Chile / Politik

Chile vor historischer Richtungswahl

Aktuellste Umfrage sieht den Linken Gabriel Boric und den Ultrarechten José Antonio Kast mit 50 Prozent gleich auf. Beide Kandidaten umwerben die "Mitte der Gesellschaft"

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Versucht sich als "Konsenskandidat" zu präsentieren: Boric im Wahlkampf
Versucht sich als "Konsenskandidat" zu präsentieren: Boric im Wahlkampf

Santiago. Kurz vor der zweiten Runde der chilenischen Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag ist noch kein Sieger abzusehen. Die letzte veröffentlichte Umfrage von AtlasIntel sieht den Kandidaten der Linken, Gabriel Boric, und den der Ultrarechten, José Antonio Kast, mit 50 Prozent gleich auf.

Bei der ersten Runde am 21. November kam Kast mit 27,91 Prozent der Stimmen auf den ersten Platz, gefolgt von Boric mit 25,82 Prozent. Seit dem Ende der Militärdiktatur 1990 hat bisher noch immer der Kandidat die Stichwahl gewonnen, der in der ersten Runde die Mehrheit hatte, doch bei dieser Wahl könnte das anders werden.

Nach dem Schockergebnis für die Linke bei der ersten Wahlrunde setzte eine Dynamik ein, die Boric in den Umfragen eine Zeitlang vor Kast katapultierte. Die Mobilisierung für den Kandidaten des linken Wahlbündnisses Apruebo Dignidad war in den ersten Tagen enorm, viele Unterstützer schlossen sich an. Die Wahlkampagne veränderte sich durch die neue Lage, nun standen die Verhinderung des Anhängers der Pinochet-Diktatur und die Rettung der Demokratie im Mittelpunkt.

Vor allem Boric' Agieren während der Proteste seit Oktober 2019 und seine Unterzeichnung des sogenannten "Pakts für den Frieden" mit der rechten Regierung und Teilen der Opposition haben ihn jedoch bei weiten Teilen der Protestbewegung bis heute diskreditiert und haben eine linke Mobilisierung für ihn verhindert.

Boric wird von der linken Frente Amplio und der Kommunistischen Partei unterstützt. Er trat mit einem progressiven Programm an, das unter anderem die Freilassung der politischen Gefangenen der sozialen Proteste forderte, das private Rentensystem AFP ersetzen und den Umweltschutz weiter stärken wollte.

Mit der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft im Wahlkampf, der Unterstützung eher neoliberaler Parteien wie der Christdemokraten und der Strategie, den demokratischen Teil der rechten Wählerschaft zu mobilisieren, versuchte Boric, sich aber immer mehr als der Konsenskandidat und "Versöhner der Nation" zu präsentieren. Diese Taktik brachte ihn in Konflikt mit Teilen der Kommunistischen Partei, die das Programm nicht ändern wollten und die Strategie der Angleichung falsch fanden.

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Kandidat Kast versuchte im Wahlkampf vergeblich, sich als "moderat" darzustellen
Kandidat Kast versuchte im Wahlkampf vergeblich, sich als "moderat" darzustellen

Kast, Sohn eines Wehrmachtsoffiziers und NSDAP-Mitglieds ‒ Letzteres leugnete er stets, bis letzte Woche die Belege öffentlich wurden ‒, setzt wiederum auf eine Angstkampagne. Seine Themen sind die angebliche "Massenmigration" ‒ er schürt Rassismus gegen die Kolumbianer, Haitianer oder Venezolaner in Chile ‒, die innere Sicherheit und der Antikommunismus. Er verbreitete auch gezielt Lügen über seinen Kontrahenten, wie etwa, es gebe Beweise, dass der linke Kandidat Frauen missbrauche und Drogen konsumiere. Zwar bemühte er sich, ähnlich wie Boric, sich mit seinen Aussagen immer weiter in Richtung der "Mitte der Gesellschaft" zu bewegen, doch sein Versuch, sich als moderat darzustellen, ist gescheitert.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass sich Kast mit den Insassen des Gefängnisses Punta Peuco traf. Dort sind Verurteilte für Verbrechen gegen die Menschheit, Folter und Mord während der Diktatur inhaftiert. Und er setzt sich bei Präsident Sebastian Piñera für ihre Freilassung ein.

Noch vor einiger Zeit forderte er, das Frauenministerium komplett abzuschaffen, leugnet bis jetzt den menschengemachten Klimawandel und möchte gegen Proteste das Militär auf die Straße schicken. Abgeordnete seiner Partei, wie Johannes Kaiser, gehen sogar noch einen Schritt weiter und befürworten die Ermordung von politischen Gegnern während der Diktatur und stellen das Frauenwahlrecht in Frage.

Angesichts dieser Bedrohung für die Rechte und Freiheiten vieler in Chile und der Errungenschaften der sozialen Proteste, wie die neue Verfassung ‒ die Kast ablehnt ‒ wird Boric von einigen Ex-Präsidenten, zahlreichen prominenten Musikern, Schauspielern und Komödianten sowie von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen unterstützt. Noch immer droht jedoch, genau wie in der ersten Wahlrunde, eine große Anzahl an Nichtwählern, damals waren es etwa 54 Prozent.

Zwar sehen im Gegensatz zu den Umfragen die Buchmacher den linken Boric klar vorne, doch könnte ein Sieger am Wahlabend noch nicht endgültig feststehen. Kast kündigte schon an, dass es zwar keinen Wahlbetrug gäbe, jedoch Fehler möglich seien, es deshalb auf jede Stimme ankomme und deshalb auf die vorläufigen Endergebnisse des nächsten Tages gewartet werden müsse. In sozialen Medien wird schon über einen Wahlausgang wie in Peru oder den USA spekuliert.

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