Den Kampf gegen Hunger und Gift in Nahrungsmitteln führen

116 Millionen Menschen in Brasilien leben ohne gesicherten Zugang zu Nahrung. Sie wissen nicht, was sie am nächsten Tag zu essen haben werden, oder verfügen nur über Nahrung mit einem geringen Nährwert

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116 Millionen Menschen in Brasilien wissen nicht, was sie am nächsten Tag zu essen haben werden
116 Millionen Menschen in Brasilien wissen nicht, was sie am nächsten Tag zu essen haben werden

Ernährung ist das wichtigste Menschenrecht. In Brasilien leiden 19 Millionen Menschen (neun Prozent der Bevölkerung) unter chronischem Hunger, der durch die Pandemie, die Arbeitslosigkeit, den Anstieg der Lebensmittelpreise (der höchste seit 2003) und vor allem durch die Misswirtschaft der Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro noch verschärft wird.

Im Jahr 2004 waren 21,5 Prozent der Bevölkerung von mäßiger und schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen, 2013 waren es 10,3 Prozent; in 2020 stieg ihre Anzahl hingegen wieder auf 20,5 Prozent an (Rede Penssan – Brasilianisches Forschungsnetzwerk für Ernährungssouveränität). Heute leben 116 Millionen Menschen in Brasilien ohne gesicherten Zugang zu Nahrung, das heißt, sie wissen nicht, was sie am nächsten Tag zu essen haben werden, oder verfügen nur über Nahrung mit einem geringen Nährwert.

Im Jahr 2004 waren 21,5 Prozent der brasilianischen Bevölkerung von Armut betroffen. Zehn Jahre später (2014) war dieser Anteil auf 8,4 Prozent gesunken. In der Rezession 2015–2016 stieg er wieder auf 11 Prozent und in der ersten Hälfte des Jahres 2021 auf 16 Prozent.

Die "Kollektive Aktion für Echte Lebensmittel" (Ação Coletiva Comida de Verdade), ein Netzwerk aus 13 Bewegungen, die sich für die Förderung der Ernährungssicherheit einsetzen, identifiziert 310 integrative und nachhaltige Initiativen für ein Lebensmittelsystem in Brasilien, von Gemeinschaftsgärten über Genossenschaften bis hin zu kollektiven Finanzierungskampagnen. Von diesen 310 sind 58,9 Prozent der Vermarktung gewidmet, wie beispielsweise agrarökologischen Messen und dem Vertrieb von Lebensmitteln aus Familienbetrieben zur Grundversorgung. Bei 31 Prozent handelt es sich um Solidaritätsaktionen, die den Zugang zu Nahrungsmitteln für Risikogruppen erleichtern sollen, und 7,5 Prozent sind öffentliche Maßnahmen.

Seit der Einführung des "Null Hunger"-Programms (Fome Zero) unter der Regierung Lula da Silva haben die Stadtverwaltungen die Möglichkeit, die Grundsteuer (Imposto Predial e Territorial Urbano, IPTU) auf Grundstücke und brachliegende Flächen abzuschaffen, damit sie von ihren Eigentümern für den Gemüseanbau in Gemeinschaftsgärten zur Verfügung gestellt werden.

Im Jahr 1950 lebten laut dem brasilianischen Statistischen Bundesamt (IBGE) noch zwei Drittel der brasilianischen Bevölkerung (64 Prozent) in ländlichen Gebieten. Bei der letzten Erhebung im Jahr 2010 lebten 84 Prozent in Städten und nur noch 16 Prozent in ländlichen Gebieten. Dies hat zur Entwicklung von Elendsvierteln, Arbeitslosigkeit, Gewalt und vor allem zum Verzehr von industriell gefertigten Lebensmitteln mit geringem Nährwert geführt.

Die brasilianische Landlosenbewegung (Movimento dos Trabalhadores sem Terra, MST) ist heute der größte Produzent von Bio-Reis in Lateinamerika, das heißt die MST baut ohne den Einsatz von Mineraldüngern und chemisch-synthetischen Pestiziden an. Tatsächlich verteuerten sich diese Produkte während der Corona-Pandemie, was sich auf die Lebensmittelpreise auswirkte. Die MST verkauft ein Kilogramm Reis für 7 bis 8 Reais (etwa 1,10 bis 1,30 Euro). Im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul rechnet die Bewegung 2022 mit einer Ernte von 300.000 Säcken.

Anfang 2021 wurden 248.000 Säcke im Wert von 20 Millionen Reais (rund 2,6 Millionen Euro) geerntet. Doch 130.000 sind noch auf Lager, da die größte Schwierigkeit darin besteht, die Produktion zu verkaufen. Denn die Hauptabnehmer sind die Regierung, die Nationale Versorgungsbehörde (Companhia Nacional de Abastecimento, Conab) und das Nationale Schulspeisungsprogramm. Und was die MST-Produkte betrifft, so hat die Conab keine Ankäufe von landwirtschaftlicher Familienprodukion durchgeführt. Auch die Bundesregierung von Präsident Bolsonaro zeigt kein Interesse, Regulierungsbestände (das heißt staatliche Aufkäufe aus kleinbäuerlicher Familienlandwirtschaft) aufrechtzuerhalten.

Brasilien ist weltweit beim Einsatz von Pestiziden an dritter Stelle, nach China und den USA (FAO). Im Jahr 2019 wurden in Brasilien 620.000 Tonnen Pestizide verkauft (Ibama). Von dieser Gesamtzahl sind 38,3 Prozent "hoch oder sehr gefährlich", 59,3 Prozent "gefährlich" und nur 2,4 Prozent "nicht sehr gefährlich".

Die Regierung Bolsonaro hat die Zulassung von Pestiziden flexibilisiert. Seit einer gesetzlichen Einschränkung aus dem Jahr 1989 vermieden es die verschiedenen Regierungen, Stoffe zuzulassen, die schwere Atemwegserkrankungen, Krebs, genetische Mutationen, fötale Missbildungen, Parkinson sowie hormonelle und reproduktive Veränderungen verursachen.

Mit dem Erlass vom 7. Oktober 2021 (10.833/2021) wurde das "Giftpaket" genehmigt. Das Dekret verkürzt die Frist für die Zulassung von Pestiziden, stärkt die Beteiligung des Agrarministeriums und schafft "sichere Grenzwerte" für bisher verbotene Stoffe, die zugelassen werden sollen. Die Organisationen, die sich gegen die Maßnahme aussprechen, weisen darauf hin, dass Brasilien über ein großes Potenzial für die Herstellung von biologischen Methoden zur Bekämpfung von Schädlingen und Pflanzenkrankheiten (biodefensivos) verfügt, das von der Regierung jedoch ignoriert wird.

Von Januar 2019 (Amtsantritt von Präsident Bolsonaro, Anm. d.Red.) bis September 2021 wurden in Brasilien laut Amtsblatt (Diário Oficial) 1.215 Pestizide zugelassen. Zwischen 2005 und 2015 lag die Zulassungsrate bei rund 140 pro Jahr.  2021 wurden 345 zugelassen. Von den in Brasilien verwendeten Pestiziden enthalten 30 Prozent Wirkstoffe, die in europäischen Ländern verboten sind, wie Atrazin, Acephat und Paraquat. Zwar verhinderte ein Veto im 2017 die Zulassung des letztgenannten Herbizids, das in Baumwoll-, Mais- und Sojaplantagen eingesetzt wird. Aber im Juli 2021 wurde sein Verwendung erlaubt. Es ist in 37 Ländern verboten und verursacht unter anderem Parkinson bei Landwirten.

Seit 1997 werden Pestizide von der Regierung steuerlich begünstigt. Indem sie die Befreiung von bis zu 60 Prozent der Umsatzsteuer (Imposto sobre Circulação de Mercadorias e Serviços, ICMS) für den Handel mit Ackergiften zulassen, verzichten die Bundesstaaten auf sechs Milliarden Reais an Steuereinnahmen jährlich!

Eine der Hauptquellen für Gifte in Lebensmitteln sind die hochverarbeiteten Produkte. Die Regierung sollte die Werbung regulieren, die Steuern erhöhen und sie zwingen, Warnhinweise aufzudrucken, wie bei Zigaretten. Ab Oktober 2022 müssen Produkte mit einem hohen Gehalt an Natrium, Zucker und gesättigten Fettsäuren auf ihren Verpackungen mit den Inhaltsangaben und -mengen gekennzeichnet werden.

Die Ernährung mit natürlichen Nahrungsmitteln ist teurer als der Verzehr von hochverarbeiteten Produkten, deren höhere Kosten auf Verpackung, Transport und Werbung zurückzuführen sind. Hochverarbeitete Produkte werden nicht hergestellt, um zu ernähren, sondern um einen übermäßigen Konsum zu fördern. Erfrischungsgetränke zum Beispiel sollen nicht den Durst löschen, sondern die Konsumenten süchtig machen. Sie fördern Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Diabetes. Und das Schlimmste: In Brasilien werden sie von der Regierung gefördert. So erhalten etwa Erfrischungsgetränke, die in der Freihandelszone von Manaus hergestellt werden, Subventionen in Form von Steuernachlässen.

Im September prangerte das brasilianische Verbraucherschutz-Institut (Instituto Brasileiro de Defesa do Consumidor, IDEC) an, dass 59,3 Prozent der hochverarbeiteten Produkte Pestizidrückstände aufweisen. Von 27 Produkten enthielten mehr als die Hälfte Glyphosat- oder Glufosinat-Rückstände, zwei Herbizide, die in Soja-, Mais- und Baumwollkulturen weit verbreitet sind. Nach Angaben der Internationalen Agentur für Krebsforschung, die zur Weltgesundheitsorganisation gehört, verursacht Glyphosat Krebs. Es ist in Snacks, Brötchen, Wasser- und Salzgebäck, gefüllten Keksen, Müsli, Weizenbrot und Sojagetränken enthalten, die von Kindern und Jugendlichen häufig konsumiert werden.

Die Nationale Gesundheits- und Hygienebehörde (Agência Nacional de Vigilância Sanitária, Anvisa), die ökologisch erzeugte Produkte auf Pestizid-Rückstände kontrolliert, tut dies nicht bei industriellen Produkten.

Die Agrarindustrie räumt ein, dass die Anbaufläche in Brasilien in den letzten 30 Jahren nur um 50 Prozent gewachsen ist, während die Getreideproduktion dank des Einsatzes von Pestiziden um 360 Prozent gestiegen ist! (CropLife Brasilien, Dachverband der Agrarchemiekonzerne).

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