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23.09.2016 International / Wirtschaft

Monsanto, Bayer und die digitale Kontrolle der Landwirtschaft

Wird die Fusion mit Monsanto genehmigt, wird Bayer etwa ein Drittel des Welthandels für Agrargifte und kommerzialisiertes Saatgut kontrollieren
Das Bayer-Kreuz in Leverkusen

Das Bayer-Kreuz in Leverkusen

Quelle: H005
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Am Mittwoch, 14. September, akzeptierte Monsanto schlussendlich die dritte Kaufofferte von Bayer. Damit wird Bayer das größte globale Unternehmen für Agrargifte und Saatgut, nachdem es bereits einer der weltweit bedeutendsten Pharmakonzerne ist. Trotz der Dimension und der weitreichenden Implikationen handelt es sich jedoch nur um eine von mehreren jüngst konkretisierten Fusionen zwischen multinationalen Unternehmen des Agrobusiness. Und es gibt Bewegungen bei Düngemittel-, Maschinen- und Datenbankkonzernen, die mit der Landwirtschaft zu tun haben. Es wird eine Schlacht geführt, bei es nicht nur um die Marktkontrolle, sondern ebenso um die neuen Technologien und die digitale Kontrolle sowie die Satellitenüberwachung der Landwirtschaft geht.

Verschiedene Faktoren fließen bei der Beschleunigung der 2014 begonnen Fusionsprozesse zusammen. Einer davon: Die gentechnisch veränderten Pflanzungen treffen auf viele Probleme. Das treibt die Gentechnik-Giganten dazu, angesichts wachsender Anfälligkeit nach einer stärkeren Marktpositionierung zu suchen. Es ist vielsagend, wenn eine konservative Tageszeitung wie das Wall Street Journal eingesteht, dass der Markt durch "die Zweifel" der US-Bauern bezüglich dieser Pflanzungen beeinträchtigt ist. Nach 20 Jahren auf dem Markt enthüllen diese zahlreiche Nachteile. "Super-Unkräuter", die gegen die Agrargifte resistent sind. Erträge, die weder die hohen Kosten des gentechnisch veränderten Saatgutes noch die Kosten für den erhöhten Einsatz von zudem immer stärkeren Agrargiften gegen Unkräuter und resistente Plagen und ebenso wenig die vermehrte Arbeit zur Kontrolle der Pflanzen aufwiegen. Der Preisverfall für Agrargüter erhöhte das Unbehagen. Er hat dazu geführt, dass Bauern, die dieses Saatgut verwendeten, nun wieder nach nicht-transgenem Saatgut suchen, das billiger ist und gleichen oder besseren Ertrag bringt1.

Schwindelerregender Prozess von Fusionen

Wenn die Fusion mit Monsanto genehmigt wird, wird Bayer etwa ein Drittel des Welthandels für Agrargifte und kommerzialisiertes Saatgut kontrollieren. Der Deal folgt den Fusionen von Syngenta-ChemChina und DuPont-Dow in einem schwindelerregenden Prozess von Zusammenschlüssen und Aufkäufen in der Saatgut- und Agrarchemiebranche. Monsanto, Syngenta, DuPont, Dow, Bayer und BASF kontrollieren zusammen 100 Prozent des Marktes für gentechnisch verändertes Saatgut. Nun würden drei Unternehmen übrig bleiben. Die Fusionen werden von mehreren Anti-Monopolbehörden beobachtet, denn sie bedeuten eine Blockbildung mit einer enormen Macht auf Schlüsselmärkten und sichere Preiserhöhungen für die landwirtschaftlichen Inputs. Außerdem werden sie zusätzliche sie begünstigende Gesetze und Regulierungen erzwingen, die gegen die Ernährungssouveränität und das kleinbäuerliche Saatgut gerichtet sind. Allein die Tatsache, dass drei Unternehmen das gesamte gentechnisch veränderte Saatgut kontrollieren, sollte ein ausreichendes Argument für jegliches Land sein, diesen Anbau wegen der einhergehenden unakzeptablen Abhängigkeit abzulehnen.

Doch der Kontext der Vorgänge in der landwirtschaftlichen Nahrungskette ist noch komplizierter. Er umfasst die nächsten Glieder, wie die Action Group on Erosion, Technology and Concentration (ETC Group) in ihrer Analyse der Fusion Monsanto-Bayer ausführt2. Die Konsolidierung der Branchen für Saatgut und Agrargifte ging über Jahrzehnte und stößt nun an ihr Limit. Doch die Umsätze dieser beiden Sektoren sind wesentlich geringer als die der Düngemittel- und Maschinenpark-Unternehmen. Letztere Gruppen begannen vor einigen Jahren über strategische Allianzen mit ihrer Intervention in den erstgenannten Branchen. Zudem befinden sie sich in ihrer eigenen Konsolidierung. Kurz von dem Monsanto-Bayer-Abkommen einigten sich mit Agrium und Potash Corp zwei der größten Düngemittelkonzerne auf eine Fusion. Damit entstand das weltweit größte Düngemittelunternehmen. Laut der Industrie-Experten entstand dadurch Druck auf Bayer, das Angebot für Monsanto zu erhöhen.

Es geht um Gewinne, nicht um Nahrungsmittel

Parallel hat der Sektor für Landmaschinen Bündnisse mit den Gentec-Giganten entwickelt, die den Zugang zu Datenbanken zu Landwirtschaft, Boden, Klima, Plagen usw. einschließen. Bei den Landmaschinen handelt es sich nicht mehr nur um Traktoren und Mähdrescher sondern auch um Drohnen, Roboter und GPS-Systeme, die die Datensammlung per Satellit erlauben. 2015 vereinbarte John Deere, das weltweit größte Unternehmen für Landmaschinen, mit Monsanto den Kauf von dessen Tochter für Agrardaten, Precision Planting LLD. Deere wurde jedoch vor dem US-Justizministerium verklagt, welches den Kauf aussetzte, weil John Deere sonst "den Markt der Systeme für Präzisionslandwirtschaft beherrschen würde, sowie zulasten der US-Bauern, die von diesen Systemen abhängen, die Preise anheben und die Innovation verlangsamen könnte". Precision Planting LLD und Deere hätten 85 Prozent des Marktes für Präzisionsanbau dominiert3.

Da die Vereinbarung nicht zustande kam und das Tochterunternehmen sich weiter im Besitz von Monsanto und damit im Fusionspaket befindet, könnte Bayer eine neue Positionierung im Bereich der digitalen Kontrolle erreichen und neue Spielregeln aufstellen. Die Handhabe der Daten über Boden, Klima, Wasser, Pflanzenerbgut und damit verbundene Kräuter und Insekten, wird immer mehr darüber entscheiden, wer die Gesamtheit der ersten Schritte der agroindustriellen Nahrungskette kontrolliert. In diesem Schema sind die Landwirte ein reines Werkzeug im Wettlauf der Unternehmen, Gewinne – nicht Nahrungsmittel – zu erzielen. Das bedeutet eine schwere Beeinträchtigung der Souveränität der Ländern, und nicht nur auf dem Gebiet der Ernährung.


Silvia Ribeiro ist Forscherin der ETC Group. Diese Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Kanada ist eine der großen sogenannten Saatgut-NGOs

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