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Protest in Schulen während Eröffnung von Olympischen Spielen in Brasilien

Schülerinnen und Schüler fordern bessere Bedingungen für Bildung ein. Enttäuschung schon nach Fußball-Weltmeisterschaft. Solidarität in der Bevölkerung

Rio de Janeiro. Zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele hält in Brasilien eine landesweite Welle der Unzufriedenheit mit der neuen Regierung des Interimspräsidenten Michel Temer an. Und auch die Regierung des Bundesstaates Rio de Janeiro gerät zunehmend unter Druck.

Aus den öffentlichen Krankenhäusern im Bundesstaat Rio gibt es täglich neue Meldungen über das Fehlen von Geldern, Geräten und Basisausstattungen. Die öffentlichen Bediensteten und  pensionierte Angestellte warten noch immer auf ihr Gehalt.

Die bundesstaatlichen Schulen und Universitäten in Rio sind seit März 2016 geschlossen. Aber statt Mathematik oder Portugiesisch geben sich die Schülerinnen und Schüler sowie Studierenden in Rio de Janeiro selbst Unterricht im Aufbau und der Organisation von Widerstand.

Dutzende öffentliche Schulen im Großraum Rio wurden von Jugendlichen besetzt, ebenso wie das Amt für Bildung. Viele Schüler verbringen die Tage in den Schulen, obwohl es seit März keinen offiziellen Unterricht gibt. In verschiedenste Arbeitsgruppen unterteilt kochen sie, schlafen in den Schulen, organisieren kulturelle Aktivitäten, Debatten oder Events auf der Straße, um die Bevölkerung zu sensibilisieren, die Schüler und Studierende mit Geld- und Sachspenden unterstützt. Nicht einmal das Einstellen der Schülerfreifahrten konnte die Besetzungsbewegung demobilisieren.

Die 16-jährige Maria Eduarda Cunha aus der Schule "Amaro Cavalcanti" erklärt, dass viele Jugendliche zu den Vorträgen und Filmvorführungen kommen würden. Dort werden auch vermeintliche Tabu-Themen jenseits des Lehrplans diskutiert: Gender, Sexualität, Drogen. Alles in informellen Gesprächen von Jugendlichen für Jugendliche.

"Wir sehen, dass die Stadt nicht Gesundheit, Bildung oder Arbeit im Auge hat. Die Priorität ist es, Rio für Touristen fein heraus zu putzen. Aber die Leute, die hier leben und arbeiten? Hier in der Schule gibt es keine Klimaanlage, kein Trinkwasser. Die wenigen öffentlichen Schulen, die es gibt, sind heiß und dreckig. Das ist für mich respektlos. Und eine Schande für die Stadtregierung, die das alles verstecken will. Die Leute, die jetzt nach Rio kommen, sehen ein Theater, doch hinter den Kulissen leiden echte Menschen", fasst Maria Eduarda zusammen.

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Die Regierung des Bundesstaats Rio gibt zwar einerseits zu, kein Geld für Schulen zu haben. Andererseits beschloss dieselbe Regierung Steuerbefreiungen für Unternehmen in der Höhe von 138 Milliarden Reais (rund 50 Milliarden Euro) im Zeitraum 2008 bis 2013.

Um auf die prekären Situationen in den Schulen hinzuweisen, kam es im Mai 2016 zu einigen Straßenblockaden von Schülerinnen und Schülern. Im Zentrum von Rio, am "Largo do Machado", war auch Professorin Lenir Jane von der Schule “Amaro Cavalcanti" mit dabei. Sie unterstützt die jugendliche Protestbewegung und betont, es sei eine alte Strategie der Regierung, Schulen zuerst immer mehr verkommen zu lassen, um sie später privatisieren zu können. "Ich finde es gut, dass sie auf die Straße gehen, denn wenn sie nur in den Schulen sind, bekommt keiner mit, was da gerade passiert. Die Schüler lernen gerade sehr viel über das echte Leben", sagt Lenir Jane.

Auch die pensionierte Schulleiterin Edi Jaci de Oliveira unterstützt die Jugendlichen, sich für ihre Rechte einzusetzen: "Es gibt keine Demokratie, wenn es keine Bildung gibt. Bildung ist der Grundstein von allem. Ohne Bildung hast du nichts, kein Bewusstsein, keine Ahnung, wohin es gehen soll. Das darf man den jungen Menschen nicht nehmen!"

Ganz im Gegensatz zur aktuellen Politik müsse die Bildung Vorrang im Bundesbudget bekommen: "Man muss klare Prioritäten setzen. Auch ich liebe Sport, aber nach diesem Theater mit der Fußball-WM haben wir genug davon. Das Volk leidet, die Leute sind am Ende. Wie kann das sein? Wir dürfen das nicht zulassen! Bildung muss oberste Priorität haben!"


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