Bei dem Doppelbeben vom 24. Juni in Venezuela sind nach aktuellen Regierungsberichten mehr als 3.800 Menschen ums Leben gekommen und 16.700 verletzt worden. Für Tausende Überlebende hat sich eine medizinische Krise entwickelt und 17.800 Menschen sind obdachlos.
Es gibt erschütternde Berichte über Menschen, die versuchen, Überlebende mit bloßen Händen aus den Trümmern zu bergen. Dutzende Kinder mussten amputiert werden, weil sie nicht rechtzeitig erreicht werden konnten.
In einer Situation wie dieser sollten die Menschen in Venezuela und die internationale Gemeinschaft nicht dafür kämpfen müssen, dass die Sanktionen beendet werden, die die Wirtschaft des Landes zerstört haben und seine Erholung behindern und auch nicht dafür, dass das Land Zugang zu Vermögenswerten im Wert von Milliarden von US-Dollar erhält, die ihm gehören. Doch das tun wir, weil die Rolle der Sanktionen und eingefrorenen Vermögenswerte in der Öffentlichkeit viel zu wenig Beachtung gefunden hat.
Von 2012 bis 2020 erlitt Venezuela den wahrscheinlich schwersten wirtschaftlichen Einbruch einer Depression, die ohne Krieg eingetreten ist. Daten des Internationalen Währungsfonds zeigen, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Zeitraum um 74 Prozent zurückging. Das entspricht einem Einkommensverlust, der etwa dreimal so groß ist wie jener, den die Menschen in den USA während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre erlebten.
Dies war keine Naturkatastrophe wie das Erdbeben, sondern eine von Menschen verursachte. IWF-Daten zeigen, dass 88 Prozent dieses Verlusts nach Beginn der US-Wirtschaftssanktionen im Jahr 2015 eintraten. Die Zerstörung beschleunigte sich mit den Sanktionen der Trump-Regierung ab 2017, die das Land zunächst von einem Großteil der internationalen Finanzierung und anschließend vom weitaus größten Teil seiner Deviseneinnahmen abschnitten. Solche Schocks hätten fast jedes Land in eine schwere Krise gestürzt. Und genau das geschah. Damit wurde der Welt vor Augen geführt, wie Sanktionen tatsächlich eine Volkswirtschaft zerstören können.
Infolgedessen befand sich Venezuela bereits vor den Erdbeben in einer humanitären Krise. Nach Angaben der Europäischen Kommission benötigten vor Juni 2026 7,9 Millionen Menschen einer Gesamtbevölkerung von 28,5 Millionen humanitäre Hilfe. 40 Prozent der Menschen in Venezuela waren von mäßiger bis schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen und rund 56 Prozent der Bevölkerung lebten in extremer Armut. 86 Prozent waren auf verunreinigte Wasserquellen angewiesen.
Fast die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte Venezuelas sowie viele andere Beschäftigte im Gesundheitswesen und weitere qualifizierte Arbeitskräfte – darunter 200.000 Lehrkräfte – verließen das Land, als die Wirtschaft zusammenbrach.
Eine Studie, die ich gemeinsam mit Francisco Rodríguez und Silvio Rendón verfasst habe und deren Ergebnisse im vergangenen Juli in The Lancet Global Health veröffentlicht wurden, schätzte, dass umfassende, einseitige Sanktionen wie diese – von denen die überwiegende Mehrheit von den USA verhängt wird – jährlich zusätzlich 564.000 Todesfälle verursachen. Das ist vergleichbar mit der Zahl der Menschenleben, die weltweit durch bewaffnete Konflikte verloren gehen. Schätzungen zufolge entfiel die Mehrheit dieser Todesfälle auf Kinder unter fünf Jahren.
Die Sterberate in Venezuela stieg während der gesamten Depression des Landes. In den Jahren des wirtschaftlichen Zusammenbruchs unter Sanktionen von 2015 bis 2020 gab es mehr als 100.000 zusätzliche Todesfälle.
Venezuela verfügt über wichtige Ressourcen, auf die es keinen Zugriff erhält. Die USA und Europa blockieren Vermögenswerte im Umfang von mehr als elf Milliarden Dollar, über die Venezuela rechtmäßig verfügen sollte. Rund vier Milliarden Dollar liegen bei der Bank of England. Sie wurden dort 2019 im Rahmen eines von den USA angeführten Versuchs eines Regimewechsels als Vermögen der venezolanischen Zentralbank eingefroren. Selbstverständlich hat das Vereinigte Königreich kein Recht, diese Venezuela gehörenden Vermögenswerte zu beschlagnahmen und zurückzuhalten.
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Rund 4,5 Milliarden Dollar liegen beim IWF in Form internationaler Reserveaktiva, sogenannter Sonderziehungsrechte. Dabei handelt es sich um Venezuelas Anteil an einer Zuteilung an die Mitgliedstaaten im Jahr 2021. Der Zugriff wurde im Rahmen des Drucks auf einen Regimewechsel blockiert. Doch die USA setzten den Präsidenten Venezuelas im Januar ab und haben seither die derzeitige Regierung Venezuelas anerkannt. Der IWF folgte. Unklar ist jedoch, auf wie viel von diesen Vermögenswerten Caracas zugreifen kann und wann. Die Menschen in Venezuela brauchen dieses Geld – ebenso wie das vom Vereinigten Königreich zurückgehaltene Gold – jetzt, um Leben zu retten, die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern und den Wiederaufbau zu finanzieren.
Einige weitere Milliarden Dollar werden von der Trump-Regierung zurückgehalten, obwohl eine präsidiale Anordnung festhält, dass diese Gelder "Eigentum der Regierung Venezuelas darstellen". Es handelt sich um Einnahmen aus dem Verkauf venezolanischen Öls, über die die Trump-Regierung die Kontrolle übernommen hat.
Die Vereinten Nationen schätzen inzwischen, dass der Wiederaufbau Venezuelas nach dem Erdbeben etwa 37 Milliarden Dollar kosten wird. Für dieses Land ist das eine enorme Summe: Sie entspricht 33 Prozent des derzeitigen Bruttoinlandsprodukts. Ökonomen und andere Wissenschaftler haben gefordert, Venezuelas "fortbestehende Wirtschafts- und Finanzsanktionen sowie das Einfrieren von Vermögenswerten" zu beenden und durch einen Schuldenerlass auch die "erdrückende Schuldenlast" zu beseitigen.
Die Wirtschaftssanktionen müssen beendet werden. Das US-Finanzministerium hat für vier Monate eine Lizenz erteilt, die Hilfsmaßnahmen nach dem Erdbeben ermöglicht, doch das reicht bei Weitem nicht aus. Die Zentralbank in Caracas unterliegt weiterhin Sanktionen und das wird die Erholung nach dem Erdbeben weiter behindern.
Zudem ist gut dokumentiert, dass wichtige Finanztransaktionen und selbst Hilfsmaßnahmen durch sogenannte "Overcompliance" verhindert werden können. Banken, Finanzinstitute und andere Unternehmen meiden Transaktionen wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Risiken im Zusammenhang mit Sanktionen, darunter auch wegen der Mehrdeutigkeit der US-Präsidialanordnungen, die diese Sanktionen ermöglichen.
Die wichtigste lebensrettende Maßnahme für Venezuela in der nahen Zukunft nach dem Erdbeben wird darin bestehen, die mächtigsten Akteure der Welt – die USA und ihre europäischen Partner – dazu zu bringen, den Zugang zu venezolanischen Vermögenswerten in Milliardenhöhe nicht länger zu blockieren. Und durch Wirtschaftssanktionen nicht noch mehr Schaden anzurichten und weitere Todesfälle zu verursachen.
So funktionieren diese Sanktionen tatsächlich. Sie treffen und bestrafen die Zivilbevölkerung, um ein politisches Ziel zu erreichen. Einst relativ selten eingesetzt, sind sie nach Angaben des US-Finanzministeriums zu einem "Mittel der ersten Wahl" geworden – wahrscheinlich, weil die dadurch verursachten Todesfälle größtenteils unsichtbar bleiben.
Doch jedes Jahr erkennen mehr Menschen, darunter auch Mitglieder des Kongresses, die wirtschaftliche Gewalt, die kollektive Bestrafung und die tödlichen Folgen dieser Sanktionen für die Menschen, und stellen sich dagegen. Je bekannter die Rechtswidrigkeit und der menschliche Preis dieser Sanktionen werden, desto stärker wird die US-Regierung gezwungen sein, sie aufzugeben.
* Mark Weisbrot ist Co-Direktor des Center for Economic and Policy Research (CEPR) und Autor des Buches "Failed: What the 'Experts' Got Wrong About the Global Economy"

