Monsanto-Tribunal in Den Haag

Konzern wird beschuldigt, die menschliche Gesundheit zu gefährden, Böden und Pflanzen zu zerstören sowie die Rechte von Bauern zu missachten

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Plakat zum Monsanto-Tribunal "wegen Verbrechen gegen die Menschheit und Ökozid"
Plakat zum Monsanto-Tribunal "wegen Verbrechen gegen die Menschheit und Ökozid"

Den Haag. Am vergangenen Wochenende sind rund 30 Bauern, Landwirtschaftsexperten und Eltern kranker Kinder zum Monsanto-Tribunal nach Den Haag gereist. Dort wurden sie von fünf international renommierten Richterinnen und Richtern aus Argentinien, Mexiko, Kanada, Senegal und Belgien angehört. Die Zeuginnen und Zeugen beschuldigten Monsanto unter anderem, die menschliche Gesundheit gefährdet, Böden und Pflanzen zerstört sowie die Rechte von Bauern missachtet zu haben. Zudem habe der multinationale Konzern immer wieder Individuen und Institutionen unter Druck gesetzt.

Monsanto selbst hatte eine Einladung zum Tribunal abgelehnt und in einem offenen Brief von einem "Scheinprozess" gesprochen, "bei dem Kritiker, die gegen landwirtschaftlichen Fortschritt und gegen Monsanto sind, die Organisatoren, den Richter und die Jury spielen, und bei dem das Ergebnis von vornherein feststeht." Françoise Tulkens, Teil des Richtergremiums, ärgerte sich über diese Aussage: "Monsanto hat wohl nicht verstanden, dass es sich hier um ein Tribunal handelt, wo es um Meinungen geht. Der Konzern glaubt, dass wir sie hier zivil- oder strafrechtlich verurteilen, das ist aber gar nicht möglich."

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Zum Abschluss gab es frisch gebackene Brote, hergestellt aus 69 verschiedenen Weizensorten
Zum Abschluss gab es frisch gebackene Brote, hergestellt aus 69 verschiedenen Weizensorten

Tatsächlich ist das Ziel des Tribunals, ein Rechtsgutachten über die Schäden an Umwelt und Gesundheit, für die Monsanto verantwortlich gemacht wird, abzugeben. Dies soll dazu führen, dass Verbrechen gegen die Umwelt unter dem Begriff "Ökozid" zukünftig Eingang in das internationale Strafrecht finden. Zudem soll das Gutachten eine sorgfältig dokumentierte Grundlage für ordentliche Gerichtsprozesse gegen Monsanto und ähnliche Chemiekonzerne bieten. Gerade für Lateinamerika könnte ein solches Dokument von großer Bedeutung sein, gibt es doch allein in Brasilien jährlich 400.000 Vergiftungsfälle und 4.000 Tote aufgrund von Pestiziden, wie der Gesundheitsexperte Marcelo Firpo von der "Associação Brasileira de Saúde Coletiva" (Abrasco) im Vorfeld der Haager Verhandlungen berichtete.

Wenige Kilometer vom Tribunal entfernt und zeitlich parallel, fand die "Volksversammlung" (People's Assembly) statt. Dort trafen sich Befürworter der Ernährungssouveränität aus allen Ecken der Welt, um über Strategien gegen die schädlichen Auswüchse der Agrarindustrie zu diskutieren. Während am Freitag mit einer öffentlichen Pressenkonferenz und Keynote-Referenten der Auftakt gegeben wurde, bestand das Programm an den darauffolgenden Tagen hauptsächlich aus Workshops zu gentechnisch veränderten Organismen (GVO), Pestiziden, Saatgut, Agrarökologie und Menschenrechtsverletzungen durch transnationale Unternehmen. Unter den Sprecherinnen und Sprechern befanden sich auch die ehemalige deutsche Bundesministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Renate Künast, sowie der renommierte Wissenschaftler und Pionier der biologischen Schädlingsbekämpfung, Hans Herren. Nicht nur die Geschäftspraktiken der Agrarindustrie waren Thema am Aktivistentreffen, sondern auch die zunehmende Konzentration der Marktmacht in den Händen einiger weniger Konzerne. Exemplarisch dafür ist die kürzlich vorgenommene Übernahme von Monsanto durch Bayer. An einem Vortrag betonte Antonius Michelmann von "Coordination gegen Bayer-Gefahren", dass der Konzern mit 40 Milliarden US-Dollar einen Jahresumsatz im Umfang des Bruttoinlandproduktes mittelgroßer Entwicklungsländern einfahre, was mit einer enormen ökonomischen Machtposition verbunden sei.

Besonders berührt waren die Teilnehmenden von der Rede der 17-jährigen Rachel Parents von "Kids Right To Know". Sie betonte, dass "wir alle Opfer von Monsanto sind", da diese und andere Agrochemie-Unternehmen grundlegende menschliche Bedürfnisse und Rechte, etwa die Gesundheit und eine intakte Umwelt, antasteten. Dem folgte ein symbolträchtiger Abschluss, an dem den rund 750 Teilnehmende der beiden Veranstaltungen frisch gebackene Brote, hergestellt aus 69 verschiedenen Weizensorten, zum Verzehr angeboten wurden.

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