Kuba / Medien

Journalist Relotius gibt Stipendium für Kuba-Reise zurück

NRW-Staatskanzlei bestätigt Rückzahlung von Fördergeldern. Ehemaliger "Spiegel"-Reporter gesteht Fälschungen bei Kuba-Texten noch nicht ein

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Claas Relotius wurde 2017 mit dem "Liberty-Award" der Reemtsma-Stiftung ausgezeichnet. Er hat diesen und andere Auszeichnungen inzwischen zurückgegeben
Claas Relotius wurde 2017 mit dem "Liberty-Award" der Reemtsma-Stiftung ausgezeichnet. Er hat diesen und andere Auszeichnungen inzwischen zurückgegeben

Düsseldorf. Der ehemalige Reporter des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", Claas Relotius, hat nach Informationen von amerika21 ein Stipendium der in Düsseldorf ansässigen Heinz-Kühn-Stiftung zurückgegeben und den Förderbetrag für eine Recherchereise nach Kuba zurückgezahlt. Relotius reagierte damit offenbar auf nachgewiesene Manipulationen und erfundene Passagen in mehreren Reportagen im "Spiegel“-Magazin. Fälschungen seiner Kuba-Texte, die auch im Magazin "Cicero" erschienen waren, gestand Relotius indes nicht ein.

Relotius habe inzwischen über seinen Rechtsanwalt mitteilen lassen, dass er "sich aufgrund der begründeten grundsätzlichen Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit wegen unzutreffender Darstellungen" in den im "Spiegel" abgedruckten Reportagen entschieden habe, "zeitnah sämtliche journalistischen Preise und Preisgelder zurückzugeben“, hieß es aus der Düsseldorfer Staatskanzlei auf amerika21-Anfrage. Dies geschehe "unabhängig von der Authentizität der zugrundeliegenden Berichte“. Sein Anliegen sei "dabei auch, eine Beschädigung der Reputation der jeweiligen Journalistenpreise und von den diese jeweils ausschreibenden Institutionen möglichst gering zu halten“.

Claas Relotius hat im Jahr 2012 ein Stipendium der Heinz-Kühn-Stiftung des Landes Nordrhein-Westfalen erhalten und im Frühjahr 2013 eine Recherchereise nach Kuba durchgeführt. Später veröffentlichte er im 27. Jahrbuch der Heinz-Kühn-Stiftung einen Bericht und mindestens einen weiteren Text. Beide Arbeiten enthalten nach Recherchen von amerika21 zahlreiche Fehler und sind in Teilen frei erfunden.

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Bericht über angeblichen Steuerberater in Kuba, erschienen im "Cicero" im September 2013. Das Magazin hat den Text inzwischen offline genommen
Bericht über angeblichen Steuerberater in Kuba, erschienen im "Cicero" im September 2013. Das Magazin hat den Text inzwischen offline genommen

"Die Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen hat unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Dezember 2018 Herrn Relotius um Stellungnahme gebeten“, hieß es nun aus Düsseldorf. Relotius habe nach Angaben seines Anwalts zwischenzeitlich eingeräumt, dass er bei seinen Reportagen über mehrere Jahre hinweg vielfach Fakten falsch dargestellt, verfälscht und hinzuerfunden habe. "Die Staatskanzlei hat Herrn Relotius konkret um Angaben gebeten, ob es im Kontext seines Stipendiums bei der Heinz-Kühn-Stiftung und den damit verbundenen Veröffentlichungen möglicherweise falsche Angaben gegeben habe oder ob fehlerhafte Quellen genannt worden seien“, hieß es weiter.

Der manipulierte Bericht des ehemaligen "Spiegel“-Mitarbeiters wird bei der kommenden Sitzung des Kuratoriums der Heinz-Kühn-Stiftung des Landes Nordrhein-Westfalen auf der Tagesordnung stehen. Nach seiner aus Steuergeldern finanzierten Reise verfasste Relotius einen Aufsatz im Rahmen einer mehr als 600-seitigen Jahrespublikation mit Kapiteln wie "Die Revolution verkauft ihre Kinder" und "Zur Arbeit: Recherchieren in der Diktatur". In diesem Beitrag kommt auch der angeblich "erste Steuerberater" der Insel vor, der einmal mit dem Namen "Ajerez", meist jedoch mit dem Nachnamen "Ajero" vorgestellt wird; einmal mit dem Vornamen "Alvarez", einmal als "Adolfo".

Vorwürfe kamen bereits von Organisationen der deutsch-kubanischen Zusammenarbeit. "Die Kubatexte des Herrn Relotius sind nun nachweislich manipuliert, voller Fehler und Fehlinterpretationen, wurden aber gleichwohl in sogenannten Qualitätsmedien veröffentlicht", kritisiert das Netzwerk Kuba, ein Zusammenschluss entwicklungspolitischer Organisationen und Solidaritätsgruppen. Für aufmerksame Beobachter der Kubaberichterstattung in den hiesigen Medien seien eklatante Qualitätsdefizite jedoch nicht überraschend. Es gebe in etablierten Medien "selten Beiträge, welche die Breite und Vielfalt der kubanischen Realität abbilden, hinreichendes Hintergrund- und Fachwissen aufweisen und differenzierte Analysen bieten".

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