Verfahren in Brasilien wegen Sklavenarbeit: Die Ursprünge des Falls der VW-Fazenda Cristalino

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Volkswagen auch wegen systematischer Menschenrechtsverletzungen und Menschenhandel in hunderten von Fällen

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VW werden Menschenrechtsverletzungen an Leiharbeitern voprgeworfen, die für Rodungsarbeiten eingesetzt waren
VW werden Menschenrechtsverletzungen an Leiharbeitern voprgeworfen, die für Rodungsarbeiten eingesetzt waren

Brasília. Die Bundesstaatsanwaltschaft in Brasilien hat Medienberichten zufolge ein Ermittlungsverfahren gegen den Volkswagen-Konzern im Fall der ehemaligen VW-Fazenda Rio Cristalino im Bundesstaat Pará eingeleitet.

Dabei geht es um "die Ausbeutung von Sklavenarbeit, Menschenhandel und systematische Menschenrechtsverletzungen in Hunderten von Fällen", so NDR, SWR und Süddeutsche Zeitung. Die Vorwürfe beziehen sich auf den Zeitraum von 1974 bis 1986, als VW do Brasil die Rinderfarm Rio Cristalino erwarb und betrieb ‒ steuerlich durch die Sudam-Abschreibungsmöglichkeiten in Amazonien begünstigt ‒ und dort zu einem der größten Rinderproduzenten aufsteigen wollte.

Die Vorwürfe gehen auf Untersuchungen der Landpastorale CPT (Commissao Pastoral da Terra) aus dem Jahre 1983 zurück, die Brasilien Initiative Freiburg war damals maßgeblich daran beteiligt, das Thema in Deutschland und somit auch international bekannt zu machen.

Laut der Anzeige kam es auf dem VW-Farmgelände zu Sklavenarbeit, Schuldknechtschaft, Schlägen und Prügeln an Leiharbeitern, die für Rodungsarbeiten eingesetzt wurden. Diese Straftaten seien mit Wissen des VW-Vorstands in Wolfsburg erfolgt.

Im Jahr 1983 deckte der Priester Ricardo Rezende von der CPT diese Vorgänge auf und machte sie in Brasilien öffentlich.

Wie Padre Rezende berichtete, zog er 1978 in den Süden von Pará, wo er die Landpastoralkommission der Nationalen Konföderation der brasilianischen Bischöfe für die Region Araguaia und Tocantins koordinierte. "Ich hatte viele Geschichten über die VW-Farm gehört, aber immer erst, nachdem die Tatsachen eingetreten waren, und dann haben wir auf die Gelegenheit gewartet, um eine Anzeige zu machen."

Dies geschah 1983, als Rezende drei junge Männer kennenlernte, die gerade von der Fazenda geflohen waren. Sie hatten gegenüber ihren Aufseher:innen behauptet, dass sie zum Militärdienst müssten, so konnten sie dort weg, obwohl sie noch "Schulden" bei den lokalen Arbeitsvermittler:innen für VW, den sogenannten "Gatos", zu begleichen hatten. Diese Schulden, so der Priester, seien Schuldknechtschaft.

Aufgrund der Beschwerde der Arbeiter gelang es Rezende, eine Delegation von Abgeordneten des Bundesstaates São Paulo, wo VW do Brasil seinen Hauptsitz hat, zusammenzubringen, die Fazenda im Bundesstaat ‒ mit Wissen des Vorstands ‒ aufzusuchen und den Vorwürfen nachzugehen. Er berichtete, dass die Delegation kurz vor dem Grundstück auf einen der "Gatos" traf. Der Mann habe den Delegierten seinen Pickup gezeigt, auf dessen Ladefläche sich ein gefesselter Arbeiter befand und voller Empörung erklärt, dieser habe versucht zu fliehen. "Er hatte nicht das geringste Bewusstsein für die Verbrechen, die sie [die gatos] auf der Fazenda begingen", so Rezende.

Auf dem Gelände der Rinderfarm sei ein Mann auf ihn zugekommen, der offensichtlich starkes Fieber hatte und ihn um Hilfe bat, ihn von dort wegzubringen. Der Manager der VW-Farm, der Schweizer Friedrich Brügger, habe daraufhin die Beherrschung verloren und den Priester und den kranken Mann angeschrien, später aber versucht, den schlechten Eindruck wieder gut zu machen. Beim Abendessen bot er dem Priester ein Geschenk an. Rezende erkannte, dass das Geschenk eine Schnitzerei aus Brasilholz war, das gesetzlich geschützt ist und nicht gerodet werden darf.

Rezende weigerte sich, das Geschenk anzunehmen und verlangte von Brügger, den Mann zu sprechen, der ihm um Hilfe gebeten hatte, so berichtet er es im Live-Video auf einer Veranstaltung im Juli 2020. Schließlich sei es ihm gelungen, noch einmal mit dem Mann zu sprechen und er habe ihn an den Bischof seiner Heimatstadt verwiesen. Rezende räumt ein, dass dies wohl zu leichtgläubig und eine Fehleinschätzung der Situation war. Er habe nie weder etwas von dem Mann gehört.

Trotz der Berichte von Rezende und den Abgeordneten wurde der Fall der VW-Farm und des Vorwurfs der Sklavenarbeit in Brasilien in der Presse zunächst nicht weiter verfolgt, es gab nur eine Kurzmeldung darüber. Diese Meldung aber gelangte nach Deutschland und dort habe sich die Brasilien Initiative Freiburg des Themas angenommen, darüber berichtet und Gewerkschafter informiert und so den Fall international ins Rollen gebracht. Dies sei "praktische Solidaritätsarbeit", so der Priester. Der Fall wurde erst im Ausland in den Medien berichtet, bevor er dann wieder in Brasilien Thema wurde1.

Die brasilianische Bundesstaatsanwaltschaft hat Volkswagen Brasilien am 19. Mai 2022 über das Ermittlungsverfahren in Kenntnis gesetzt und die Firmenvertreter:innen zu einer Anhörung am 14. Juni vor dem Arbeitsgericht in der Hauptstadt Brasilia vorgeladen.

Auf Medienanfrage wollte sich das Unternehmen mit Verweis auf das mögliche juristische Verfahren in Brasilien nicht äußern, versicherte aber, dass man die Vorwürfe sehr ernst nehme.

  • 1. Die Entwicklung der damaligen Berichterstattung in den deutschen, internationalen und brasilianischen Medien kann hier nachgelesen werden
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