Kapitalismus: Die Verflechtungen unter der Pandemie

In kürzester Zeit trat ein, wofür die "Marktkräfte" Monate – oder Jahre? – der Krise benötigt hätten und mit viel höheren politischen Kosten

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"Arbeiter der neuen Normalität“ (Denis Gonsales, Brasilien)
"Arbeiter der neuen Normalität“ (Denis Gonsales, Brasilien)

Die Corona-Pandemie beschleunigte die Prozesse der Krise- und der Rekonfiguration. In kürzester Zeit trat das ein, wofür die Marktkräfte mehrere Monate – oder Jahre? – der Krise benötigt hätten und mit viel höheren politischen Kosten

Hyperkonzentration von Kapital und Reichtum

Zu diesem Zeitpunkt zeigte sich die Wohlstandspyramide sehr viel ausgeprägter und veränderte ihr Profil zugunsten von Geschäften im Bereich High-Tech- und Kommunikation (die berühmten GAFAM 1), aber auch der Bodenschätze (Lithium, Coltan), die sie brauchen, und des Prozesses der materiellen Reproduktion insgesamt (Bergbau, Energie).

Jeff Bezos, der wohlhabendste Mann der USA, verdiente im Jahr 2019 pro Minute 149.319 Dollar, das heißt 8.959.140 Dollar pro Stunde, während ein Arbeiter mit Mindestlohn im gleichen Land pro Stunde lediglich 7,25 Dollar verdiente (im globalen Süden verdient er natürlich noch viel weniger).

Eine Berechnung von J.P. Morgan stellte fest, dass Bezos bereits zum Zeitpunkt der Pandemie mehr als 10.000 Dollar pro Sekunde verdiente, viermal mehr als sein spektakulärer Durchschnittsverdienst im Jahr 2019.

Generell wurden die Graphiken über Gewinne und/oder die Akkumulation von Reichtum viel ausgeprägter, während sich das Produktivitätsprofil deutlich in Richtung Automatisierung bewegte und so eine irreversible Verlagerung von Arbeit und menschlichen Kontakten innerhalb des systemischen Raums verhieß.

In diesem Sinne ist der Fall des US-Softwareunternehmens Zoom Video Communications von Eric Yuan sinnbildlich: Als kleines Unternehmen verdiente es in den drei Monaten der Pandemie vier Milliarden Dollar (Business Insider); gemäß dem durchschnittlichen Mindestlohn in den USA entspricht dies 400 Millionen Arbeitsstunden oder der Arbeit von 224.341 Arbeitern während eines Jahres mit einem Jahresdurchschnitt von 1.783 Stunden.

Immanenter Autoritarismus

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, stellen wir fest, dass sich die produktive Verflechtung beschleunigte, indem sie einen großen Teil der kleinen und mittleren Unternhemen (und sogar einiger größerer wie Hertz, mit vielleicht veralteten Computersystemen) eliminierte. Dadurch wurde ein Prozess der Hyperkonzentration des Kapitals vorangetrieben, der aufgrund seines hohen Oligopolisierungsgrades noch mehr vertikale und materiell autoritäre Bedingungen aufweisen wird, um die Spielräume und Inhalte unserer Existenz als Gesellschaft zu bestimmen.

In der Tat hat sich der Autoritarismus mit dem Voranschreiten der kapitalistischen Barbarei eingebürgert ‒ der paradoxerweise permanente Ausnahmezustand ist bereits eine Tatsache ‒, aber unter den Bedingungen einer Pandemie findet die Motivation, die ihn befördert, in der Angst vor Ansteckung und Unsicherheit eine größere Rechtfertigung.

Entscheidend ist jedoch, dass sie in diesem Fall bereits begonnen hat, Wurzeln zu schlagen und sich physisch zu konkretisieren, indem sie die Materialität der Reproduktion des Lebens verändert: Ein großer Teil des Konsums wird in den Cyberspace verlagert und verändert seinen Inhalt; das soziale Verhältnis erhält neue Formen; die Schichtenbildungen in der Produktion werden reduziert; die Absorptionsbandbreite der einfachen Arbeit und sogar der lebendigen Arbeit wird eingeengt; die Formen des Konsums und des Marktzugangs werden transformiert und damit auch der Inhalt der Produktion. Der aggressivste und gefährlichste Autoritarismus ist dieser immanente, nicht greifbare, anonyme Autoritarismus, der sich durch die materiellen Bedingungen, unter denen sich die Existenz entwickelt, durchsetzt.

Hypertechnologie und Grenzen des Systems

Zusammen mit der Hyperkonzentration von Kapital und Reichtum kommt es also zu einer Hypertechnologisierung, die das Leben als entbehrlich darstellt. Das menschliche Leben verliert als produktive Kraft an Bedeutung und das natürliche Leben wird zu einem Hindernis für den Fortschritt oder zu einem manipulierbaren Objekt.

Durch die Kombination dieser beiden Tendenzen, Hyperkonzentration und Hypertechnologie, verengt sich in Wahrheit der Systembereich, obwohl er den gesamten Planeten umfasst. Seine Dimension im Raum ist total, nicht aber seine integrative Fähigkeit. Genauso wie viele der Unternehmen, die während der Pandemie geschlossen wurden, nicht in der Lage sein werden, wieder zu eröffnen und im Geschäft zu bleiben, wird ein großer Teil der arbeitslosen Arbeitnehmer nicht wieder eingestellt werden.

Nicht nur, dass viele formale Arbeitsplätze in den Unternehmen, die geschlossen haben, unwiderruflich verloren gehen; diese Krise (sollten wir sagen: Gelegenheit?) ermöglichte es den Unternehmen auch, den bereits geplanten Personalabbau zu realisieren.

Hinzu kommt die enorme Zahl der informellen Arbeitsplätze, rund 65 Prozent insgesamt, die angesichts einer veränderten Realität keinen Sinn mehr haben. Mit anderen Worten, die heutige Arbeitslosigkeit droht in einem hohen Maß zu einer permanenten Arbeitslosigkeit zu werden. Was tun? Wohin bewegt sich die Welt?

Das System stößt nicht nur an seine Grenzen, sondern schiebt sie noch weiter hinaus. Im Umweltbereich spricht man bei diesem Phänomen von einer Übernutzung oder von der Nutzung der Natur jenseits ihrer Reproduktionsmöglichkeiten. Die Zunahme der technologischen Kapazität ermöglicht es, die Natur mit einer höheren Geschwindigkeit zu verarbeiten, als sie sich selbst erneuert. Wir begrüßen die technologische Entwicklung, aber in einem Kontext der unbegrenzten Akkumulation führt sie, wie geschehen, zu einem Zusammenbruch und sicherlich zum Fall/zur Explosion/Auflösung des Systems und zur Entstehung von Alternativen der Organisation oder des Zusammenhalts – einige schlechter, andere besser.

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Es scheint angebracht, das Konzept auf die soziale Sphäre zu übertragen und uns zu fragen, ob wir nicht Zeuge einer "sozialen Übernutzung" sind, bei der Ausgrenzung, Prekarisierung, Elend und Enteignung die Gesellschaft zu einer unvollständigen, prekären oder unzureichenden Reproduktion führen, und in der Bakterien, Viren, Unterernährung, heilbare, aber wiederkehrende Krankheiten oder Krankheiten, die durch den Lebensstil und eine mangelhafte Ernährung mit Agrotoxinen oder ohne Nährwert verursacht werden, wie bei der aktuellen Pandemie, zu einer Art sozialer Säuberung führen, bei der die Schwächsten "eliminiert" werden.

All dies führt zur allgemeinen Infragestellung des Systems des Lebens und der Gültigkeit des zivilisatorischen Projekts des Kapitalismus. Ein Lebenssystem, das nicht in der Lage ist, sich selbst zu erhalten oder die Probleme zu lösen, die es auf seinem Weg schafft, kann nicht beanspruchen, universell gültig und legitim zu sein. Genau aus diesem Grund handelt es sich um ein System, das konstant und durch eine Vielzahl von Mechanismen oder Zwangsmitteln zur sozialen Disziplinierung neigt. Von der schulischen Disziplinierung und der mehr oder weniger akzeptierten Einführung von Überwachungs- und Kontrollsystemen in allen Räumen (man denke nur an die Überwachung zu Hause durch Mobiltelefone, Computer und dergleichen); auf allen Ebenen (Kontrolle des Körpers, der Mobilität, des Geistes, der Emotionen, der Wünsche usw); bis hin zur materiellen Unterwerfung, die in der Militarisierung und im Krieg mit am sichtbarsten wird.

Militarisierung und Krieg

Die vielfältigen Hypothesen über den Ursprung der Pandemie stehen im Zusammenhang mit den geopolitischen Gleichgewichten und dem Streit um die Hegemonie. Während die durch Klimawandel und Pandemien hervorgerufene Krise ihre Erklärung in der modernen kapitalistischen Epistemologie hat, die jede Äußerung des Lebens objektiviert, um sie im Extrem zur missbräuchlichen Übernutzung in Kapital zu verwandeln, trägt der Kampf China-USA um die Führung der Welt dazu bei, die bereits fragile etablierte Ordnung zu verändern. Und die Kriege des 21. Jahrhunderts konzentrieren sich nicht mehr primär auf das Militärische, sondern umfassen das gesamte Spektrum der Beziehungen und Dimensionen der Organisation des Lebens, unter denen das Militär nicht nur als Form der Intervention, sondern als allgemeiner strategischer Sinn präsent ist.

Inmitten einer ruinösen Gesundheitssituation führen die USA ständig Krieg, sowohl innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft als auch an strategischen Punkten, um ihre hegemoniale Position aufrechtzuerhalten und zu verhindern, dass andere potentielle Hegemonen die Macht übernehmen. So starten die USA und Kolumbien auf dem Höhepunkt der Pandemie eine paramilitärische Interventionsoperation in Venezuela, und die Positionierungen in anderen Regionen Asiens, Afrikas und des Nahen Ostens sind genauso aktiv wie vor der Pandemie oder haben sich unter Ausnutzung der Verwirrung des Augenblicks sogar verstärkt.

Befand man sich bereits in einer militaristischen Eskalation, so militarisierte sich mit der Pandemie die Sicherheitspolitik weiter. Hightech-Überwachungsgeräte zur Biokontrolle (wie sie von Israel, insbesondere im Gaza-Streifen, angewandt werden) wurden im öffentlichen Leben auf breiter Basis (soweit Ressourcen verfügbar sind) mit der Rechtfertigung installiert, Neuinfektionen zu verhindern, was nicht wirklich geschieht.

Der entscheidende Punkt dabei ist, dass sich all diese Bewegungen oder Rekonfigurationen des Machtsystems nicht rückgängig machen lassen. Sie haben die Wirklichkeit verändert: die Materialität und ihre Wahrnehmung. Sie sind, wie das Artensterben, ein unumkehrbarer Prozess.

Engere Verflechtung des Systems und Abzweigungen

Einige Wissenschaftler weisen darauf hin, dass sich das System in einem Prozess der Deglobalisierung befindet. Ich beobachte vielmehr, dass es sich in einem Prozess der engeren Verflechtung befindet, ohne die weltweite Dimension zu verlieren.

Die Hyperkonzentration erzeugt gleichzeitig eine engere Verflechtung. Die Ressourcen, die Bezos, Yuan und ähnliche Gewinner (ein Prozent von ein Prozent) in jeder Sekunde der Gesellschaft entziehen, bedeuten Millionen von vertriebenen oder "überflüssigen" Menschen, die sich wie ziehende Wolken in die Reihen der Migranten ohne Herkunft oder Ziel einreihen; sie werden durch Verwüstung, direkte Gewalt, Hunger, Landübernahme oder andere Ursachen dieses Systems der Barbarei, in dem wir uns befinden, aus ihrem Land gerissen, ohne ein neues Ziel zu haben – weder die afrikanischen oder syrischen Migranten in Europa, noch die lateinamerikanischen oder karibischen Migranten in den USA. Sie werden wieder hinausgeworfen, wie Nomaden der Prekarität. Aber das System funktioniert weiterhin, erzeugt weiterhin Wohlstand, blendet weiterhin mit seinen technologischen Produkten und seiner neuen Kriegsausrüstung. Nur dass nicht alle passen.

Die Corona-Pandemie und wahrscheinlich auch andere neue Pandemien, die mit dem System wie Mechanismen zur sozialen Säuberung zusammenarbeiten, betreffen vor allem die am stärksten benachteiligten Gruppen. Aber das ändert nicht die Dynamik der Globalisierung mit der Verflechtung, es macht sie nur billiger.

All dies ist sehr schmerzhaft, aber das Coronavirus hat für die Weltgesellschaft auch einen großen Beitrag geleistet. Und der ist: endlich zu erkennen, dass diese (kapitalistische) Lebensweise in die Katastrophe führt und keinerlei Alternative für das Leben hat. Die durch die Pandemie erzwungene Änderung des Lebensstils, die Rückkehr zu den Grundlagen, zum Gemeinschaftlichen, zur traditionellen Gesundheitsversorgung, die Abkehr von routinemäßigen Rhythmen der Disziplin, die Rückkehr zu natürlicher Nahrung und das Bewusstsein, dass es im Kapitalismus keine Möglichkeit gibt, verstärken die beginnenden Prozesse der Abkehr vom System hin zu anderen Lebensstilen. Diese könnten zur Entstehung von nicht räuberischen (nicht auf den traditionellen Entwicklungsbegriff fokussierten) Organisationssystemen führen.

Auf die eine oder andere Weise, durch Abzweigungen oder Katastrophe, stößt die historische Zeit des Kapitalismus an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Glückwunsch.

17. Juli 2020

Ana Esther Ceceña aus Mexiko ist Koordinatorin des Lateinamerikanischen Observatoriums für Geopolitik am Institut für Wirtschaftsforschung der ULAM und Vorsitzende des Direktoriums der Lateinamerikanischen Informationsagentur (Alai)

Der Beitrag ist erschienen in Alai No. 549, Juli 2020, Las tramas que esconde la pandemia

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