Ich habe vom 26.04.26 bis zum 10.05.26 als Teil der 1.Mai-Brigade an einer Reise nach Kuba teilgenommen und wollte meine Eindrücke festhalten. Jährlich kommen hunderte von Brigadistas nach Kuba, um an den Veranstaltungen zum 1. Mai dabei zu sein, aber auch, um die Lebensrealität auf der Insel, wie das Gesundheits- und Bildungssystem, kennenzulernen und an Arbeitseinsätze teilzunehmen.
Dieses Jahr war es besonders wichtig. Es jährt sich der 100. Geburtstag von Fidel Castro und seit dem 3. Januar, nachdem der Staatschef von Venezuela Nicolás Maduro durch die USA entführt wurde, wurde das Embargo durch eine Ölblockade weiter verschärft. Dies führte zu Stromausfällen von bis zu 16 und 24 Stunden. Seit der Ankunft des russischen Öltankers, der Öl geliefert hatte, hat sich die Situation etwas entschärft.
Als wir in Havanna nachts ankamen, konnte man sehen, dass nur wenige Straßenlaternen funktionierten und fast keine Fahrzeuge unterwegs waren. In der Regel wurden die Brigaden in einem Camp untergebracht, welches für sie errichtet worden war. Aufgrund von Wasserproblemen im Camp wurden wir in zwei verschiedene Hotels untergebracht. Wir kamen im Copacabana unter. Dieses Hotel spielte historisch eine wichtige Rolle. 1997 hatte ein Söldner aus El Salvador, der von exilkubanischen Terroristen bezahlt wurde, eine Bombe platziert, bei der viele Menschen verletzt wurden und ein italienischer Tourist starb. Eine Gedenktafel erinnert heute noch an ihn.
Die nächsten Tage waren geprägt durch Besuche und Teilnahmen an Konferenzen wo wir einen Einblick bekommen konnten, welche Auswirkungen die Blockade auf das tägliche Leben der Kubaner:innen hat. Seit dem Sieg der Revolution 1959, verhängten die USA einen Handels- und Wirtschaftsembargo gegen die Insel, um diese in die Knie zu zwingen. Es handelt sich hier nicht um einfache Sanktionen, sondern um Maßnahmen, welche die Insel vom internationalen Handel und Zahlungssystem ausschließen sollte. So werden Firmen, die mit Kuba Handel betreiben oder betrieben haben, von der US-Regierung bestraft und mit Sanktionen belegt. Durch diese Blockade können zum Beispiel auch keine Materialien und Rohstoffe geliefert werden, um Medikamente zu produzieren.
Wir waren 224 Brigadistas aus 20 Ländern. Die zahlenmäßig größte Gruppe waren die US-Amerikaner:innen. Dies beeindruckte mich sehr, da sie aus dem Land kamen, welches Kuba diese Blockade auferlegt hatte. In Gesprächen mit ihnen, stellte ich immer wieder die Frage, ob sie keine Angst vor den Konsequenzen hätten, bei ihrer Rückkehr in die USA. Sie meinten, dass sie diese Befürchtung hätten. Außer einer stundenlangen Befragung vom FBI könnte so eine Reise den Leuten auch den Job kosten. Viele beantworten meine Frage, dass ihnen das alles bewusst sei, es für sie aber wichtig sei sich ein eigenes Bild von der Lage auf der Insel zu machen und dieses Bild den Menschen in den USA zu vermitteln.
Unser erster Termin führte uns zum Biotechnologischen Zentrum. Hier wurde zum Beispiel der Corona-Impfstoff Abdala entwickelt, den Kuba während der Pandemie an Ländern des Globalen Südens verteilte. Mittlerweile arbeitet das Zentrum an einem Medikament gegen Alzheimer. Hier wurden wir von Fernando González, dem Präsidenten des Icap, begrüßt. Das Icap (Kubanisches Institut für Völkerfreundschaft), organisiert jährlich die Brigaden nach Kuba und fungiert als Kontaktstelle für die Kuba-Solidaritätsgruppen in verschiedenen Ländern. Nach der Begrüßung hatten wir eine Diskussion mit einer Wirtschaftsprofessorin der Universität Havanna. Auf die Frage, wie die Wirtschaft eines Landes trotz Blockade funktioniert, antwortete sie, dass die kubanische Wirtschaft nicht funktioniert, sondern überlebt. Wir erfuhren, wie das Embargo durch verschiedene US-Regierungen teilweise entschärft und dann wieder verschärft wurde, und von den Reformen, die die kubanische Regierung in den letzten Jahrzehnten eingeleitet hatte.
Am nächsten Tag gingen wir zu einem Schulzentrum in Ciudad de Libertad (Stadt der Freiheit). Das Schulzentrum war früher eine Militärkaserne, die in ein Schulzentrum umgewandelt wurde. Dort sind 138 Schüler:innen, die von 23 Lehrer:innen betreut werden. Was mich erstaunt hat,ist, dass in Kuba die Inklusion funktioniert und Kinder mit und ohne Einschränkungen in einer Klasse sind. Eine der Schulen im Schulzentrum wurde sogar von der Unesco ausgezeichnet.
Am Nachmittag gingen wir dann in die Casa de la Amistad (Haus der Freundschaft) welches zum Icap gehört. Dort gab es eine Podiumsdiskussion mit dem palästinensischen Botschafter und zwei der palästinensischen Medizinstudenten der Elam (Lateinamerikanische Schule für Medizin). Kuba vergibt seit Jahrzehnten Stipendien an Student:innen des Globalen Südens, die Medizin studieren wollen, aber in ihren Heimatländern nicht die Möglichkeit haben.
Kuba schickt auch heute noch Ärztebrigaden in Regionen, wo es wenig Ärzte auf der Welt gibt, oder wo es Katastrophen gibt. Während der Covid-Pandemie kamen sehr viele kubanische Ärzte nach Italien.
Am dritten Tag hatten wir schon unseren ersten Arbeitseinsatz. Wir sollten einer landwirtschaftlichen Genossenschaft beim Unkraut jäten helfen. Diese Arbeitseinsätze sind nicht nur Ausdruck der praktischen Solidarität, sondern auch eine Hilfestellung für die Kubaner:innen. Nachmittags trafen wir uns mit Vertreter:innen des Energieministeriums. Seit der durch die USA auferlegten Öl-Blockade versucht Kuba auf erneuerbare Energien umzusteigen. Schon 2013 wurde angefangen, auf Kuba Solarparks zur Gewinnung von Solarenergie zu errichten. Seit Februar 2026 werden 15 Prozent des Stroms durch Solarenergie gewonnen. Geplant ist, bis 2035 komplett den Strom durch erneuerbare Energien zu erzeugen. Das kubanische Parlament hat bereits einen Gesetzesentwurf zur Energiewende präsentiert.
Für den vierten Tag war eine Betriebsbesichtigung geplant. So wurden wir in einem Transportunternehmen empfangen, welches für die Lebensmittelverteilung zuständig ist. Dort konnten wir uns auch mit der zuständigen Gewerkschaft für Handel und Gastronomie austauschen. Interessant war zu sehen, dass die Gewerkschaft eine ganz andere Aufgabe in einem sozialistisch geführten Land hat als die Gewerkschaften bei uns. So organisiert die Gewerkschaft Bildungsaktivitäten und Seminare für die Beschäftigten und ist vor allem für den Arbeits- und Gesundheitsschutz zuständig. Wenn eine beschäftigte Person längere Zeit krank ist, besucht sie die Gewerkschaft, um zu sehen, ob sie etwas braucht.
Auf den fünften Tag hatte ich schon lange gewartet, denn heute würde der 1. Mai stattfinden, wie ich ihn bisher noch nie erlebt hatte. Wir mussten alle um 3:30 Uhr morgens bereit sein für die Abfahrt und wurden zum Platz der Revolution gebracht. Dort waren schon Hunderttausende von Demonstrant:innen, Arbeiter:innen, Angestellten, Soldat:innen etc. versammelt. Dann ging es für fünf Kilometer durch die Innenstadt von Havanna zum Malecón und dann weiter Richtung Antiimperialistische Tribüne. Letztere befindet sich direkt vor der US-Botschaft. Es wurden über 600.000 Teilnehmer:innen gezählt. Auf der Bühne gab es sehr viele musikalische Aufführungen und Reden. Das war wahrscheinlich die größte Demonstration, bei der ich je gewesen bin. Ein paar Stunden nach der Demonstration hat dann die Regierung von Donald Trump das Embargo nochmal verschärft.
Am nächsten Tag waren wir bei einer Konferenz zur internationalen Solidarität mit Kuba. Neben den Reden von Außenminister Bruno Rodríguez und Staatspräsident Miguel Díaz-Canel gab es auch Reden von einigen Teilnehmer:innen der Konferenz. Auf der Konferenz lernte ich einige Kolleg:innen von der IG Metall kennen, die die Initiative Gewerkschafter:innen für Kuba gegründet hatten. Diese will Solarpanele nach Kuba liefern, da diese dringend zur Stromerzeugung gebraucht werden.
Die nächsten Tage fuhren wir nach Cárdenas und Matanzas. Matanzas ist eine Kleinstadt östlich von Havanna. Außer dass Matanzas eine schöne Stadt mit Kolonialarchitektur ist, gibt es zwei Besonderheiten: Am 31. März 2026 lief im Hafen von Matanzas ein russisches Schiff mit 730.000 Barrel Rohöl an. Dies führte zu Verbesserungen in der Stromversorgung und es kam fast nicht zu Stromausfällen. Die zweite Besonderheit ist die Geschichte von Matanzas. Außerhalb der Stadt befindet sich eine Festung aus dem 17. Jahrhundert. Diese und die Siedlung von Matanzas wurden von westafrikanischen Sklaven gebaut. Heute befindet sich dort ein Museum, das die Geschichte der Sklaverei aufarbeitet. Durch interaktive Karten konnte man sehen, wo die meisten Sklaven herkamen: Das waren meistens der Kongo, Angola und Namibia.
Am nächsten Tag besuchten wir eine Kinderklinik in Cárdenas. Die Kinderklinik Rosa Luxemburg wurde mit finanzieller Hilfe der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) aufgebaut. Die Klinik besitzt noch einen Bauernhof, welcher zu Therapiezwecken genutzt wird (Zootherapie, zum Beispel). Dort brachten wir mehrere Koffer mit Medikamenten und medizinischen Utensilien. Wir hatten die Möglichkeit, mit dem Personal zu reden. Eine Therapeutin zeigte mir, wie sie Memory-Karten als Behandlungsmethode einsetzt. Eine andere Ärztin erklärte uns, welche Auswirkungen die Stromausfälle auf die Kinder haben: "Autistische Kinder leben in ihrem eigenen Universum und haben ihre eigene Routine. Wenn sie durch die Stromausfälle aus dieser Routine gerissen werden, dann ist das sehr problematisch."
Wir hatten außerdem noch weitere Arbeitseinsätze, wie das Aufräumen des Strandes, und konnten uns einige Sehenswürdigkeiten anschauen, wie die Bar in der angeblich Ernest Hemingway den Mojito erfunden hat. Letztendlich konnte ich von den Kubaner:innen einige Eindrücke mitnehmen. Vielleicht haben sie unterschiedliche Ansichten über den Kurs ihrer Regierung, aber in zwei Punkten ist sich die Mehrheit von ihnen einig: Sie wollen keinen Krieg und keine militärische Intervention durch die USA, die unnötiges Blutvergießen verursachen würde, und sie sind bereit, ihr Land und ihre Souveränität mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen einen übermächtigen Gegner zu verteidigen.
Schließlich muss man kein Anhänger des politischen und wirtschaftlichen Systems in Kuba sein, und trotzdem kann man die Wirtschaftsblockade verurteilen. Wer sich selbst als Demokrat bezeichnet und für das Selbstbestimmungsrecht der Völker eintritt, muss diesen Wirtschaftskrieg verurteilen, denn er ist völkerrechtswidrig und zutiefst undemokratisch.
Wenn jetzt Leute denken, dass ihnen das Ganze nicht zu interessieren hat, weil Kuba weit weg ist, liegen sie falsch! Kuba zeigt uns, welche Konsequenzen ein Land bezahlen muss, nur weil es seinen eigenen Weg geht, seine Souveränität behauptet und in den geopolitischen Orbit einer Supermacht gerät. Sowas kann jedem Land widerfahren.




