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02.11.2012 Kuba / Medien

Joven Club. Der Familiencomputer

Interview mit Magda Brito d'Toste, Direktorin für Supervision und Kontrolle des Netzes "Joven Club de Computación y Electrónica" zur Umstellung auf Freie Software in Kuba
Magda Brito d'Toste, Direktorin für Supervision und Kontrolle des Netzes Joven Club de Computación y Electrónica

Magda Brito d'Toste, Direktorin für Supervision und Kontrolle des Netzes Joven Club de Computación y Electrónica

Quelle: Erwin Heil, Rosa-Luxemburg-Stiftung
Lizenz: CC-BY

Das Interview führte Erwin Heil auf der Konferenz "Beiträge der Freien Software zu den Kämpfen der Linken. Elemente für eine kollektive Reflexion" vom 8. bis 10. Oktober 2012 in Mexiko-Stadt. Das Organisationskomitee hatte eine Auswahl an Hackern, sozialen Aktivisten, politischen Akteuren, Vertretern indigener Gemeinden, Wissenschaftler und Entwickler aus zwölf Ländern – mehrheitlich aus Lateinamerika – eingeladen, um mit ihnen gemeinsam über die gesellschaftliche Rolle und politische Bedeutung von freier Software nachzudenken. Die Konferenz ist Teil umfangreicher Aktivitäten der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Mexiko. Fernziel ist es, laut Büroleiter Torge Löding, ein transnationales Forum zu Freier Software zu etablieren.


 Magda, kannst du dich und deine Organisation, den Joven Club, kurz vorstellen?

Die Joven Clubs sind technologische Zentren, die im ganzen Land verteilt sind, es gibt sie überall in Kuba. Gegründet wurde die Organisation im September 1987 mit dem Ursprungsgedanken, dass alle technikaffinen jungen Menschen die Möglichkeit haben, sich mit technologischen Themen auseinanderzusetzen. Studierende hatten zu dieser Zeit in den Universitäten keinen ausreichenden Zugang zu elektronischer Datenverarbeitung. Die Idee war also, Interessierten die Möglichkeit zu geben, mit neuen Technologien Erfahrungen zu sammeln, sie in Kontakt mit Computer und Informationswissenschaft zu bringen. Und als wir gesehen haben, dass das Konzept funktionierte, haben wir neue Themen aufgegriffen. Die Hauptaufgabe von Joven Club war nichts weniger als die kubanische Gesellschaft in das Informationszeitalter zu führen.

Wir machen das auf unterschiedliche Art und Weise. Landesweit gibt es 600 Zentren mit ausgebildeten Mitarbeiter. Die Bürger können nach ihren Interessen dort Kurse belegen. Sie können Computer benutzen. Sie können auf unterschiedlichen interaktiven Plattformen arbeiten, zum Beispiel Englischkurse belegen. Es gibt Kurse, die Leuten beibringen wie man lernt und wie man tippt, denn viele sind nicht mit Computer aufgewachsen, verstehen vielleicht wie sie funktionieren aber wissen nicht wie man tippt. Wir haben spezielle Programme für Kinder. Sie haben Zugang zu PC's in Schulen aber im Joven Club können sie ihre Talente nutzen, Fähigkeiten weiterentwickeln.

Wir haben auch spezielle Kurse für Senioren. In Kuba wächst die Anzahl der älteren Menschen. Außerdem ermöglichen wir auch Menschen mit physischer Einschränkung Zugang zu Computer. Also jede/r, die/der sich näher mit neuen Informationstechnologien auseinanderzusetzen will, findet im Joven Club ein passendes Angebot für sich. Der Joven Club ersetzt den Computer zu Hause, es ist der Familiencomputer. Die Angebote des Joven Club stehen jederzeit der Bevölkerung zur Verfügung, wann immer sie wollen: Früh am Morgen oder spät in der Nacht. Die Nutzung von PC's steigt enorm und wir versuchen, die wachsenden Bedürfnisse der Leute zu befriedigen. Das ist aber nur ein kleiner Ausschnitt, wir machen noch viel mehr: Es gibt fester Computerzeiten. Leute, die spielen wollen, können spielen. Wenn ein Gerät von Viren befallen ist, helfen wir. Wir entwickeln eigene Programme, um die unterschiedlichen Zentren zu managen.

Das klingt so, als ob junge Leute viel Zeit in den Joven Clubs verbringen.

Oh ja, viele Schüler und Studenten besuchen den Joven Club. Sie können digitale Bibliographien nutzen oder innerhalb Kubas Netzwerk surfen. Dort haben sie Zugang zu über 3000 Sites mit sehr nützlicher Information. Aber auch Senioren kommen immer mehr zu uns. Sie belegen einen Kurs und bleiben. Das ist sehr wichtig, denn die Generationslücke wird größer. Leute, die mit Computern aufwachsen, haben die erforderlichen Fähigkeiten, für ältere Menschen ist es sehr schwierig, da mitzuhalten. Nun können junge und alte Menschen über das Netz kommunizieren. Aber sie nutzen auch Joven Club um einfach ihre Zeit zu verbringen und sich mit anderen zu treffen. Denn wenn sie ihr Arbeitsleben beendet haben, fragen sich viele: und was mach ich jetzt?

Sprechen wir über Linux. Kuba hat 2007 entschieden, in allen offiziellen Institutionen komplett von Windows zu Linux zu wechseln. Inwieweit betrifft dieser Wechsel den Joven Club?

Die Absicht, freie Software zu benutzen, also allen den Zugang zu quellenoffener Software zu ermöglichen, ist eine nationale Strategie, eine Leitlinie. An der landesweiten Umsetzung arbeitet eine spezielle Gruppe an der Universität. Sie begleitet den Prozess und der Joven Club ist darin seit 2009 eingebunden. Wir gestalten den Migrationsprozess im Joven Club auf zwei Ebenen: Wir haben eine interne Gruppe von ausgebildeten Instruktoren aufgebaut, die in jedem Club vertreten sind. Und wir bekommen externe Unterstützung von unserer Benutzergemeinde. Zunächst mussten wir alle Geräte und Dienste identifizieren, die wir ohne Probleme softwareseitig umstellen konnten. Inzwischen laufen fast alle Server, 96 Prozent, mit Linux. Nur ein Finanzsystem basiert noch auf proprietärer Serversoftware.

Wie wird die Migration von Windows auf Linux praktisch organisiert?

Wir haben im Joven Club den Prozess in mehrere Etappen unterteilt: Vorbereitung, Pilotphase, Migration und Konsolidierung. Zunächst haben wir geschaut, welche freien Alternativen es gibt zu den gängigen Programmen und haben sie installiert, damit unserer Benutzer sich damit anfreunden konnten. Die Migration ist zu 85 Prozent abgeschlossen. Das ist aber nur bezogen auf unser Softwareangebot, das gilt nicht für ganz Kuba.
Bei dem Rest handelt es sich um interne Managementsysteme, die auf proprietärer Software basieren. Aber auch hier arbeiten wir daran, auf freie Software umzusteigen. Von allen Kursen, die wir in den Clubs anbieten, sind inzwischen 30 Prozent Kurse mit freier Software. Diese Zahl wächst permanent, 2009 waren wir noch bei 9 Prozent.

Der Joven Club ist sehr involviert in die Umstellung, weil alle an der Migration Beteiligte in den Clubs trainiert werden. Das ist nicht nur ein freiwilliges Angebot, es ist Teil einer Strategie der Koordinationsgruppe. Joven Club bietet auch Trainings an für Webadministratoren, damit sie einfacher zu freier Software wechseln können. Momentan ist Kuba in der Pilotphase.

Wie wird bei der Migration das Problem mit spezialisierter proprietärer Software gelöst, die nicht einfach mit freier Software ersetzt werden kann und nur z.B. auf Windows-Betriebssystemen läuft?

Nun, ich kann hier nur über meine Institution sprechen. Wir kamen zu freier Software, weil die Benutzung und Weiterentwicklung von offenem Code eines unserer wichtigsten Prinzipien ist. Alle neuen Entwicklungen in Kuba basieren auf freier Software. Das bedeutet aber auch: Wir brauchen gut ausgebildetes Personal, welches die Aufgabe der Umstellung auch sehr spezieller Anwendungen technisch bewältigen kann.

Nun nehmen Sie hier an der Freie Software-Konferenz teil. Was erwarten Sie von diesem Treffen?

Schauen Sie: Als ich das Programm gelesen hatte, kamen mir schnell viele Fragen in den Sinn. Diese ganzen Diskussionen um freie Software und ihre politischen Dimensionen können zu einer besseren Verwirklichung unserer politischen Ziele beitragen. Es gibt auch Fragen zu den Unterschieden, die in den verschiedenen Ländern existieren.

Das, was wir zum Beispiel heute Morgen diskutiert haben, geht schon weit über meine Erwartungen hinaus. Ich war sehr erstaunt, wie viele interessante Projekte in anderen Ländern realisiert werden, obwohl es nicht einen erklärten politischen Willen zum Wechsel gibt wie bei uns in Kuba. Trotzdem passiert viel in diesen Ländern, basierend auf aktive Gemeinden und engagierten Netzwerken. Und das ist für mich auch interessant, denn diese Länder stehen nicht vor solchen Hindernissen wie Kuba.

Wünschen Sie sich mehr internationalen Austausch wie diesen mit der Freien Software Gemeinde?

Natürlich, es ist interessant, weil jeder in dieser Gemeinde was Spezifisches beizutragen hat. Sie bilden etwas, das kollektiv ist und geteilt werden kann. Ich denke, dass diese so unterschiedlichen Erfahrungen helfen werden, eine Bewegung aufzubauen, die überall den Wechsel zu freier Software vorantreiben kann. Es wäre also sehr gut, mit solchen Treffen weiterzumachen.

Mehr solcher Gelegenheiten wird es sicher geben. Magda, vielen Dank für das Interview und weiterhin noch einen fruchtbaren Austausch.

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