Kolumbien / Politik

Wahlen in Kolumbien: Die Hasskampagne "Jeder außer Petro"

Die Hälfte des Landes sieht die Wahlen als Reality-Show, die mit der Beseitigung Petros enden soll

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Als wäre er der Joker persönlich: Petro wird als Inbegriff des Bösen und Albtraum der Bürger dargestellt
Als wäre er der Joker persönlich: Petro wird als Inbegriff des Bösen und Albtraum der Bürger dargestellt

Die Anhänger von Bolívar und Santander hassten sich, die Zentralisten und Föderalisten hassten sich, die Armeen der Bürgerkriege des 19. Jahrhunderts sowie die Konservativen und Liberalen hassten sich und brachten sich im Tausend-Tage-Krieg gegenseitig um und bekämpften sich in den grausamen folgenden Jahren bis zur Epoche "La Violencia".

Die Pájaros hassten die Bandoleros, die Frente Nacional hasste die Ausgeschlossenen, und das Establishment hasste die Gewerkschafter und die Mitglieder der Unión Patriótica. Das Cali-Kartell und das Medellín-Kartell hassten sich, die Guerilla und die Paramilitärs hassten sich, die Kritiker hassten die Verteidiger des Friedensabkommens, die Anhänger Uribes hassten die Unterstützer von Santos. Und so zieht sich der Hass durch die Geschichte als roter Faden bis zur Petrophobie heute. Petro wurde zum Blitzableiter für die historisch vererbte nationale Tradition des Hasses auf die politische Gegenseite. Und wenn diese Gegenseite die Linke ist, wird der Hass wahnsinnig.

Die argumentative Leere hinter der Kampagne "Jeder außer Petro" führt dazu, dass Rodolfo Hernández aufgeblasen wird: Gegen diesen Gegenkandidaten ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft in mehreren Korruptionsfällen. Sein Regierungsprogramm scheint der Internetseite "El rincón del vago" (auf der Plattform werden Hausarbeiten zum Kopieren angeboten; Anm.d.Ü.) entnommen zu sein. Er will seine gewalttätige, dreiste und frauenfeindliche Sprache nicht korrigieren, weil die Hälfte des Landes davon fasziniert ist: Sie sieht die Wahlen als Reality-Show, die mit der Beseitigung von Petro enden soll.

Selbst Álvaro Uribe verblasst neben dem Populisten Hernández: Er kündigt an, für den Fall eines Sieges von Petro einen landesweiten Aufstand anzuordnen und die letzten Errungenschaften als verfassungswidrig zu erklären. Er will die Lehrergehälter überprüfen (und senken). Er will Botschaften und offizielle Medienwerbung abschaffen. Er will das Kulturministerium mit dem Ministerium für Umweltschutz zusammenlegen (das Wissenschaftsministerium ist im Gespräch). Es sei das Beste für die öffentliche Universidad Industrial de Santander, sie zu schließen und das Gelände zu verkaufen. Er denkt, dass wir Frauen nur arbeiten, wenn unsere Männer uns nicht genug unterstützen können. Er fragt, was "Vichada" ist (ein Departamento im Osten des Landes; Anm.d.Ü.). Er sagt, das beste Geschäft bestehe darin, viele verarmte Menschen als Konsumenten zu halten. Er lacht über die "kleinen Männer", die ihm bis zu 15 Jahre lang Hypotheken zahlen und ihn damit zum Multimillionär gemacht haben. Statt an politischen Debatten teilzunehmen, lässt er Videos zirkulieren, in denen er "relocos papi relocos" ("Voll verrückt, Alter, voll verrückt") singt, was die Leute teilen, als wäre er ein Rapper und kein Kandidat, der die Demokratie mit Füßen tritt.

Das einzig Verrückte daran ist allerdings, dass Millionen von armen Menschen, Frauen, Journalisten und Politikern ihm applaudieren, vereint hinter der Kampagne "Jeder außer Petro" – vielleicht ein guter Slogan für die Wahl eines Freundes, aber nicht für einen Präsidenten des Landes.

Mit der gleichen Verrücktheit sind selbst die Anhänger des Uribismus auf den Zug von Rodolfo aufgesprungen. Fico Gutiérrez sagte noch im Wahlkampf, Rodolfo sei ein "falscher Messias gegen die Korruption" und er hatte Recht. Rodolfos Vorschläge gegen die Korruption sind genauso gut wie der Verkauf von Bauland auf dem Mond: Es ist nicht überprüfbar. Mit der Kampagne "Jeder außer Petro" wird außerdem das (nicht ganz so) Kleingedruckte von Rodolfos Vorschlägen vernebelt, das im Gegensatz zu den Prinzipien der politischen Rechten steht: Legalisierung von Marihuana für den Freizeitgebrauch, Unterstützung sozialer Proteste, Ablehnung des Esmad (Aufstandsbekämpfungseinheit der Polizei; Anm.d.Ü.), Unterstützung der Legalisierung der Abtreibung, Dialog mit der ELN-Guerilla, Ablehnung von Fracking und Glyphosat und vieles mehr. Während die Rechte das Wahlprogramm von Petro unter die Lupe nimmt, ist sie blind für das autoritäre und oberflächliche Projekt von Rodolfo Hernández.

Ich grusele mich vor der laktosefreien, fettfreien und endideologisierten Politik der "Politik-Unternehmer", die Ergebnisse in Excel berechnen. Für sie gilt der Satz von Groucho Marx: "Das sind meine Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich noch andere".

In dieser zweiten Wahlrunde gibt es einen starken ideologischen Kontrast zwischen dem inkohärenten Ingenieur, der daherplappert was ihm gerade in den Sinn kommt, sich selbst widerspricht und keine Ahnung von grundlegenden Fragen hat ‒ und Petro, dem linken Politiker mit Regierungskompetenz, der als "Guerillero" bezeichnet wird, obwohl er sich vor mehr als 30 Jahren demobilisiert hat und seitdem den institutionellen politischen Weg bestreitet, als Stadtrat, Bürgermeister und Abgeordneter. Ich verstehe, dass viele ihn oder sein Programm nicht mögen. Aber es ist inkohärent, jetzt den landesweit unbekannten Rodolfo Hernández zu fördern, vor allem, wenn man noch vor einer Woche skandiert hat "Vorsicht vor dem Sprung ins Unbekannte!"

Laut Spinoza ist Hass eine Traurigkeit, die durch gegenseitigen Hass verstärkt und durch Liebe zerstört wird. Ich bedauere, dass die Anhänger des Pacto Histórico in sozialen Netzwerken und auf Plakaten so viel Hass verbreiten und dass Petro nicht die Entschlossenheit besitzt, diese Kampagnen zurückzuweisen, sondern sie manchmal sogar noch befeuert. Es bleiben noch zwei Wochen im Wahlkampf1 für die Politik der Liebe. 2014 war ich auch skeptisch: Das war das letzte Mal, dass wir gewonnen haben2/p>

Adriana Villegas Botero aus Kolumbien ist Autorin, Journalistin und Rechtsanwältin. Sie leitet das Programm für soziale Kommunikation und Journalismus an der Universität von Manizales

Der Originalbeitrag ist bei "La Patria" erschienen

  • 1. Der Artikel ist vom 5. Juni
  • 2. Bei den Präsidentschaftswahlen 2014 gewann der amtierende konservative Präsident Juan Manuel Santos, dessen Regierung damals das Friedensabkommen mit der Farc-Guerilla verhandelte, in der Stichwahl gegen den Kandidaten der ultrarechten Partei Demokratisches Zentrum, Óscar Iván Zuluaga, ausdrücklichen Gegnern der Verhandlungen. In der ersten Runde lag Zulaga noch vor Santos
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