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14.09.2010 Venezuela / Wirtschaft

Falsche Berichterstattung über Venezuelas Wirtschaft

Wenn man einen perfekten Eindruck davon bekommen will, wie sehr Medien einer offiziellen Linie folgen, genügt ein Blick auf die Prognosen über den Niedergang der venezolanischen Wirtschaft
Falsche Berichterstattung über Venezuelas Wirtschaft

Ein Großteil der Medien wird häufig in Anspruch genommen, wenn die US-Regierung wieder einmal eine ernsthafte politische Public-Relation-Kampagne im außenpolitischen Bereich startet. Aber fast nirgends ist diese dann so monolithisch wie im Falle Venezuelas. Sogar im Vorlauf des Irakkrieges gab es eine nennenswerte Zahl von Reportern und Leitartiklern, die nicht die offizielle Darstellung übernahmen. Im Falle von Venezuela jedoch gleichen die Medien eher einer Jury aus 12 Leuten, die zusammen nur ein einziges Gehirn besitzen.

Seitdem die venezolanische Opposition beschlossen hat, ihre Kampagne zu den Septemberwahlen auf dem Thema "Venezuelas hohe Mordrate" aufzubauen, ist die internationale Presse mit Geschichten zu dieser Thematik geradezu überschwemmt worden – einige davon in hohem Maße übertrieben. Dies ist zur Zeit ein erstaunlicher Public-Relation-Erfolg für die venezolanische Opposition. Auch wenn die venezolanischen Medien - an ihrem Publikum gemessen - sich mehrheitlich noch immer in Händen der politischen Opposition befinden, so ist das bei der internationalen Presse jedoch nicht der Fall.

Normalerweise benötigt man irgendeinen Nachrichtenaufhänger, und wenn es sich dabei bloß um den zehntausendsten Mord oder um eine politische Erklärung des Weißen Hauses handelt, um eine Medienkampagne dieser Größenordnung in Gang zu setzen. Aber in diesem Fall war alles, was man dazu brauchte, nur eine Entscheidung der venezolanischen politischen Opposition dahingehend, dass Mord zum Hauptthema ihrer Kampagne werden sollte, und schon stürzte sich die internationale Presse darauf.

Das System "Nur schlechte Nachrichten zu jeder Zeit" war sogar in der Zeit des venezolanischen wirtschaftlichen Rekordwachstums von 2002 bis 2008 in überwältigender Weise vorherrschend. Die Wirtschaft wuchs wie nie zuvor, die Armut wurde mehr als halbiert und es gab große Beschäftigungszuwächse. Die realen Sozialausgaben wurden mehr als verdreifacht und die kostenlose Gesundheitsvorsorge auf Millionen von Menschen ausgedehnt. Man wird jedoch sehr gründlich suchen müssen, um diese grundlegenden Tatsachen in einem Artikel der etablierten Medien vorzufinden, obwohl die zugehörigen Zahlen unter Wirtschaftsfachleuten bei internationalen Organisationen, die sich mit Statistik befassen, kaum umstritten sind.

So befand zum Beispiel im Mai die UN-Kommission für Lateinamerika (ECLAC), dass Venezuela von 2002 bis 2008 mehr als jedes andere Land in Lateinamerika die Ungleichheit reduziert und am Ende die gleichmäßigste Einkommensverteilung der ganzen Region erreicht hat. Die Vermeldung dieser Fakten in der großen internationalen Presse steht noch aus.

Venezuela geriet 2009 in eine Rezession und man kann sich vorstellen, eine wie viel größere Presseaufmerksamkeit seither der Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) geschenkt wurde, als zu Zeiten, in denen das Wachstum in Venezuela schneller vonstattenging, als in jeder anderen Wirtschaft der Hemisphäre. Dann wertete die Regierung im Januar die Währung ab und die Presse sagte einen hohen Anstieg der Inflation - um bis zu 60 Prozent für dieses Jahr  - voraus. "Stagflation" – Rezession plus steigende Inflation – wurde zum neuen Modewort.

Die "außer Kontrolle geratene" Inflation fand nicht statt – tatsächlich war die Inflation im Laufe der letzten drei Monate mit auf das Jahr umgerechneten 21 Prozent beträchtlich niedriger als vor der Abwertung. Dies ist ein weiterer Indikator dafür, dass diejenigen Wirtschaftsfachleute, die als Quellen auf die Hauptmedien vertrauen, nur ein begrenztes Verständnis hinsichtlich des Funktionierens der venezolanischen Wirtschaft entwickelt haben.

Nun sieht es so aus, als ob Venezuela möglicherweise im zweiten Viertel dieses Jahres seine Rezession hinter sich gelassen hat. Auf einer saisonbereinigten, aufs Jahr umgerechneten Grundlage ist die Wirtschaft im zweiten Vierteljahr um 5,2 Prozent gewachsen.

Im Juni gab Morgan Stanley die Berechnung aus, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 6,2 Prozent und im nächsten Jahr um 1,2 Prozent schrumpfen würde. Der Internationale Währungsfond (IWF) prognostiziert ein langfristiges Katastrophenszenarium für das Land: ein negatives Pro-Kopf-Wachstum des BIP über die nächsten fünf Jahre hinweg.

Es ist der Mühe wert festzuhalten, dass sich der IWF hinsichtlich kreativer Vorhersagen in heftigem Wettbewerb befand mit den Autoren von "Dow 36.000" mit ihrer wiederholten, wild daneben liegenden Unterschätzung der venezolanischen Wirtschaft während ihrer Expansionsphase.

All dies mag im Rahmen der Erwartungen liegen, wenn wir dies mit der Berichterstattung über die umfangreichste Wirtschaft der Welt, nämlich die der Vereinigten Staaten vergleichen, wobei die breite Mehrheit der Medien die beiden größten Kapitalblasen der Weltgeschichte irgendwie verpasst haben müssen – die des Aktienmarktes und die Immobilienblase. Dabei gab es jedoch bedeutende Ausnahmen (zum Beispiel die New York Times im Jahr 2006). Was Venezuela angeht ist man dagegen im Bilde.

Natürlich ist ein fortgesetztes Wachstum in Venezuela nicht gesichert; es wird vom Engagement der Regierung abhängen, ein hohes Niveau der Gesamtnachfrage zu erreichen und dieses beizubehalten. In diesem Sinne ist die augenblickliche Lage ähnlich wie in den Vereinigten Staaten, in der Eurozone und in vielen anderen entwickelten Ökonomien, deren wirtschaftliche Erholung gerade zum jetzigen Zeitpunkt langsam und unsicher verläuft.

Venezuela besitzt angemessene ausländische Devisenreserven, bedient einen Handels und Kontenüberschuss, hat ein geringes Niveau an öffentlicher Auslandsverschuldung und verfügt, wenn benötigt, über eine ziemlich hohe Auslandskreditfähigkeit. Dies wurde erst kürzlich im April durch einen Kredit über 20 Milliarden Dollar (etwa 6 Prozent des venezolanischen BIP) aus China unter Beweis gestellt.

So ist es also äußerst unwahrscheinlich, dass sich das Land einer Devisenknappheit ausgesetzt sehen könnte. Es kann daher öffentliche Ausgaben und Investitionen in dem Maße tätigen, das benötigt wird, um ein ausreichendes Wirtschaftswachstum sicher zu stellen, um Beschäftigungszahlen und Lebensstandards in einer Weise zu steigern, wie das vor der Rezession von 2009 geschehen konnte. (Unsere Regierung in den Vereinigten Staaten könnte das Gleiche tun, und sogar sehr viel leichter – aber das scheint derzeit nicht vorgesehen zu sein.) Dies kann über lange Jahre so fortgesetzt werden.

Was auch geschieht, wir können eine komplett einseitige Berichterstattung durch die Medien erwarten. Denken Sie also daran: sogar wenn Sie zum Thema Venezuela die New York Times lesen oder National Public Radio hören, dann bekommen Sie nichts anderes als Fox News. Wenn Sie etwas Ausgewogeneres wollen, dann müssen Sie selbst im Internet danach suchen.

 


Mark Weisbrot ist ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, Kolumnist und Kodirektor des Center for Economic and Policy Research (CEPR) in Washington, D.C. Er schreibt als Kommentator in Publikationen wie in der New York Times, im britischen The Guardian und in Brasiliens größter Tageszeitung Folha de S. Paulo.

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