Lateinamerika / Soziales

UN-Bericht: Kriminalität in Lateinamerika gestiegen

Bericht über menschliche Entwicklung in Lateinamerika veröffentlicht. Steigende Unsicherheit behindert das Wachstum in der Region

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Gewalt gehört für viele Lateinamerikaner zum Alltag
Gewalt gehört für viele Lateinamerikaner zum Alltag

New York. Am 12. November hat das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) seinen "Bericht zur menschlichen Entwicklung 2013-2014"

zu Lateinamerika veröffentlicht. Dieser beruht auf Studien, die in 18 lateinamerikanischen Ländern durchgeführt wurden. Größtes Problem für die Region ist demnach die innere Unsicherheit, sie behindere die soziale und wirtschaftliche Entwicklung. Dies komme einem Teufelskreis gleich, stellt der Bericht fest. Die soziale und ökonomische Situation der Bevölkerung müsse verbessert werden, um kriminelle Machenschaften zu reduzieren. Außerdem müssten Sicherheits- und Rechtsinstitutionen gestärkt werden.

In dem Bericht wird von einem "Paradoxon in der lateinamerikanischen Entwicklung" gesprochen: Trotz anhaltendem Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahrzehnt und sozialen Verbesserungen ist die Kriminalität gestiegen. Dies sei unter anderem auf die weiterhin bestehende Ungleichheit zurückzuführen.

Wie aus der Studie hervorgeht, sind seit dem Jahr 2000 in Lateinamerika über eine Million Menschen ermordet worden. Außerdem habe sich die Zahl der Raubüberfälle in den letzten 25 Jahren verdreifacht. Dies führe unter anderem dazu, dass die Wahrnehmung von Unsicherheit in der Region stark angestiegen sei.

Der Bericht fokussiert auf sechs sich überlappende Sicherheitsprobleme: Straßenkriminalität, Kriminalität und Gewalt von und gegen Jugendliche, geschlechtsbezogene Gewalt, Korruption, staatliche Gewalt und organisierte Kriminalität.

Die steigenden Konsumerwartungen zusammen mit mangelnder sozialer Mobilität haben demnach eine sogenannte "aufstiegsorientierte Kriminalität" geschaffen. Diese werde durch ein schnelles und unorganisiertes Städtewachstum, durch sich wandelnde Familienstrukturen und Defizite im Bildungssystem befeuert.

Junge Männer in Lateinamerika sind laut der Studie am meisten von Gewalt und Kriminalität betroffen und stellen gleichzeitig auch den größten Anteil an Gewalttätern. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO hat El Salvador mit 92,3 Todesfällen pro 100.000 Einwohner zwischen zehn und 24 Jahren die höchste Jugendmordrate der Welt, gefolgt von Kolumbien (73,4), Venezuela (64,2), Guatemala (55,4) und Brasilien (51,0)

Bei der geschlechterspezifischen Gewalt registriert der Bericht einen Anstieg der häuslichen Gewalt, der Vergewaltigungen und Frauenmorde in fast allen Ländern. Zwischen 75 und 90 Prozent der Täter kannten demnach ihre Opfer vor der Straftat, 20 bis 40 Prozent der Gewaltakte wurden durch Familienmitglieder begangen.

Die UNDP hat zudem Studien in Gefängnissen in Argentinien, Peru, Chile, El Salvador und Brasilien durchgeführt. Dabei wurde festgestellt, dass im Schnitt jeder dritte Insasse sein Zuhause verlassen hat, bevor er 15 Jahre alt war, und dass zwischen 13 Prozent (Argentinien) und 27 Prozent (El Salvador) der Insassen niemals ihren Vater oder ihre Mutter kennengelernt haben. 40 Prozent der Insassen in Chile haben ihre Grundschulausbildung nicht abgeschlossen. Die Ergebnisse der Studien belegten, dass es einen engen Zusammenhang zwischen sozialen Problemen und Kriminalität gebe.

Die These, dass hohe Kriminalität die soziale und wirtschaftliche Entwicklung hemmt, verdeutlicht der Bericht mit folgender Statistik: Im Jahr 2010 kosteten Gewalt und Kriminalität dem Land Honduras 20,54 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), Paraguay verzeichnet einen Verlust von 8,7 Prozent, in Chile sind es rund drei Prozent des BIP.

Die Analyse der vergangenen Jahre zeige, dass die Sicherheitspolitik der "harten Hand" nicht funktioniert habe. Offensive Polizeieinsätze und harte Strafurteile fielen oft mit steigenden Kriminalitätsraten zusammen. Außerdem haben Korruption, Straffreiheit und Unverhältnismäßigkeit im Strafmaß die Effektivität und Legitimität von staatlichen Akteuren geschwächt.

"Es gibt keine magische Lösung", sagte der UNDP-Regionaldirektor für Lateinamerika und die Karibik, Heraldo Muñoz, "Jedes Land braucht ein Sicherheitsabkommen zwischen Regierung, politischen Parteien und der Zivilgesellschaft."

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