Heute schon geSPONt?

Debatte bei "Spiegel Online" zum Weltsozialforum

Unser Autor Christian Kliver hat sich in die Debatte bei "Spiegel Online" um einen Beitrag zum Weltsozialforum im brasilianischen Belém eingeschaltet. Wir dokumentieren in Folge seinen Forumseintrag.


Der Artikel „Die Selbstbetrüger vom Amazonas erinnert mich an meine Zeit als Tageszeitungsredakteur. Vor einigen Jahren kam in meiner ehemaligen Redaktion mal eine Mode auf. Hatte ein Autor einen besonders polemischen Artikel geschrieben, der an Fakten arm oder gar faktenfrei war, dann hieß es: "Der hat ja mal wieder geSPONt" – in Bezug auf das Akronym von Spiegel Online.

Jens Glüsing macht diesem Urteil alle Ehre.

Festgestellt wurde in der Leserdebatte schon, dass sein Artikel "Die Selbstbetrüger vom Amazonas" über das Weltsozialforum im brasilianischen Belém faktenarm ist.

Wir erfahren zwar, dass einige Präsidenten bei dem Sozialforum vor Ort waren. Was sie gesagt haben, darüber werden wir aber dumm gehalten.

Von dem venezolanischen Staatschef Hugo Chávez lesen wir gerade einmal einen (Halb-)Satz: "Die andere Welt existiert bereits". Diesen Satz "sagt" Chávez aber nicht. Er "tönt" ihn. Sein ecuadorianischer Amtskollege "beschreibt" nicht etwa einen "magischen Moment", den er in Belém zu spüren vermeint. Rafael Correa "schwärmt".

"G'spinnert sans halt", würde man nun am Stammtisch sagen, darauf auf die irren Wilden dort in Südamerika anstoßen und einen tiefen Zug nehmen.

Aber SPON ist kein Stammtisch, sondern eines der meistgelesenen Onlineportale. Es bildet Meinung – und das vor allem gegen die anti-neoliberale Linke in Lateinamerika.

Meine Wette, liebe Forumsfreunde: Wenn Correa erst einmal Erst macht mit der Nationalisierung der Erdölindustrie seines Landes, dann wird er bei Glüsing und SPON auch nicht mehr "schwärmen", sondern eben

(Wobei ich der Redaktion von Spiegel Online zugute halten will, dass die Nervensäge, von der dieses Nervensägenurteil stammt, inzwischen ihres Postens enthoben wurde. Wenn auch nicht der politischen, sondern sozialer Defizite wegen.)

Ergo: Der Artikel "Die Selbstbetrüger vom Amazonas" offenbart die zunehmenden journalistischen Defizite von "Spiegel Online", die in einem besonderen Maße zutage treten, wenn es um Lateinamerika geht. Ich schreibe das durchaus in dem Wissen, dass all dies die Selbstbetrüger aus Hamburg nicht besonders berühren wird.

Wer einen anderen Blick sucht, liest besser gleich die lateinamerikanische Presse oder www.amerika21.de.

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