schüler ab der fünften Klasse geeignet und richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen", erklärte der Darsteller gegenüber amerika21. Die Familie, die der Vorführung gemeinsam beiwohnte, zeigt sich beeindruckt, mit wie viel "Liebe und Respekt die Geschichte von Marco Antonio dargestellt wurde", sagte Eugenía Molina nach der Vorführung.

Eine Besucherin aus Quetzaltenango, deren Sohn am 25. Oktober 1983 "verschwand", erklärte nach der Vorführung, das Engagement der Familie sei ein Vorbild für andere Familien auf der Suche nach Gerechtigkeit.

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"Wille zur Erinnerungspolitik", mit der neuen Regierung in Guatemala veränderte sich das Gedenken an den Bürgerkrieg. Gouverneurin von Quetzaltenango mit der Familie Molina Theissen
"Wille zur Erinnerungspolitik", mit der neuen Regierung in Guatemala veränderte sich das Gedenken an den Bürgerkrieg. Gouverneurin von Quetzaltenango mit der Familie Molina Theissen

Pilar Bugur aus dem Vorstand des Parque Intercultural erklärte gegenüber amerika21, in den kommenden drei Jahren solle die pädagogische Arbeit mit dem Theater fortgesetzt werden, dazu habe man am Dienstag mit Emma Molina eine Vereinbarung unterschrieben. Im vergangenen Jahr haben bereits "Schüler von 32 Schulen das Puppentheater gesehen und insgesamt 10.000 Schüler und Studenten die Ausstellung besucht". Unter der aktuellen sozialdemokratischen Regierung von Bernardo Arévalo und der Gouverneurin von Quetzaltenango, Ramírez Ramírez, sei der "Wille zu erkennen, Erinnerungsarbeit zu unterstützen". 

Nach dem Bürgerkrieg (1960 - 1996), der 200.000 Tote und 45.000 Verschwundene, darunter 5.000 Kinder und Jugendliche, hervorbrachte, waren die Verbrechen lange verschwiegen worden. Erst in den vergangenen Jahren nehmen Initiativen der Erinnerung zu.