Buenos Aires. Seit Anfang Dezember brennen im argentinischen Teil Patagoniens große Wald- und Buschflächen. Professionelle Feuerbrigaden und freiwillige Helfer sind teilweise hilflos gegenüber den Brandherden. Die Gründe für die seit zehn Jahren immer verheerenderen Brandkatastrophen sind vielfältig.
Im Westen der Provinzen Neuquén und Chubut wurden seit dem 5. Januar bisher über 21.000 Hektar Wald, Busch und Farmland vernichtet. 3.000 Touristen mussten insbesondere aus dem Nationalpark Los Alerces in der Provinz Chubut an der Grenze zu Chile evakuiert werden. Der am vergangenen Wochenende einsetzende Regen in einigen betroffenen Zonen konnte die Feuer nur leicht eindämmen. Attila Missura, Bewohner und Touristenführer der Region, erklärt: "Es ist wie ein Kriegszustand". Zwar kämpften über 500 Feuerbrigaden, Rettungskräfte, Feuerwehrleute, Sicherheitskräfte und Freiwillige gegen die Flammen, jedoch kamen die Löschflugzeuge erst sehr spät, obwohl die Behörden rechtzeitig informiert waren, sagte Missura.
Bereits im Sommer des vergangenen Jahres hatte es die größten Waldbrände der letzten 30 Jahre mit 32.000 Hektar vernichtetem Land gegeben. Viermal mehr als im vorangegangenen Sommer (amerika21 berichtete).
Die Einsatzkräfte und die Institutionen sind überfordert mit der Intensität und der Anzahl der Brandherde, daher kommen aus anderen Provinzen wie Córdoba Feuerbrigaden zur Unterstützung. Auch Chile ist inzwischen der argentinischen Bitte um Unterstützung nachgekommen und hat die Entsendung eines Hubschraubers und eines Flugzeugs zugesagt. Weitere Fahrzeuge und Freiwillige kommen ebenfalls aus der benachbarten chilenischen Provinz Los Lagos.
Die Gefahr besteht nicht nur in der Vernichtung der natürlichen Flora und Fauna, sondern auch in der Bedrohung des gesamten ökologischen Gleichgewichts Patagoniens.
Der Klimawandel gilt für die immer mehr um sich greifenden Brände als Hauptursache, sagte Hernán Giardini von Greenpeace. Elektrische Gewitter und Blitze haben mehrfach Feuer entfacht. Auch extrem trockene Sommer mit immer höheren Temperaturen und die nachlassenden Schneefälle im Winter sorgen für ständige Brandgefahr. Plantagen von exotischen Pinien zur Holzproduktion haben gigantische Ausmaße von 100.000 Hektar angenommen. In einigen Regionen sind sie größer als die natürlichen Wälder. Sie sorgen für zusätzlichen Wassermangel und fungieren gleichzeitig als Brandbeschleuniger.
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Trotz der hohen Gefahrenlage hat die Regierung von Javier Milei den Haushalt für das staatliche System zum Feuermanagement (Sistema nacional de Manejo de Fuego, SNMF) um 70 Prozent gekürzt und sieht keine Notwendigkeit für Präventivmaßnahmen. Milei kündigte die Abschaffung des Gesetzes zum Feuermanagement an. Das Regelwerk bestimmt, dass durch Brand vernichtete Waldflächen für 60 Jahre und Busch- und Landwirtschaftsflächen für 30 Jahre nicht umgenutzt werden dürfen.
Máximo Kirchner, einer der Initiatoren der Gesetzesänderung von 2023, kritisierte die Regierung daher in Bezug auf die aktuelle Katastrophensituation scharf: "Sie sagten, das Gesetz zum Brandmanagemant entmutige die Produktion. Noch eine Lüge mehr."
Analysten vermuten hinter der Politik der argentinischen Regierung die Einladung ausländischen Kapitals. Regelwerke wie das Gesetz über den Boden, die Wälder, die Gletscher und eben das SNMF limitieren den Verkauf auf maximal 15 Prozent des Landes an ausländische Kapitalgeber. Das Abkommen zwischen der Regierung Milei und den Provinzgouverneuren, bekannt als Pacto de Mayo (Mai-Pakt), sieht die Abschaffung oder die Auflockerung dieser Gesetze vor. Die Brände könnten ein nützlicher Auftakt zu den anstehenden Gesetzesänderungen sein, wie die argentinische Analystin und Umweltredakteurin Lihuen Eugenia Antonelli erklärt. 13 Millionen Hektar befinden sich bereits in ausländischer Hand.
Während der Provinzgouverneur von Chubut, Ignacio Torres, und das Sicherheitsministerium Mapuche-Untergrundgruppen des Umweltterrorismus beschuldigen, weisen diese die Anschuldigungen in einem Kommuniqué deutlich zurück, da sie die ersten Betroffenen der Brände seien und sie ihre Häuser, ihre Tiere und ihren Naturwald verlören. Wie es in der Erklärung weiter heißt, sollten die Mapuche der Regierung nur als Sündenböcke dienen, um die Immobilieninteressen zu verdecken. Bereits im vergangenen Sommer wurden Mapuche-Organisationen von der Regierung der Störung des sozialen Friedens beschuldigt, als sie gegen die Macht der Ölfirmen in der Region protestierten (amerika21 berichtete).
Ein wiederkehrender Verdacht von Anwohnern der Region richtet sich gegen israelische Soldaten der IDF, die als Rucksacktouristen durch den argentinischen und chilenischen Teil Patagoniens reisen und immer wieder in Brandvorfälle verwickelt sind. Wie bereits in den Jahren 2011, 2017 und 2023 wurden auch im vergangenen Jahr in Chubut israelische Touristen von den Bewohnern als Verursacher der Brände angezeigt. Im vergangenen Jahr hatte die Regierung Milei die Einreisebestimmungen und den Erwerb von Grundbesitz im ländlichen Raum für israelische Staatsbürger erheblich erleichtert (amerika21 berichtete).
Auch in diesem Jahr wurden israelische Touristen dabei gefilmt, wie sie in verbotenen Zonen Lagerfeuer anzündeten, und in Chile wurde ein israelischer Tourist festgenommen, nachdem er mit einer brennenden Zigarette im Nationalpark Torres del Paine angetroffen wurde. Obwohl die Direktorin der chilenischen Forstbehörde Conaf, Elisabeth Muñoz, in einem Interview erklärte, dass seit 2012 73 Prozent der wegen Brandstiftung des Landes verwiesenen Touristen Israelis seien, halten Analysten die direkten Anschuldigungen für eine antisemitische Konspiration.


