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18.05.2015 Chile / Menschenrechte / Politik

Richter in Chile ordnet Gedenkstätte für Opfer von deutscher Sekte an

Angehörige von Verschwundenen demonstrieren auf dem Zufahrtsweg zur Colonia Dignidad, die sich heute "Villa Baviera" nennt

Angehörige von Verschwundenen demonstrieren auf dem Zufahrtsweg zur Colonia Dignidad, die sich heute "Villa Baviera" nennt

Quelle: FDCL e.V.

Santiago de Chile. Ein Ermittlungsrichter in Chile hat im Fall der Ermordung eines Demokratieaktivisten im Jahr 1974 fünf ehemalige Agenten der chilenischen Geheimpolizei DINA zu jeweils zehn Jahren und das Führungsmitglied der deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad, Gerhard Mücke, zu drei Jahren Haft verurteilt. Richter Jorge Zepeda sprach das Urteil im Zusammenhang mit der Entführung und Ermordung von Alvaro Vallejos Villagrán.

Zugleich sprach Zepeda nicht nur den Angehörigen des Opfers eine Entschädigung in Höhe von etwa einer halben Million Euro zu. Er wies den chilenischen Staat auch an, auf öffentlichem Boden am Eingangstor der Colonia Dignidad eine Gedenkstätte zu errichten. In dem Museum soll die systematische Beteiligung der Colonia Dignidad an Folter und Ermordung von chilenischen Oppositionellen während der Diktatur von General Augusto Pinochet (1973-1990) dokumentiert werden.

Gleichzeitig wies der Richter den Staat an, die auf dem Gelände der Siedlung gefundenen Massengräber zu erhalten und zugänglich zu halten. Im Rahmen der Ermittlungen waren in den vergangenen Jahren eine Reihe von Massengräbern entdeckt worden. Die Gräber enthielten jedoch keine Überreste der dort im Jahr 1973 und 1974 verscharrten Personen mehr, da diese im Jahr 1978 wieder ausgegraben und verbrannt wurden. Bis heute sind die Identitäten der Ermordeten sowie die Namen der Täter nicht bekannt. Führungsmitglieder der Colonia Dignidad haben gestanden, Fahrzeuge mit mehreren Dutzend Gefangenen in den Wald gefahren zu haben. Zuvor hatten sie dort Gruben ausgehoben. Die Schüsse hätten sie später jedoch nur aus der Ferne gehört.

Menschenrechtsorganisationen wie die Asociación por la Memoria y los Derechos Humanos Colonia Dignidad (AMCD) fordern seit Langem die Umwandlung der Deutschensiedlung in eine Gedenkstätte. Bislang wohnen dort immer noch etwa 150 ehemalige Sektenmitglieder. Sie betreiben dort unter dem Namen "Villa Baviera" einen Tourismuspark, ohne die Vergangenheit des Ortes als Haft- und Folterstätte zu thematisieren. Im vergangenen Jahr hatte die AMCD gemeinsam mit der Gedenkstätte Villa Grimaldi Zivilklage im Rahmen des Verfahrens wegen der Ermordung von Vallejos Villagrán eingereicht und vom Staat als Reparationsmaßnahme die Errichtung einer Gedenkstätte in der Colonia Dignidad gefordert.

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