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12.10.2010 Ecuador / USA / Politik

CIA-Veteran hinter Putschversuch in Ecuador

US-Institutionen bauen gezielt Netzwerke in der indigenen Bewegung des südamerikanischen Landes auf. Direkte Verbindung zu Putschversuch

In Ecuador ist man nicht sonderlich erstaunt, dass die USA in den jüngsten Putschversuch in diesem Land verstrickt sind. Laut einer Umfrage des US-Umfrageinstitutes Asisa glauben über 50 Prozent der Ecuadorianer, dass die USA die Revolte gegen Ecuadors Präsidenten Rafael Correa Ende September unterstützt haben.

Der ehemalige CIA-Angehörige Philip Agee berichtete bereits in den 1970er Jahren in seinem Buch "Inside the Company: CIA Diary" wie er selbst einen Einsatz leitete, um die fortschrittliche Regierung von José Maria Velasco in Ecuador zu unterminieren – bis zu ihrer gewaltsamen Entmachtung. Agee schildert, wie die CIA gesellschaftliche Organisationen, politische Bewegungen, Massenmedien und Gewerkschaften – sowohl im rechten als auch im linken Spektrum – infiltrierte. Schließlich gelang es ihr sogar, Agenten innerhalb der Regierungsbehörden anzuwerben, um den Staatsapparat von innen zu sabotieren. Der Einsatz war äußerst effektiv. Es dauerte nur ein Jahr, bis die Regierung von Velasco stürzte.                                                               

Velasco wurde von seinem Stellvertreter Julio Arosemana abgelöst, der wegen seiner engen Beziehungen zu Kuba rasch das Wohlwollen aus Washington verlor. Auch er wurde in einem Militärputsch am 11. Juli 1963 gestürzt. Auch dieser Umsturz wurde von der CIA organisiert.

John Perkins berichtete später in seinem Buch "Bekenntnisse eines Economic Hit Mans", wie Washington den Präsidenten Jamie Roldós Aguilera umbrachte, einen fortschrittlichen Ecuadorianer, der bei einem Flugzeugunglück 1981 umkam. Die genauen Umstände dieses Unglücks sind bis heute nicht geklärt. Roldós Aguilera war nur zwei Jahre an der Macht.

Perkins deutete an, dass etwas ähnliches auch Präsident Rafael Correa zustoßen könnte. Gründe dafür seien seiner anti-neoliberale Politik, seinen Beziehungen mit Venezuela, Kuba und Iran sowie seine Wirtschaftspolitik, die darauf abzielt, die Kontrolle über die reiche Erdölindustrie in Ecuador zum Nutzen seines Landes wiederzuerlangen.

Diese Vorhersage bewahrheitete sich am 30. September dieses Jahres, als Putschkräfte einen Staatsstreich versuchten und Präsident Correa sogar ermorden wollten.

Die von der Botschaft der USA unterwanderte nationale Polizei – diese Infiltration wurde in einem Bericht des Verteidigungsministeriums Ecuadors 2008 nachgewiesen – war Auslöser der Krise Ende September. Absolventen der US-Militärakademie "School of the Americas" wie Oberst Manuel E. Rivadeneira Tello führten die  Bestrebungen zur Ermordung von Präsident Correa an, als das Präsidentenfahrzeug während der Rettungsaktion beschossen wurde.

Aber es gibt noch eine andere Figur, die aus dem Hintergrund die Destabilisierungskampagne gegen die Regierung Correa leitete, indem er die indigenen Bewegungen sowie sozialen und politischen Organisationen der "Linken" infiltrierte.

Philip Agee berichtete über Jahrzehnte hinweg, wie die US-Behörde für Entwicklungshilfe USAID als CIA-Tarnorganisation diente, um Geldmittel für Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und Kommunikationsmedien zu kanalisieren. In den 1980er Jahren schuf die US-Regierung zudem eine weitere Einrichtung, um diese Arbeit mit legitimerer Fassade durchzuführen.

1983 entstand die US- Stiftung National Endownment for Democracy (NED) auf der Basis von Gesetzen des US-Kongresses. Der Auftrag lautete, fortan in aller Welt "Demokratie zu fördern". Es war ein Projekt, das von der US-Regierung unter Ronald Reagan und seinen engsten Beratern gefördert wurde, unter ihnen Norman A. Bailey, damals Sonderbeauftragter des US-Präsidenten für Angelegenheiten der Nationalen Sicherheit.

Der NED wurde erstmals in Nicaragua genutzt, um die sandinistische Regierung zu destabilisieren. Die dafür Verantwortlichen erreichten ihr Ziel nach sechs Jahren harter Arbeit, in deren Verlauf sie alle Bereiche der Zivilgesellschaft im sandinistischen Nicaragua unterwanderten, um Auseinandersetzungen anzuheizen und das Volk zu zermürben. Nach ihrem Erfolg in Nicaragua wurde der NED zur Hauptagentur für die Finanzierung und Beratung von Bewegungen der "Zivilgesellschaft", die vorteilhaft für die US-Interessen agieren. In Venezuela finanzierte das NED alle in den Staatsstreich gegen Präsident Chávez im April 2002 verwickelten Gruppen und hat seitdem weiterhin die politische Opposition gegen Chávez finanziert.

Wo auch immer eine Regierung nicht mit der Agenda der USA übereinstimmt, ist der NED zur Stelle und finanziert die Destabilisierung. Ecuador entkommt dieser traurigen Realität nicht.

 Denn auch in den jüngsten Putschversuch in Ecuador verwickelte Gruppen haben Verbindungen mit dem NED und der USAID. Aber vor allem ein Kontakt beweist die weitgreifende Operation, die Washington gegen die Regierung von Rafael Correa begonnen hat.

Am 12. Juli 2005 schickte der Chef der Strategischen Abteilung für Entwicklung der USAID in Ecuador eine E-Mail an die anderen Vertreter der USAID in Quito, in der er seine Besorgnis über den "chavistischen" Einfluss in Ecuador ausdrückte. Die Botschaft beinhaltete eine Reihe von Texten, die zunehmende Beziehung zwischen Venezuela, Kuba und Ecuador aufzeigen sollten.

Im gleichen Jahr noch wurde die Indigene Unternehmervereinigung von Ecuador (CEIE) gegründet, eine Organisation, die sich mit der "Förderung der lokalen und regionalen Wirtschaftsentwicklung in indigenen Siedlungen" beschäftigt. In Ecuador ist allgemein bekannt, dass die Stimmen der indigenen Völker von grundlegender Bedeutung sind, um regierungsfähig zu sein. Die Kandidaten, die die Unterstützung der indigenen Netzwerke und Bewegungen erlangen, sind normalerweise auch die Sieger der Wahlen. Und in Ecuador sollten im Folgejahr 2006 Präsidentschaftswahlen stattfinden.

Die CEIE entstand mit Geldern des NED und der USAID. Gegründet wurde sie von Ángel Medina, Mariano Curicama, Lourdes Tibán, Fernando Navarro und Raúl Gangotena. Interessanterweise findet sich Norman Bailey, US-Geheimdienstagent und Experte in verdeckten Operationen, unter ihren drei Ehrenmitgliedern.

Bailey war Mitglied der US-Streitkräfte, in denen er sich auf strategische Aufklärung spezialisierte. Er war Ökonom des Erdölkonzerns Mobile International Oil. Während dieser Tätigkeit studierte und analysierte er die weltweite Erdölindustrie. Er gründete das Unternehmen Overseas Equity Inc., ein internationaler Finanzberater. Später schloss er sich dem Finanzunternehmen Bailey, Tondu, Warwick & Co. an, dessen Vorsitz er übernahm. Diese Firma befasste sich mit Schuldenzahlungen der Entwicklungsländer.

1981 wurde Bailey zum Sonderbeauftragten von US-Präsident Ronald Reagan für Angelegenheiten der Nationalen Sicherheit und zum Leiter für Internationale wirtschaftliche Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses ernannt. Ab 1984 war Bailey Berater verschiedener Regierungsagenturen, Konzerne, Banken, Finanzeinrichtungen und mulinationaler Unternehmen in fünf Kontinenten.

2006 beschloss der damalige US-amerikanische Director of National Intelligence (Koordinator aller 15 US-amerikanischen Nachrichtendienste, d. Red.), John Negroponte, die Sondermission der Geheimdienste für Venezuela und Kuba zu schaffen. Norman A. Bailey wurde ernannt, um diese Mission zu leiten.

Es war das erste Mal in der US-Geschichte, dass die Geheimdienste Sondermissionen auf hohem Niveau für bestimmte Länder schufen. Allein drei solche Missionen wurden 2006 gegründet: für Iran, Nordkorea und Venezuela/Kuba.

Mit einem Budget von vielen Millionen steigerte Bailey die Destabilisierungsoperationen gegen die Regierungen in Caracas und Havanna. Gleichzeitig wurde jede andere Regierung oder Bewegung in der Region, die sich mit Venezuela oder Kuba verbündete, Ziel der verdeckten Operationen Baileys.

Obwohl Bailey 2007 die Sondermission der Geheimdienste für Venezuela und Kuba verließ, blieb er "Ehrenmitglied" der CEIE in Ecuador. Bailey war und ist auch weiterhin "Berater" der US-Regierung in Geheimdienstfragen.

Die CEIE unterhält enge Verbindungen mit den beiden wichtigsten indigenen Bewegungen in Ecuador – und auch mit den beiden politischen Bewegungen der "Linken", die immer stärker die Regierung von Rafael Correa kritisieren und gegen sie opponieren.

Von den fünf Gründern der CEIE haben vier von ihnen zur Regierung der Vereinigten Staaten erstaunliche Verbindungen:

Ángel Medina ist Gründer und Präsident der Stiftung Q'ellkaj, einer anderen von der USAID und dem NED finanzierten Organisation, die versucht, die große indigene Gemeinde Ecuadors zu infiltrieren und Kräfte zu binden.

Fernando Navarro ist Präsident des Verbandes der Handelskammern von Ecuador, vertritt also offensichtlich Unternehmerinteressen und versucht, die indigene Gemeinschaft zugunsten des Finanzsektors zu beeinflussen. Der Verband der Handelskammern von Ecuador hat auch Finanzmittel vom NED und von der USAID erhalten.

Raúl Gangotena arbeitete als Berater der Weltbank, er war Stipendiat des US-amerikanischen Außenministeriums mit einem Fulbright-Stipendium, Botschafter von Ecuador in den USA von 2003 bis 2005 und Untersuchungsbeauftragter des NED im Jahr 2005 – dem Jahr, in dem die CEIE gegründet wurde. Merkwürdig ist, dass Gangotena zur gleichen Zeit Botschafter Ecuadors in den USA war, als er für den NED arbeitete. Dies beweist die tiefe Infiltration der USA in die ecuadorianische Politik.

Lourdes Tibán war Beraterin des Politischen Rats der ECUARUNARI, einer Gründungsorganisation des mächtigen Indigenendachverbandes CONAIE. Ihre Verbindungen zu NED und USAID beeinflussten zweifellos ihre Arbeit bei ECUARUNARI und CONAIE.

2009 und 2010 wurde die CONAIE zu einer der Hauptkräfte gegen die Regierung von Rafael Correa. Während des Putschversuchs vom 30. September gab die CONAIE eine Presseerklärung heraus, in der Präsident Correa für die politische Krise im Land verantwortlich gemacht wird. Ihr politischer Gegenpart PACHACUTIK gab eine andere Presseerklärung heraus, in der dieser Verband den Putschversuch unterstützt und zum sofortigen Rücktritt von Correa aufruft.

Die Rolle von Norman Bailey in den letzten Destabilisierungsplänen in Ecuador darf nicht unterschätzt werden. Die Anwesenheit dieses CIA-Veterans in einer mit dem Indigenen- und Unternehmerbereich Ecuadors verbundenen Organisation beweist, dass die USA weiterhin die Souveränität von Ecuador angreifen.

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