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16.07.2016 Venezuela / Politik / Wirtschaft

Arbeiter übernehmen Niederlassung von Kimberly Clark in Venezuela

Belegschaft besetzt Fabrik des US-Konzerns. Unterstützung seitens der sozialistischen Regierung. Produktion wird fortgesetzt. Debatte um Verstaatlichungen
Arbeitsminister Oswaldo Vera unterzeichnete am 13. Juli den Übergabevertrag von Kimberley Clark an die Belegschaft

Arbeitsminister Oswaldo Vera unterzeichnete am 13. Juli den Übergabevertrag von Kimberley Clark an die Belegschaft

Maracay, Venezuela. In Venezuela haben Arbeiterinnen und Arbeiter die Kontrolle über eine Fabrik der US-amerikanischen Firma Kimberly Clark (KC) übernommen. Zuvor hatte das Unternehmen bekannt gegeben, dass die Produktion in dem südamerikanischen Land eingestellt wird. Fast 1.000 Mitarbeitende sollten entlassen werden. Staatspräsident Nicolás Maduro beglückwünschte die Beschäftigten und sicherte Investitionen der Regierung zur Weiterführung der Produktion zu.

Kimberly Clark, einer der führenden Hygieneartikelhersteller der Welt, ist ein multinationales Unternehmen mit Sitz in den USA. Am Standort Maracay im Bundesstaat Aragua, rund 120 Kilometer westlich von Caracas, stellte die Firma unter anderem Toilettenpapier und Windeln her. Vergangene Woche hatte KC die Schließung des Werks verkündet. Als Grund nannte der Konzern ausbleibende Rohstofflieferungen.

Araguas Gouverneur El Assaimi und Arbeitsminister Vera mit Arbeiterinnen und Arbeitern beim Rundgang im Werk

Die tatsächlichen Beweggründe könnten jedoch auch andere sein: Noch im April hatte der KC-Geschäftsführer für Venezuela, Fernando Solano, bei der Finanzkommission des Parlaments eine massive Preiserhöhung für seine Produkte gefordert. In Venezuela sind durch das "Gesetz für faire Preise" die Gewinnmargen eingeschränkt, die Unternehmen auf die Produkte schlagen dürfen. Solano forderte von den Parlamentariern die Erlaubnis, Preise für Toilettenpapier und Monatsbinden um rund 500 Prozent sowie jene für Windeln um über 1.700 Prozent zu erhöhen. Keine drei Monate später folgte die Ankündigung der Firma, das Land zu verlassen.

Im Jahr 2013 hatte Kimberly Clark die Zuteilung von Vorzugsdevisen in Höhe von 37 Millionen US-Dollar mit dem Versprechen beantragt, die Produktion in Venezuela um 40 Prozent zu erhöhen. Hygieneartikel gehören zu den Produkten des täglichen Bedarfs, an denen seit Anfang 2014 großer Mangel herrscht und die fast nur noch auf dem Schwarzmarkt zu überhöhten Preisen erhältlich sind.

Nach der Bekanntgabe der Schließung am 9. Juli besetzten Arbeiter den Betrieb und forderten die Regierung zum Handeln auf (Screenshot)

Parallel zu den Vorkommnissen in Venezuela steht Kimberly Clark in Kolumbien, Chile und Peru unter Druck. Wie die Zeitschrift "Semana" berichtete, werden dem Unternehmen illegale Preisabsprachen vorgeworfen. Die kolumbianische Niederlassung von KC sei demnach zwischen 2001 und 2011 an drei Kartellen beteiligt gewesen, welche die Preise für Schulhefte, Toilettenpapier und Windeln künstlich in die Höhe trieben.

Die ehemaligen KC-Beschäftigten in Venezuela werden nun, begleitet vom Arbeitsministerium, eine Geschäftsleitung für den Standort Maracay wählen. Der Gouverneur des Bundesstaates Aragua, Tarek El Aissami, kündigte an, die Fabrik werde alle elf Produktionslinien wieder aufnehmen. Nach Angaben der Belegschaft sind derzeit genügend Rohstoffe für die Produktion vorhanden. Künftig sollen die hergestellten Waren direkt über die Lokalen Komitees zur Versorgung und Produktion (CLAP) verteilt werden, eine von der Regierung kürzlich geschaffene Basisstruktur zur Versorgung der Bevölkerung mit Gütern des täglichen Bedarfs.

Indes ist in der regierenden Vereinten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) eine Debatte über Verstaatlichungen entbrannt. Der Koordinator der Regierung für die CLAP, Freddy Bernal, forderte kürzlich eine "strategische Allianz zwischen dem staatlichen und dem privaten Sektor" zur Belebung der Wirtschaft. Einige der Verstaatlichungen der vergangenen Jahre seien "gescheitert", weil es nicht gelungen sei, die Produktivität zu heben. Bernal plädierte für eine Rückgabe an die früheren Eigentümer oder den Einsatz von Privatunternehmern im Management. Der PSUV-Abgeordnete und ehemalige Vizepräsident Elías Jaua verteidigte daraufhin in einer Zeitungskolumne die strategischen Verstaatlichungen in den Bereichen Nahrungsmittelproduktion, Bauwesen und Telekommunikation. Diese hätten dazu geführt, dass der Staat Projekte wie den Bau von einer Millionen Wohnungen sowie die Ausrüstung der Schulen mit Computern effizient umsetzen konnte.

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Arbeitsminister Oswaldo Vera unterzeichnete am 13. Juli den Übergabevertrag von Kimberley Clark an die Belegschaft
Araguas Gouverneur El Assaimi und Arbeitsminister Vera mit Arbeiterinnen und Arbeitern beim Rundgang im Werk
Nach der Bekanntgabe der Schließung am 9. Juli besetzten Arbeiter den Betrieb und forderten die Regierung zum Handeln auf (Screenshot)

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