DruckversionEinem Freund senden

Auch Brasilien erhebt sich

Der Aufstand der Brasilianer kommt überraschend. Seine Ursachen wurden lange unterdrückt und überspielt
Demonstration gegen Fahrpreiserhöhungen und Polizeigewalt in São Paulo

Demonstration gegen Fahrpreiserhöhungen und Polizeigewalt in São Paulo

Die Movimento Passe Livre (MPL), die brasilianische Bewegung für den Freifahrschein, startete bereits vor zehn Jahren in Salvador, der Hauptstadt des Bundesstaates Bahia. Tausende Studenten legten eine Woche lang die Stadt lahm. Immer wieder gab es in der Folgezeit Protestaktivitäten zum Passe Livre, so auch in Rio de Janeiro. Die Universitários, wie die Studenten in Brasilien heißen, versammelten sich in den letzten Jahren etwa auf einem zentralen Platz der Stadt, Cinelândia. Es waren ein paar hundert Studenten. Von den Stufen des Stadtparlaments herab wurde eine Kundgebung abgehalten. Zwei Polizeiautos standen in der Nähe. Ambulante Händler verkauften Cola und Bier. Touristen stellten neugierig Fragen. Nach zwei Stunden ging man friedlich auseinander.

Auf demselben Platz schlugen Ende 2011 junge Cariocas, wie sich die Bewohner Rios nennen, ein paar Dutzend Zelte auf: Ocupa Rio, Ocupy Rio de Janeiro. Die Plakate zeugten von einer großen Bandbreite an Protestthemen. Man war gegen den Weltwährungsfond, für freie Liebe, für eine Agrarreform, die Legalisierung von Marihuana und gegen den Megastaudamm Belo Monte. Einige verkündeten den Tod Gottes, ließen aber Rosa Luxemburg zu Wort kommen und erinnerten an Olga Benario. Nach ein paar Tagen bemächtigten sich die Obdachlosen der gespendeten Lebensmittel. Nach zehn Tagen war die Aktion zu Ende, ohne eine für mich sichtbare Spur zu hinterlassen.

Und jetzt das! An die Stelle eines konfusen Eklektizismus sind deutliche Konturen getreten. In über 100 brasilianischen Städten demonstrieren über eine Million Menschen. Allein in Rio 300.000, und zwar für bessere Schulen und Gesundheitsversorgung, gegen maßlose Geldverschwendung, gegen Mega-Projekte und Korruption. Die Hautfarbe der Demonstranten ist fast immer weiß. Eigentlich haben die weißen Mittelstandskids Zugang zu guten (Privat-)Schulen und teuren (Privat-)Kliniken. Die farbige OP-Schwester verdient dort im Monat so viel wie die Anästhesistin bei einem 15-minütigen Einsatz. Früher stand das öffentliche Schul- und Gesundheitssystem in gutem Ruf. Auch die Reichen schickten ihre Kinder auf die öffentliche Schule. Nach Jahrzehnten der Privatisierung ist davon nichts mehr übrig geblieben.

Auf den Fotos und Videos von den Demonstrationen sind aber auch viele Ältere zu sehen. Es ist bekannt, dass die Kompromisse und Allianzen, die die Regierung im Namen der Regierungsfähigkeit mit mehr als fragwürdigen Partnern eingeht, innerhalb der Arbeiterpartei und in den Gewerkschaften zu wachsendem Unmut geführt haben.

Die Demonstranten gehören also mehrheitlich nicht zu jenen 22 Prozent der Bevölkerung Rios, die in den im Zensus 2010 gezählten 1.071 Favelas in Rio leben, von denen jetzt in Vorbereitung der Fußball-WM und der Olympischen Spiele ein paar Dutzend unter Polizeiaufsicht gestellt wurden – halbherzig flankiert von sportlichen und sozialen Aktivitäten. Und zwar fast immer Top-Down. Und dies bisweilen im wahrsten Sinn des Wortes: In einer der größten und berüchtigtsten Rio-Favelas, dem Morro do Alemão, wurde für schlappe 82 Millionen Euro eine Seilbahn gebaut. Ein echtes Vorzeigeprojekt: Touristen können einen sicheren Blick nach unten werfen, wo sich die Kinder noch immer in offenen Abwasserkanälen mit Hepatitis anstecken. Partizipatives Vorgehen, das die Favelados in ihrer informellen Ökonomie und Alltagswelt abholt, ihr Selbstvertrauen in die eigene Gestaltungskompetenz stärkt, kam wenig vor. Ohne die nachhaltige Mobilisierung dieser Humanressourcen dürfte die Mega-Aufgabe einer humanen und ökologisch verträglichen Umgestaltung der über 6.000 brasilianischen Favelas scheitern.

Unter dem Druck von FIFA und der Profitgier beauftragter Unternehmen, den Repräsentationswünschen der Regierenden und den herannahenden Mega-Events ist Beteiligung der Betroffenen allenfalls in dekorativen Absichten vorgesehen. Mehr noch: Der eherne Zwang einer seit 500 Jahren in arm und reich, oben und unten gespaltenen Gesellschaft scheint die ideale Voraussetzung dafür zu sein, um diese Armutsterritorien für den neoliberalen Weltmarkt zuzurichten. Während in der ältesten Favela Rios, dem Morro de Providência, vor 113 Jahren gegründet, von der Stadtverwaltung 800 Behausungen unter dem Protest der Bewohner für den Abriss markiert sind, führt FIRJAN, der Industriellenverband von Rio, deutsche Unternehmer unter dem Schutz der militärischen Besatzung durch die Gassen, um Investitionsmöglichkeiten zu erkunden.

Anders als in Deutschland ist in Brasilien der Abstand zwischen arm und reich geringer geworden. Aber noch immer ist Brasilien eine tief gespaltene Gesellschaft. Wohnhäuser in den Mittelstandsvierteln haben immer zwei Aufzüge: eine für die Herrschaften und einen für die Dienstboten. Wo der zweite Aufzug mal fehlt, führt dies zur Wertminderung der Immobilie. In meiner langjährigen Arbeit in Favelas konnten wir gelegentlich deutsche Schüler in unsere Sozialprojekte mitnehmen. Nicht ein einziges Mal ist es vorgekommen, dass brasilianische Schüler aus den Gastfamilien mitfahren durften. So etwas verbieten die Eltern kategorisch. Für den brasilianischen Arzt und Familienvater ist der Favelado in der Nachbarschaft weiter weg als der Arztkollege in Deutschland. Nachdem es 20 Millionen Armen durch die Sozialprogramme der Regierungen Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Russeff in den letzten zehn Jahren gelungen ist, sich in den unteren Mittelstand zu retten, führte dies in besseren Kreisen bisweilen zu einem Gefühl der Bedrohung und Identitätskrisen. Mir ist mehr als ein Fall bekannt, in dem die Hausangestellte entlassen wurde, weil Madame es nicht erträgt, dass ihre Empregada jetzt im eigenen Auto zur Arbeit kommt. Leider gibt es in diesem Land – regional verschieden – noch zu viele Menschen, bei denen die Werte der Französischen Revolution von 1789 noch nicht angekommen sind.

Und so hört man vor allem aus Kreisen, die Dilmas und Lulas Arbeiterpartei nahestehen, Besorgnisse, dass Rechte und Faschisten verstärkt bei den Demos mitmischen. Sie tun dies mit dem Ziel, um die Sozialreformen des vergangenen Jahrzehnts zu behindern. Die Besorgnisse sollte nicht einfach abgetan werden. Brasilianische Freunde beschreiben die Bewegung vorsichtig als "pluralistisch".

Es wäre weltfremd zu erwarten, dass die seit Jahrhunderten gewachsene Spaltung der brasilianischen Gesellschaft in ein paar Jahren aufgehoben werden kann. Dennoch denke ich, dass wir heute etwas Neues erleben. Weiße Mittelstandskids gehen für Ziele auf die Straße, von denen, bei Verwirklichung, vor allem die schwarzen Armen profitieren könnten. Das wäre in Brasilien etwas unerhört Neues. Soziale Schichten mit gesicherter Existenz beginnen, die Armen und das Elend wahrzunehmen

Vielleicht haben die Sozialprogramme von Lula und Dilma ungewollt zu dieser Entwicklung beigetragen. Warf man vor zehn Jahren einen Blick in einen der Seminarräume der renommierten katholischen Universität von Rio, PUC, sah man ein einzelnes schwarzes Gesicht. Ansonsten nur Weiße. Das ist heute anders. Die Einführung einer Quotenregelung und von Stipendienprogrammen für Arme und Farbige hat die Ära der Universität als exklusiven Fortbildungsstätte für Kinder aus wohlhabenden Familien beendet. Junge Menschen aus zwei bisher separaten Welten sitzen nebeneinander im selben Hörsaal. Die Spaltung ist noch nicht überwunden. Die Armen studieren Sozialarbeit, Lehramt oder Buchhaltung, die wohlhabenden Kids werden Ärzte, Architekten oder Rechtsanwälte. Die Armen essen in der Uni-Mensa, die Reichen im nahegelegenen Buffet-Restaurant. Und natürlich hat das weiße Mädchen einen weißen Freund. Was soll sie mit einem Schwarzen, der weit ab in der Vorstadt wohnt und kein Geld hat, um die teure Busfahrt zu bezahlen, vom Disko-Eintritt gar nicht zu reden?

Endlich! Wir hören ein laut gebrülltes "Nein" aus Millionen Kehlen gegen eine Top-Down-Modernisierung der brasilianischen Gesellschaft unter dem Kommando der alten musealen und korrupten Machteliten – und des Weltmarkts. Man könnte es für einen Urschrei halten. So lange unterdrückt und überspielt, so eruptiv der Ausbruch.

Dies stellt die Organisatoren der MPL aber vor gewaltige Herausforderungen. Wie können die kommenden Schritte aussehen? Welche Orientierung können wir Tausenden und Abertausenden Jugendlichen geben, die den ersten politischen Schritt in ihrem Leben machen? Kann durchaus sein, dass es auf eine Modernisierung des brasilianischen Kapitalismus hinausläuft. Zu hoffen ist, dass Spuren darüber hinaus gelegt werden. In Brasilien, in der Türkei und anderswo.


Lutz Taufer arbeitete vom Jahr 2000 bis 2011 als Berater in Projekten zur Armutsreduzierung in den Favelas im Großraum Rio de Janeiro. Von 1975 bis 1995 saß er als Mitglied der RAF eine Haftstrafe ab. Er lebt heute in Berlin.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr

Was Sie auch interessieren könnte ...

22.06.2013 Blogeintrag von Movimento Passe Livre
20.06.2013 Nachricht von Tainã Mansani