Fall Relotius: Fälschungen betreffen offenbar auch Berichte über Kuba

Beitrag über Steuerberater in Kuba mutmaßlich gefälscht. Text bei Magazin "Cicero" noch online. Reise von NRW-Stiftung finanziert, Untersuchung eingeleitet

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Claas Relotius wurde 2017 mit dem "Liberty-Award" der Reemtsma-Stiftung ausgezeichnet. Er hat diesen und andere Auszeichnungen inzwischen zurückgegeben
Claas Relotius wurde 2017 mit dem "Liberty-Award" der Reemtsma-Stiftung ausgezeichnet. Er hat diesen und andere Auszeichnungen inzwischen zurückgegeben

Berlin/Havanna. Der Skandal um gefälschte Reportagen des ehemaligen "Spiegel"-Mitarbeiters Claas Relotius betrifft offenbar auch die Kuba-Berichterstattung. Laut Recherchen von amerika21 war Relotius im Februar und März 2013 in den Karibikstaat gereist, um für mehrere Artikel und Berichte zu recherchieren. Finanziert wurde der Arbeitsaufenthalt durch ein Stipendium der Heinz-Kuehn-Stiftung, einer Einrichtung der Landesregierung von Landes Nordrhein-Westfalen. Das Kuratorium der Stiftung wird vom NRW-Ministerpräsidenten und Christdemokraten Armin Laschet geleitet. Nach der Kuba-Reise schrieb Relotius Texte, die nun ebenfalls unter Fälschungsverdacht stehen.

Der weitreichende journalistische Betrug von Relotius war nach Angaben des "Spiegel" nach einer eingehenden internen Untersuchung aufgedeckt worden. Claas Relotius (33) der seit 2011 mehrere Dutzend Artikel für die Zeitschrift verfasst hat, gab der Redaktion zufolge inzwischen zu, 14 Texte vollständig erfunden oder mit manipulierten Zitaten oder erfundenen Passagen ergänzt zu haben.

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Aus der Publikation der Heinz-Kühn-Stiftung von Claas Relotius zu Kuba
Aus der Publikation der Heinz-Kühn-Stiftung von Claas Relotius zu Kuba

Nach seiner aus Steuergeldern finanzierten Reise verfasste Relotius einen Aufsatz im Rahmen einer mehr als 600-seitigen Jahrespublikation mit Kapiteln wie "Die Revolution verkauft ihre Kinder" und "Zur Arbeit: Recherchieren in der Diktatur". In diesem Beitrag kommt auch der angeblich "erste Steuerberater" der Insel vor, der einmal mit dem Namen "Ajerez", meist jedoch mit dem Nachnamen "Ajero" vorgestellt wird; einmal mit dem Vornamen "Alvarez", einmal als "Adolfo". Der Text über den angeblichen Steuerberater in der Publikation der NRW-Stiftung weist zudem eine Reihe weiterer Fehler und Widersprüche auf.

Die Stiftung verwies am Sonntag auf amerika21-Anfrage an die Pressestelle der Staatskanzlei NRW. Ein Sprecher der NRW-Landesregierung erklärte, man habe umgehend mit dem ehemaligen Stipendiaten Relotius Kontakt gesucht und um Klärung gebeten. Auch werde man das Thema bei der kommenden Sitzung des Kuratoriums der Stiftung auf die Tagesordnung setzen. "Es ist allerdings derzeit zu früh, über mögliche Konsequenzen zu entscheiden", sagte der Regierungssprecher. Mit dieser Diskussion in NRW erreicht der "Spiegel"-Skandal erstmals die staatliche Ebene.

Auch nach Ansicht des "Spiegel"-Reporters Juan Moreno, der einen der schwerwiegendsten Skandale in der Geschichte des deutschen Journalismus mit aufgedeckt hat, könnte sein ehemaliger Kollege den Bericht über Steuern in Kuba gefälscht haben. Moreno verweist ebenfalls auf den Beitrag über den "ersten Steuerberater des Inselsozialismus", der im September 2013 in der konservativen Zeitschrift "Cicero" erschien.

"Ich hatte irgendwann, lange bevor Relotius beim 'Spiegel' anfing, einen Text von ihm gelesen. Es ging um den angeblich ersten Steuerberater im sozialistischen Kuba." Der Mann verdiene 20.000 Dollar im Halbjahr, und ‚Schuhputzer‘ stünden Schlange, um sich von ihm beraten zu lassen" schreibt Moreno. Er habe also gedacht: "Also noch mal, Schuhputzer haben Steuergestaltungsfragen, und das auf Kuba!"

In dem Artikel, der noch immer auf der "Cicero"-Internetseite online ist, schreibt Relotius, dass "aus dem Büro am Küchentisch (...) ein boomendes kubanisches Beratungsunternehmen" entstanden" sei. Sein Protagonist verdiene nun mehr als in seinem ganzen Leben als Fahrlehrer, fügte er in dem für ihn typischen lyrischen Stil hinzu: "Er kann einen in Verzweiflung stürzen und manchmal doch so süß schmecken, der Kapitalismus."

Nach Angaben des "Spiegels" stehen nun zahlreiche Relotius-Berichte, die auch für den Journalistenpreis nominiert wurden, auf dem Prüfstand. Dazu gehören Texte wie "Die letzte Zeugin" über eine US-Amerikanerin, die angeblich an einer Hinrichtung als Zeugin teilnimmt, "Löwenjungen" über zwei irakische Kinder, die vom islamischen Staat entführt und umerzogen wurden, und "Number 440" über angebliche Häftlinge im US-Internierungslager auf der US-Militärbasis in Guantánamo auf Kuba.

Update: Nach der Veröffentlichung unseres Berichtes hat der "Cicero" den Artikel von Relotius offline genommen. Sie finden ihn nach wie vor im Google-Cache.

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