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07.02.2011 Haiti / Politik

Haiti - ein entwürdigendes Schauspiel

Cholera, eine Wahlfarce und die Rückkehr des ehemaligen Diktators Jean Claude Duvalier überschatten die Erinnerungen am ersten Jahrestag des Erdbebens

Was sich derzeit in der einstigen "Perle der Antillen" abspielt, kann einem das Wasser in die Augen treiben. Drei Wochen sind vergangen seit dem nationalen Gedenken an das monströse Unglück vom 12. Januar 2010, bei dem auf einen Schlag mehr als eine Viertelmillion Menschen ihr Leben lassen mußten und Millionen Überlebende nicht nur ihre Angehörigen verloren, sondern fassungslos vor den Ruinen ihrer früheren Behausungen standen. Der Jahrestag des Erdbebens hat noch einmal das ganze Ausmaß der Katastrophe ins Gedächtnis gerufen. Zum ersten Mal konnten die Menschen in Haiti ihren Schmerz und ihre Trauer kollektiv ausleben, sich gegenseitig trösten und vergewissern, dass das Geschehene nicht ein Albtraum gewesen war, sondern grausame Wirklichkeit. Die ganze Zeit vorher herrschte nur Kampf, Überlebenskampf und Verdrängung, hysterische Geschäftigkeit und mitunter auch Wut. Der Jahrestag zwang zum Innehalten, zum Erinnern im buchstäblichen Sinne: zum Erforschen des Innern, der inneren Befindlichkeit. Eine Unzahl von Gedichten, Episoden, Essays und Erlebnisschilderungen machte die Runde in Zeitungen, Blogs, auf Veranstaltungen, öffentlichen und privaten Versammlungen.

All dies geschah um den 12. Januar 2011 herum. Vier Tage später sollte eigentlich die Stichwahl zwischen den beiden führenden Präsidentschaftskandidaten aus der Wahl vom 28. November stattfinden. Zu dem Zeitpunkt stand allerdings bereits fest, dass es dazu noch nicht kommen würde. Stattdessen wurde die Bevölkerung von Haiti am 16. Januar mit der Nachricht konfrontiert, dass ihr früherer Peiniger Jean Claude Duvalier mit einer Linienmaschine der Air France aus Paris auf der Insel gelandet war.

Jener "Baby Doc", den sie vor 25 Jahren nach heftigen Volksaufständen aus dem Land vertrieben hatten, dessen Häscher mindestens 30.000 Menschen umgebracht hatten, weil sie es gewagt hatten, seinen absolutistischen Regierungsstil zu kritisieren, der gezielt Jagd auf die besten Köpfe des Landes gemacht hatte und sie im berühmt-berüchtigten Fort Dimanche einkerkern und foltern ließ, damit sie nie wieder ihre Stimme gegen ihn erhöben. Ihn hatten sie nach 30 Jahren Tyrannei verjagt, aus eigener Kraft und mit dem Mut der Verzweiflung. Sie haben damit ihre Würde wiedererlangt - ganz im Stil der heutigen Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit in Tunesien, in Ägypten, in Jordanien, im Jemen.

In einem Moment kollektiver Trauer kehrt also dieser Mann in das am Boden liegende Land zurück und trifft auf ein wehrloses Volk, dessen Widerstandswillen inzwischen gebrochen scheint. Erdbeben, Hurrikan, Cholera, eine von außen aufgezwungene Wahlfarce, die noch ein letztes Mal einen Kräfte verschleißenden, kurz aufflackernden Protest gegen offensichtliche Wahlfälschungen zur Folge hatte, haben die letzten Kraftreserven aufgezehrt. Die Bevölkerung scheint sich mit ihrem Los abgefunden zu haben. Sie schaut nur noch teilnahmslos zu, wenn sich die internationalen Würdenträger von OAS, USA, Kanada und EU in hektischer Betriebsamkeit die Klinke in die Hand geben, um nach einem Ausweg aus der selbst verursachten Glaubwürdigkeitskrise zu suchen. Sie weiß, dass ihr die Kraft fehlt, um noch Einfluss auf den Ausgang dieser Schmierenkomödie, genannt Wahlen, zu nehmen. Und sie weiß auch, oder ahnt zumindest, dass es keinen relevanten Unterschied macht, ob der nächste Präsident Frau Manigat oder Herr Martelly heißt. Keine(r) von beiden wird auch nur ansatzweise in der Lage sein, die gigantischen Probleme des Landes in befriedigender Weise zu lösen.

Mehr als zwei Monate sind vergangen, in denen die eigentlichen Probleme des Landes, das Schicksal der immer noch in Zeltstädten lebenden Million Menschen, die Räumung des Schutts, die angemessene Versorgung der Cholerakranken, der Schutz von Frauen und Kindern in den Lagern, der Aufbau von solidem Wohnraum, vollständig überlagert waren von den aufgeregten Debatten um die Bekanntgabe der offiziellen Ergebnisse einer Wahl, an der ohnehin nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung teilgenommen hatte. Und es werden weitere zwei Monate vergehen, bis der ganze Wahlzirkus abgeschlossen sein wird und eine neue Regierung symbolisch mitbestimmen wird, wohin die haitianische Reise gehen soll. Der haitianische Staat ist nur noch eine formale Hülle, die mühsam zusammengehalten wird durch die Präsenz einer 10.000-köpfigen UN-Ordnungsmacht. Seine sozialen Aufgaben werden längst von zahllosen internationalen Nichtregierungsorganisationen erledigt, nicht erst seit dem Erdbeben.

Was sie allerdings nicht leisten können, ist die Vorbereitung eines Ereignisses, das die Lebensgeister der Einwohner Haitis wieder zur Höchstform auflaufen lassen wird: Karneval, der vom 14. bis zum 16. Februar stattfinden wird.

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