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Meeresspiegel vor São Paulo um 74 cm gestiegen

Neue Gefahr für Atomkraftwerke von Angra? Deutsche Bundesregierung wegen Exportkreditbürgschaft erneut in Kritik

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Protest gegen Hermeskredit vor dem Kanzleramt
"Keine Exportkreditbürgschaft für Angra 3": Protest gegen Atomexport vor dem Kanzleramt im Juli 2011

São Paulo. Der Meeresspiegel an der Nordküste des brasilianischen Bundesstaates São Paulo ist in den letzten 100 Jahren um 74 Zentimeter angestiegen. Dies geht aus den Messungen einer Forschungsstudie der Universität von São Paulo (USP) hervor, über die die staatliche Nachrichtenagentur Agência Brasil Ende Dezember 2011 berichtete.

Die Studie analysierte die von Behörden der Küstenstädte Santos, Ubatuba, São Sebastião und Caraguatatuba zwischen 1944 und 2007 erhobenen Meeresspiegeldaten. Die Forscher errechneten so einen Anstieg des Meeresspiegels an der Nordküste des Bundesstaates von 74 Zentimeter in den vergangenen 100 Jahren. Damit läge der Meeresspiegelanstieg in der untersuchten Region deutlich über dem weltweit aktuell geschätzten Mittelwert von 16 Zentimeter im gleichen Zeitraum.

Dieser von den Wissenschaftlern der USP errechnete Anstieg des Meeresspiegels wirft nun erneute kritische Fragen über die Sicherheit von den in der Region am Meer gelegenen Atomanlagen auf. Denn der in der Studie erwähnte Küstenort Ubatuba liegt nur 50 Kilometer Luftlinie vom Standort der Atomkraftwerke von Angra dos Reis entfernt. Die in Betrieb befindlichen Anlagen Angra 1 und 2 sowie die zur Zeit vom französischen Konzern Areva gebaute Anlage von Angra 3 befinden sich nur wenige Meter vom Strand entfernt in einem Gebiet, das von Erdbeben und Erdrutschen gefährdet ist. Angra 3 soll von der deutschen Bundesregierung durch eine Exportkreditbürgschaft in Höhe von 1,3 Milliarden Euro unterstützt werden.

"Diese Meldung zeigt deutlich die erneute Unverantwortlichkeit der deutschen Bundesregierung bei ihrer Erteilung der Bürgschaft", kritisiert Barbara Happe von der deutschen Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald gegenüber amerika21.de. Bisher stützten sich die Analysen zum Meeresspiegelanstieg in der Region auf die konservativen Berechnungen des Weltklimarates IPCC, der von einem Anstieg um 18 bis 59 cm bis zum Jahr 2100 ausgeht. Die von den Wissenschaftlern der USP nun vorgelegten Daten zur nahe gelegenen Region von Ubatuba deuten aber ein anderes Szenario an.

Der Koordinator der Studie, Professor Paolo Alfredini, warnte gegenüber der Agência Brasil für die nördliche Küstenregion von São Paulo vor einem weiteren Anstieg um einen Meter in diesem Jahrhundert. "In den vergangenen 20 Jahren, diese Daten analysierend, stellen wir einen schnelleren Anstieg fest", so der Universitätsprofessor gegenüber Agência Brasil. Alfredini erläuterte den Anstieg mit steigenden Wassertemperaturen in der Region, die zu einer thermischen Ausdehnung des Wassers führten.

Die Differenz von 16 und 74 Zentimetern Meeresspiegelanstieg in den letzten 100 Jahren, die ins Auge fällt, kann einer ganzen Reihe von Faktoren geschuldet sein. Denn der rechnerisch ermittelte, weltweite Mittelwert kann lokal durchaus ausgeprägte Schwankungen aufweisen. Ursache dafür können thermische, strömungsbedingte oder Temperatur abhängige Faktoren ebenso wie der jeweilige Süß- oder Salzwassergehalt sein. Auch Anziehungskräfte großer Landmassen können Ungleichgewichte im weltweiten Meeresspiegel auslösen, ein Phänomen, das in der Presse als Meeresspiegelanstieg mit "Beulen und Dellen" in den Ozeanen diskutiert wurde.

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