Brasilien / Politik / Medien

Kampf gegen Fake News in Brasilien: Neue Leitung für staatliche Rundfunkgesellschaft

Fünf Frauen gehören zur neuen Führungsriege. EBC soll internationale Referenz werden und besonders für marginalisierte gesellschaftliche Gruppen einstehen

kariane_costa_brasilien_ebc.jpg

Auf dem Foto: Nicole Briones, Rita Freire, Flávia Filipini, Paulo Pimenta, Kariane Costa und Juliana Cézar Nunes (v.l.n.r.)
Auf dem Foto: Nicole Briones, Rita Freire, Flávia Filipini, Paulo Pimenta, Kariane Costa und Juliana Cézar Nunes (v.l.n.r.)

Brasília. Die Journalistin Kariane Costa ist seit Montag neue Präsidentin der staatlichen brasilianischen Rundfunkgesellschaft EBC (Empresa Brasil de Comunicação) und wird bis zum 30. Oktober 2023 den Übergangsprozess hin zu einem neuen Management leiten. 

Die Umstrukturierung der Führungsetage stellt einen politischen Neuanfang des Medienunternehmens dar, der von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva eingeleitet wurde. Dieser hatte die gesamte Leitung, fünf Direktoren aus der Regierungszeit Jair Bolsonaros, entlassen. Lula kritisierte vor allem die Berichterstattung über den Putschversuch in Brasília am 8. Januar (amerika21 berichtete). Die EBC-Medien hielten an der Bezeichnung "Demonstrierende" fest, während die Randalierer:innen in anderen Medien als "Vandalen" oder "Putschisten" bezeichnet wurden.

Costa erklärte am Tag ihres Amtsantritts, sie werde sich als Leiterin der EBC bemühen, "mehr Schwarze Männer und Frauen, mehr Mitglieder der LGBTQIAPN+-Gemeinde, mehr Quilombolas, mehr indigene Menschen" im Programm und in den zu sendenden Geschichten zu zeigen. "Wir müssen das wahre Brasilien zeigen, damit es sich selbst besser kennenlernen kann". Weiterhin sagte sie, dass die EBC ihre "soziale Mission" wiederentdecken werde und betonte, dass das Unternehmen der Bevölkerung dienen und "sich um die Unsichtbaren, die Ausgegrenzten kümmern sollte, um diejenigen, die von den kommerziellen Medien als uninteressant oder unrentabel angesehen werden". Sie selbst bezeichnete den Tag ihres Amtsantritts als "Tag der Wiedergeburt eines öffentlichen Kommunikationsprojekts".

Auch Paulo Pimenta, Minister des Sekretariats für soziale Kommunikation (Secom), in dessen Verantwortungsbereich die EBC fällt, nahm an der Veranstaltung zum Amtsantritt Costas teil. Pimenta betonte, dass eine der großen Herausforderungen darin bestehe, die EBC zu einer internationalen Referenz zu machen: "Ich mag es nicht, wenn sie sagen, dass wir eine BBC sein sollen. Ich möchte, dass die Leute überall, wo ich hinkomme, zu uns sagen: 'Wir wollen eine EBC sein'". 

Er hob des Weiteren die Rolle der Nachrichtenagentur Agência Brasil, die dem EBC untersteht, hervor: "Wir haben es hier mit einer mächtigen Nachrichtenagentur zu tun, die einen Großteil der Presse der Gemeinden, der Radiosender und der Websites in den entlegensten Gebieten Brasiliens versorgt und die Sicherheit geben muss, dass unser Kommunikationsunternehmen weder Fake News noch Desinformationen verbreitet, sondern eine Agentur ist, die Dienstleistungen anbietet und glaubwürdige Informationen überträgt".

"Wir werden eine Stimme für diejenigen sein, die keine Stimme haben, für diejenigen, die oft nicht gesehen werden, aber von nun an wird sich EBC für Demokratie, Souveränität und den Kampf gegen Ungerechtigkeit einsetzen", ergänzte er. 

Neben Costa gehören vier weitere Frauen zum neu einberufenen Leitungsteam der EBC: Rita Freire, Vorsitzende des Kuratoriums der EBC, Juliana Cézar Nunes, eine Angestellte des Unternehmens, und die Journalistinnen Nicole Briones und Flávia Filipini.

Die 41-jährige Kariane Costa, die seit 2012 bei der EBC arbeitet, war während der Regierungszeit Bolsonaros mit dem Unternehmen zerstritten. Im Jahr 2021 reichte sie als Arbeitnehmer:innenvertreterin Beschwerde gegen das Unternehmen ein. Grund hierfür waren eine Reihe an Berichten von Mitarbeitenden über Belästigung und Missbrauch. Daraufhin warf ihr das Unternehmen Verleumdung und Diffamierung vor und leitete ein Entlassungsverfahren ein.

Ihre Kollegin Rita Freire war bereits 2016, nach der Amtsübernahme des neoliberalen Präsidenten Michel Temer, abgesetzt worden. "Nur wenige Stunden nach seinem Amtsantritt wurde der Vorstand aufgelöst und dem Präsidenten der EBC sein Mandat entzogen. Ein Traum wurde auf eine sehr aggressive, gewalttätige und beschämende Weise zerstört. Aber es waren sechs Jahre gemeinsamen Widerstands", sagte sie in ihrer Rede zur Einführung Costas und erinnerte an die Unterstützung durch die Gesellschaft und insbesondere an die Frauen-, Schwarzen- und Kulturbewegungen, die sich für die öffentliche Kommunikation eingesetzt haben.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr