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Kuratorium von NRW-Stiftung setzt Fall Relotius auf Tagesordnung

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Aus der Publikation der Heinz-Kühn-Stiftung von Claas Relotius zu Kuba
Aus der Publikation der Heinz-Kühn-Stiftung von Claas Relotius zu Kuba

Berlin. Ein mutmaßlich manipulierter Bericht des ehemaligen Mitarbeiters des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Claas Relotius, wird bei der kommenden Sitzung des Kuratoriums der Heinz-Kühn-Stiftung des Landes Nordrhein-Westfalen auf der Tagesordnung stehen. Das bestätigte ein Sprecher der NRW-Regierung auf amerika21-Anfrage. Relotius war Anfang 2013 mit einem Stipendium der Landesstiftung nach Kuba geflogen. Später veröffentlichte er mindestens einen Bericht über einen angeblichen Steuerberater in Kuba, der nach Recherchen von amerika21 in Teilen erfunden ist und zahlreiche Fehler enthält.

Entsprechende Vorwürfe kommen nun auch von Organisationen der deutsch-kubanischen Zusammenarbeit. "Die Kubatexte des Herrn Relotius sind nun nachweislich manipuliert, voller Fehler und Fehlinterpretationen, wurden aber gleichwohl in sogenannten Qualitätsmedien veröffentlicht", kritisiert das Netzwerk Kuba, ein Zusammenschluss entwicklungspolitischer Organisationen und Solidaritätsgruppen. Für aufmerksame Beobachter der Kubaberichterstattung in den hiesigen Medien seien eklatante Qualitätsdefizite jedoch nicht überraschend. Es gebe in etablierten Medien "selten Beiträge, welche die Breite und Vielfalt der kubanischen Realität abbilden, hinreichendes Hintergrund- und Fachwissen aufweisen und differenzierte Analysen bieten".

Das Netzwerk Kuba sieht hinter der Debatte um die Fälschungen von Relotius ein generelles Problem: "Aus der gegenwärtigen Kampagne zur Entlarvung des Sünders Relotius und der Darstellung der Reinigungsaktivitäten des deutschen Journalismus kann der Rückschluss gezogen werden, dass genau davon abgelenkt werden soll: dem ideologisch gefärbten, manipulativen und schlechten Journalismus, der inzwischen unsere Medien weitgehend dominiert." Eine Entwicklung normaler Beziehungen zu Kuba werde dadurch behindert. Dabei leide das Land auch noch im 60. Jahr seiner Revolution unter einer immer schärferen Blockade, die von den USA ausgeht, doch weltweit wirksam ist.

Nach seiner aus Steuergeldern finanzierten Reise verfasste Relotius einen Aufsatz im Rahmen einer mehr als 600-seitigen Jahrespublikation mit Kapiteln wie "Die Revolution verkauft ihre Kinder" und "Zur Arbeit: Recherchieren in der Diktatur". In diesem Beitrag kommt auch der angeblich "erste Steuerberater" der Insel vor, der einmal mit dem Namen "Ajerez", meist jedoch mit dem Nachnamen "Ajero" vorgestellt wird; einmal mit dem Vornamen "Alvarez", einnmal als "Adolfo".

Die Stiftung verwies auf amerika21-Anfrage an die Pressestelle der Staatskanzlei NRW. Ein Sprecher der NRW-Landesregierung erklärte, man habe umgehend mit dem ehemaligen Stipendiaten Relotius Kontakt gesucht und um Klärung gebeten. Auch werde man das Thema bei der kommenden Sitzung des Kuratoriums der Stiftung auf die Tagesordnung setzen. "Es ist allerdings derzeit zu früh, über mögliche Konsequenzen zu entscheiden", sagte der Regierungssprecher.

Mit dieser Diskussion in NRW erreicht der "Spiegel"-Skandal erstmals die staatliche Ebene.

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