Die Minga Indígena in Kolumbien im Zentrum breiter Proteste ‒ Duque kneift

"Wenn wir still sind, töten sie uns und wenn wir sprechen auch. Also sprechen wir"

Bogotá. Gut 600 Kilometer haben Indigene, Afrokolumbianer:innen und Kleinbauern zurückgelegt, um in Bogotá mit Präsident Iván Duque über ihre inakzeptable Situation zu sprechen. In Caloto, Cauca ist die Minga Indígena gestartet, hat zuerst einen Zwischenhalt in Cali eingelegt und ist dann bis in die Hauptstadt gefahren, unter dem Motto: Kommt der Präsident nicht zu uns, fahren wir zu ihm.

Unterwegs haben sich auch Afrokolumbianer:innen und Kleinbauernorganisationen angeschlossen, sodass es keine reine Minga Indígena mehr ist, aber eine Minga für das Leben und den Frieden.

Das Wort Minga ist Kichwa und bedeutet gemeinsame Arbeit für die ganze Gemeinschaft. In diesem Sinne fordern die Teilnehmer:innen Rechte für alle Kolumbianer:innen.

Führungsstäbe in der Hand, Whipala-Fahnen auf dem Rücken und traditionelles Essen im Gepäck haben die Teilnehmer:innen den Weg nach Bogotá auf sich genommen. In Chivas, alten Bussen, die heute teilweise auf dem Land oder für Touristen noch benutzt werden, sind sie zuerst bis nach Cali gefahren. Dort wollten sie Präsident Duque treffen. Dieser sandte aber nur eine Delegation aus Minister:innen, angeführt von Innenministerin Alicia Arango.

Damit waren die Mitglieder der Minga nicht einverstanden. Sie empfanden es als Beleidigung, dass Duque sich nicht persönlich mit ihnen treffen wollte. Zudem argumentierten sie, dass frühere Abmachungen mit Minister:innen nicht eingehalten und Versprechen nie eingelöst wurden.

Wie zu erwarten war betonte Arango, dass sie nie aufgehört hätten, den Indigenen zuzuhören und dass die Regierung große Anstrengungen unternommen habe, ihren Anliegen nachzukommen. Konkrete Beispiele blieben aus.

Die zentralen Forderungen der Minga beziehen sich auf vier Punkte: Die Verteidigung des Lebens, das Recht auf ihr Territorium, die Demokratie und den Frieden. Alles Punkte, die sie schon lange einfordern, welche die Regierung bisher nicht (genügend) erfüllt hat und die nur Indigene betreffen.

Es sind auch Forderungen, die das Komitee des Nationalstreiks vorbringt, der am 21. Oktober wieder stattgefunden hat. Neben den Forderungen nach dem Ende der anhaltenden Morde gegen soziale Führungspersonen sowie Reformen in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Bildung wurde beim Streik auch eine Neuverhandlung des Notfallplans für die Covid-19 Krise verlangt. Kritisiert wurde, dass bisher nur der Finanzsektor und die Regierung selbst von den Maßnahmen profitiert hätten. Während des siebenmonatigen Lockdowns wurden 164 Dekrete erlassen, die unter anderem Steuersenkungen für Großunternehmen und gleichzeitig Kürzungen im Gesundheits- und Sozialsystem vorsehen. Zudem blieben auch die Forderungen des nationalen Streiks von 2019 bis heute unbeantwortet.

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In sozialen Medien wurde die Minga stark stigmatisiert: Die Indigenen wollten Bogotá angreifen, Zerstörung bringen und Unruhe stiften, hieß es. Neben Anschuldigungen als Drogenhändler gab es auch rassistische Aussagen über "faule Indios", die immer nur mehr von der Regierung verlangten, aber selber nichts leisteten.

Doch auf dem Weg nach Bogotá wurde diese Delegitimierung geschwächt durch die enorme Unterstützung seitens der lokalen Bevölkerung. Die Teilnehmer:innen wurden an vielen Orten freundlich willkommen geheißen und angefeuert.

In Bogotá setzte sich die Bürgermeisterin Claudia López dafür ein, dass die Minga von ihrer eigenen Guardia Indígena begleitet wird, und nicht von der Sondereinsatzpolizei Esmad, wie es von Vertretern der Regierungspartei Centro Democrático gefordert wurde.

Am 19. Oktober erreichte die Minga in Bogotá den Plaza Bolívar und forderte erneut ein Treffen mit Duque. Eine Delegation von etwa 8.000 Personen fand sich dann auf dem Areal des Palacio de los Deportes ein, wo unter der Aufsicht der Bürgermeisterin auch Zelte aufgestellt und Hygienemaßnahmen ergriffen wurden.

Duque hingegen erklärte, niemand könne behaupten, dass es Menschenansammlungen brauche, um mit der Regierung zu kommunizieren. Seine Regierung sei immer offen für Dialog gewesen und die Minga könnte zu einem erneuten Ausbruch von Covid-19 beitragen.

Schlussendlich traf sich Duque weder mit Vertretern der Minga noch des nationalen Streiks. Sein Stuhl blieb leer.

Parallel zum Streik fand noch die Beerdigung von Juan de Jesús Monroy statt, ein Mitglied der Farc-Partei. Er und sein Leibwächter wurden am vorhergehenden Wochenende ermordet. Zuvor hatte Duque noch nach einer gemeinsamen Teilnahme an einem Treffen vor laufender Kamera gesagt, dass Monroy für sein Engagement den Schutz des Staates genieße. 

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