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Das Regierungsprogramm "Misión Cultura" in Venezuela

In der Misión Cultura werden unter anderem Pädagogen mit dem Schwerpunkt Kulturentwicklung ausgebildet

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Beatriz Mavares
Beatriz Mavares

Hamburg. Die ideologische Arbeit der bürgerlichen Medien hat auf Seiten der Armen zu einer falschen Wahrnehmung ihrer Situation und einer entfremdeten Haltung geführt: Auf der Suche nach "Eleganz" werden sie Verbündete der Reichen und stimmen für deren Kandidaten, um an "Stil" zu gewinnen. Das Programm Misión Cultura der sozialistischen Regierung bildet "Kulturaktivatoren" aus, die mit Menschen mit geringem Einkommen und Bildungsniveau über ihre Situation, ihre Biografie und ihre kulturelle Identität sprechen.

Beatriz Mavares ist eine von ihnen. Unlängst war sie zu Besuch in Deutschland. In Hamburg besuchte sie eine der Gedenkveranstaltungen zum 40. Jahrestag des Militärputsches gegen die sozialistische Regierung in Chile. Nach den Feierlichkeiten haben wir mit ihr über ihre Arbeit in der Misión Cultura der Bolivarischen Republik Venezuela gesprochen.

Beatriz, was ist zurzeit Ihre Aufgabe?

Ich bin Vermittlerin in dem Projekt Misión Cultura Académica (Sozialprogramm akademische Kultur). Innerhalb dieses Projektes werden Pädagogen mit dem Schwerpunkt Kulturentwicklung ausgebildet. Der Studienplan umfasst verschiedene Bereiche: in einem geht es darum, sich selbst kennenzulernen, in einem anderen um pädagogische Fächer und in wieder einem anderen um die kulturellen Traditionen und die kulturelle Vielfalt Lateinamerikas.

Die Teilnehmer des Studiengangs werden nicht Studenten, sondern "Aktivatoren" genannt. Ihre Aufgabe besteht darin, in die Wohnviertel zu gehen und der autochthonen Kultur – der Kultur unserer Wurzeln – neue Impulse zu geben. Sie arbeiten dabei mit den Grundschulen (bis zur sechsten Klasse) zusammen. Derzeit gibt es 18.000 Aktivatoren, die in Nachbarschaften aktiv sind. Ihre Arbeit besteht darin, den kulturellen Ausdruck der Bevölkerung wiederzubeleben. Zum einen geht es dabei um das geteilte Wissen der Bevölkerung, welches als solches von den Aktivatoren berücksichtigt wird und zum anderen um den kulturellen Ausdruck in Theater, Tanz, Kino und den Kommunikationsmedien.

Innerhalb der Ausbildung zählen sämtliche Lebenserfahrungen der Aktivatoren bzw. der Studenten. Wenn also zum Beispiel jemand weiß, wie man Empanadas zubereitet, wird ihm das als Kochkunst anerkannt. Oder es wird ihm als Kunsthandwerk angerechnet, wenn er versteht, eine Hängematte zu nähen. All dieses Wissen tragen die Aktivatoren in die Nachbarschaften hinein, um den Leuten beizubringen, mehr selbst zu produzieren und weniger zu konsumieren.

Der Studienplan der Ausbildung umfasst einen soziopolitischen und einen ideologischen Bereich. In letzterem soll der Aktivator sich selbst erkennen, indem er zunächst seine eigene Lebensgeschichte (be)schreibt und im Anschluss die seiner Gemeinschaft. Später beginnt dann das Studium der ideologischen Grundlage, die "Baum der Drei Wurzeln" genannt wird: das Denken Bolívars, das Denken seines Lehrers Simón Rodríguez (der von der Notwendigkeit einer technischen Ausbildung für den Menschen sprach) und das Denken Zamoras. Von unseren Vorbildern ist Zamora derjenige, der sich dem Kampf gegen Landbesitz widmete und sich dafür einsetzte, dass die Erde von freien Menschen bearbeitet werde.

Die Armen hatten nie die Möglichkeit, eine Hochschule zu besuchen, was zum einen daran lag, dass ihnen die Armut als solche keine Zeit für Aktivitäten ließ, die nicht im direkten Zusammenhang mit dem Überleben standen. Zum anderen lag es an der Privatisierung der Universitäten sowie ihrer räumlichen Lage, nämlich fernab der Wohnviertel. Comandante Chávez brachte die Hochschule zu ihnen. Ich bin eine derjenigen, die die Universität mitsamt ihrer Methodik und ihrem Werkzeug in ein Armenviertel (Barrio) brachten. Ich war für Catía im Bezirk Sucre zuständig, eine bevölkerungsreiche und ziemlich große Gemeinde in Caracas. Fünf Jahre lang habe ich dort in der Ausbildung einer Gruppe gearbeitet. Die Studenten bzw. Aktivatoren mussten ihr Viertel nicht verlassen, um zur Universität zu gehen, sie mussten kein Geld für das Essen in der Mensa usw. ausgeben, sondern hatten in ihrer Gemeinde mich – nicht als Professorin, sondern als ihre Vermittlerin. Auf diese Weise konnte auch eine junge Mutter ihr Kind mit zu den Ausbildungsräumen nehmen, es dort stillen usw. und den Unterricht besuchen, während ihr Kind den ganzen Tag über bei uns war. Für diejenigen, die bereits einen Schulabschluss hatten, aber nicht zur Universität gehen konnten, war das eine wirkungsvolle Inklusionsmethode. Ich musste all die Fächer gemeinsam mit ihnen lernen. Ich bin Personalverwalterin und habe einen Master in der Leitung von Körperschaften öffentlichen Rechts, aber da ich mich nicht in allen Fächern auskenne, musste ich mit den Studenten die Kulturfächer wie Theater, Tanz usw. lernen. Auf diese Weise haben wir die Ausbildung gemeinsam absolviert.

Wo lässt sich die Misión Cultura im Gesamtbild der Regierungsführung verorten?

Um die soziale Schuld zu begleichen, welche die rechten Regierungen hinterlassen hatten, rief Präsident Chávez eine Reihe von Sozialprogrammen (Misiones) ins Leben. Da die Gesundheitsversorgung für die breite Bevölkerung schlecht war, schuf er die Misión Barrio Adentro, bei der auf Basis eines Abkommens zwischen Kuba und Venezuela kubanische Ärzte in venezolanische Armenviertel entsendet werden. Die venezolanischen Medizinstudenten selbst wollten nach ihrem Abschluss nicht in den Barrios, sondern in Kliniken arbeiten, also war die Regierung auf die Unterstützung von Kuba angewiesen. Es wurden außerdem Bildungsprogramme gestartet. So entstand für die Analphabeten die Misión Robinson und für diejenigen, die das Abitur nachholen wollen, die Misión Ribas. Zur Wahrung der Kultur wurde die Misión Cultura geschaffen, bei der Aktivatoren ausgebildet werden, die in den Wohnvierteln das kulturelle Erbe wiederbeleben. Für andere Studiengänge wie z.B. Sozialarbeit und soziale Kommunikation wurde auf universitärer Ebene die Misión Sucre gegründet. Die Programme Cultura und Sucre gehören beide zum Bildungssektor, allerdings dient die Misión Cultura eher im Sinne einer ideologischen Arbeit der kulturellen Ausbildung der Gemeinschaft.

Erzählen Sie doch bitte etwas über den Bereich der Selbst(er)kenntnis innerhalb des pädagogischen Studiums.

Gut. Schauen Sie, es gibt die Bezeichnung der "Snobs aus Pappe". Jahrelang sind wir von den Massenmedien manipuliert worden, die noch dazu in den privaten Händen von Besitzern multinationaler Konzerne waren. Durch die Medien wurden uns gewisse ausländische Kulturmodelle in den Kopf gesetzt, so zum Beispiel ein bestimmtes Bild von Frau und Mann, das Machotum, der Konsumismus und dergleichen. In Bezug auf unsere Identität wurde uns so häufig gesagt, dass wir nichts taugen, dass einige in ihrem Streben, wie die Reichen zu sein, nur noch den Weg sehen, ein "Snob aus Pappe" zu werden. Das ist jemand, der zwar wahrscheinlich in ärmlichen Verhältnissen lebt, sich nach außen hin aber wohlhabend gibt und versucht, bei den Reichen mitzuspielen. Er wählt den Kandidaten der Opposition, um darin wie sie zu sein. Würde er die Partei der Revolution, die Partei der Armen unterstützen, käme er sich selbst arm vor.

Ein "Snob aus Pappe" ist jemand, der von der Marke seiner Schuhe lebt, davon, wie viel sich in seinem Geldbeutel befindet und von den Orten, die er besucht. Er verneint seine Klassenzugehörigkeit, ungeachtet seiner möglicherweise großen Entbehrungen. Um wie eine Reiche auszusehen, glättet sich eine Frau also beispielsweise ihre Haare, trägt Kontaktlinsen und Markenschuhe und wählt den Kandidaten der Opposition. Das verleiht ihr Stil. Das also sind die ‚"Snobs aus Pappe", die vermutlich in ärmlichen Verhältnissen leben und sich dabei selbst verleugnen. Ich halte das für eine kulturelle Erscheinung, für die sie nicht selbst die Schuld tragen, sondern die vielen Botschaften und Codes, die uns in den Kopf gesetzt werden.

Die bürgerlichen Medien haben schon immer versucht, unter den Venezolanern selbst die Auffassung zu verbreiten, sie seien faul, neigten zum Alkohol, kämen bildungstechnisch nicht voran etc. Wie das Sprichwort schon sagt – eine oft wiederholte Lüge lässt einen irgendwann glauben, es handle sich um die Wahrheit.

Und diese Versionen werden von den Massenmedien verbreitet…

Ja, vor allem in den Telenovelas. Der Böse ist immer schwarz und arm, während die Reichen weiß und gut sind. Dieses Bild bleibt in unseren Köpfen haften und mit der Zeit verinnerlichen wir es. Es gibt sogar Venezolaner, die darunter leiden, in Venezuela geboren zu sein. Ihnen wurde so oft gesagt, dass ihr Land nichts taugt, dass sie lieber US-Amerikaner oder Europäer wären. Sie negieren ihre eigene Essenz, ihre Wurzeln. Aus diesem Grund hat es sich die Misión Cultura zur Aufgabe gemacht, dass die Aktivatoren über die autobiografische Arbeit ihre eigenen Wurzeln erkennen und den kulturellen Beitrag der indigenen und schwarzen Bevölkerung wertschätzen lernen.

Wie ist die bisherige Auswertung der Misión Cultura? Zu welchen Ergebnissen kommt man da?

Also, heute haben wir 18.000 Absolventen. Einige arbeiten in Schulen, andere in den Wohnvierteln und wieder andere in Kunstschulen. Bei der Misión Cultura wird der Kulturbegriff nicht automatisch mit den schönen Künsten gleichgesetzt, sondern als solcher erweitert: Kultur beinhaltet dann auch Gewohnheiten und Bräuche, unterschiedliche Lebensweisen und das geteilte Wissen des Volkes. Das ist die Kulturdefinition des Volksministeriums für Kultur.

Um zu konkreten Ergebnissen zu kommen, fehlt uns aber heute noch die definitive Etablierung der Kommunen. Bisher haben wir zwar erreicht, dass die Aktivatoren im Kulturausschuss der kommunalen Räte sitzen, allerdings muss die Schaffung der Kommunen als solche seitens der Regierung und der Bevölkerung weiterhin vorangetrieben werden. Dann könnte man die Arbeit der Kulturaktivatoren geographisch dokumentieren. Das Volk hat bisher einige Radiosender für sich erobern können und auch neue gegründet; Fernsehsender dagegen kaum. In diesen Sendern laufen auch Programme mit den Kulturaktivatoren der Misión Cultura. Es geht um verschiedene Themen, die im Zusammenhang mit der ideologischen Arbeit, den Demonstrationen des Volkes, der Problematik der Kommunen und dem Alltagsleben stehen.

Vor allem bei den Zeitungen der Kommunen haben wir große Fortschritte gemacht. Meistens werden diese Zeitungen von den kommunalen Räten herausgebracht, aber wenn die Bildung der Kommunen gelingt, könnten das Zeitungen von großem Format werden. Im Augenblick bestehen sie nur aus zwei bis sechs Seiten, es handelt sich also wirklich um kleine Zeitungen, aber mit der Entstehung der Kommunen, ihren Unternehmen und Fabriken werden erheblich mehr Ressourcen zur Verfügung stehen.

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