Port-au-Prince. Die haitianische Regierung hat für drei Monate den Ausnahmezustand in den Departements Ouest, Artibonite und Centre verhängt. Die Maßnahme soll den Behörden zusätzliche Befugnisse im Kampf gegen die eskalierende Bandengewalt geben, wie das Büro des Premierministers mitteilt.
Diese Entscheidung fiel in eine Zeit beispielloser Gewalt. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden zwischen Oktober 2024 und Juni 2025 in den betroffenen Regionen mehr als 1.000 Menschen getötet, rund 200 verletzt und 620 entführt. Die kriminellen Banden kontrollieren mittlerweile bis zu 90 Prozent von Port-au-Prince und dehnen ihren Einfluss auf andere Landesteile aus.
"Die Unsicherheit hat schädliche Folgen sowohl für das Leben der Bürger als auch für die verschiedenen Aktivitätssektoren des Landes", erklärte das Premierministerium. Angesichts des Ausmaßes der Krise sei es "unerlässlich, eine wichtige Mobilisierung staatlicher Ressourcen und institutioneller Mittel zu verfügen".
Der Ausnahmezustand soll auch die schwere Agrar- und Ernährungskrise angehen, die besonders das Departement Artibonite trifft. Haitis wichtigstes Reisanbaugebiet leidet sehr unter der Gewalt. Bandenangriffe zwangen viele Landwirte zur Flucht von ihren Feldern, was die Nahrungsmittelproduktion drastisch reduzierte.
Parallel zum Ausnahmezustand ernannte die Regierung Vladimir Paraison zum Interimsdirektor der Nationalpolizei. Paraison war zuvor Sicherheitschef des Nationalpalasts. Das Premierministerium begründete die Berufung mit der "Notwendigkeit, die menschlichen, materiellen und logistischen Ressourcen der Polizei effektiver zu mobilisieren, um Ordnung, Sicherheit und Frieden wiederherzustellen".
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Gleichzeitig übernahm Laurent Saint-Cyr die Präsidentschaft des Übergangspräsidialrats (CPT), des Gremiums, das die nächsten Wahlen organisieren soll. In seiner Antrittsrede forderte Saint-Cyr die internationale Gemeinschaft auf, mehr Soldaten ins Land zu entsenden, um die Banden zu kontrollieren.
Seit 2023 sind bereits Soldaten aus Kenia, Jamaika, Santa Lucia, Antigua und Barbuda sowie Grenada im Rahmen der "Multinationalen Sicherheitsunterstützungsmission" in Haiti stationiert. Die vom UN-Sicherheitsrat am 2. Oktober 2023 genehmigte Mission soll die haitianische Nationalpolizei unterstützen. Trotz ihrer Präsenz steigen die Mordzahlen weiter an.
Der CPT befindet sich nach fast vier Jahren ohne nennenswerte Erfolge bei der Gewaltbekämpfung in einer Legitimitätskrise. Die anhaltende Eskalation stellt die Wirksamkeit sowohl der nationalen als auch der internationalen Bemühungen zur Stabilisierung des Landes infrage.
Auch auf die Nachbarländer wirkt sich die Gewalt in Haiti aus. Die Dominikanische Republik deportiert nach eigenen Angaben durchschnittlich 30.000 Haitianer pro Monat seit der Verschärfung ihrer Migrationspolitik im Oktober. Seit Jahresbeginn wurden bereits über 215.000 Haitianer in ihr Heimatland zurückgeschickt, obwohl internationale Organisationen wegen der extremen Gewalt von Abschiebungen abraten.
Präsident Luis Abinader hatte im April 15 Maßnahmen gegen die haitianische Migration angekündigt, darunter umstrittene Kontrollen in Krankenhäusern, die zur Deportation von Schwangeren und Wöchnerinnen führten.

