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Außenhandelskammer São Paulo und die Diktatur in Brasilien

Unaufgearbeitete Verstrickungen. Deutsche Außenhandelskammer in Brasilien feiert 100 jähriges Bestehen. Diktatur-Förderer noch immer "Ehrenmitglied"
Die AHK São Paulo begeht am 23. November eine große Gala zur 100-Jahr-Feier

Die AHK São Paulo begeht am 23. November eine große Gala zur 100-Jahr-Feier

São Paulo. Die größte deutsche Außenhandelskammer der Welt, die AHK São Paulo, begeht am 23. November dieses Jahres in São Paulo eine große Gala zur 100-Jahr-Feier. In einer zu diesem Anlass erstellten Publikation geht die AHK auf die Dienste ihres langjährigen Präsidenten João Baptista Leopoldo Figueiredo mit lobenden Worten ein, der während seiner 19 Jahre währenden Präsidentschaft (1948-1967) "mit großem Erfolg" die Arbeit der AHK São Paulo geleitet habe. Unberücksichtigt bleibt dabei dessen Rolle während der brasilianischen Militärdiktatur. 

Der 1910 in Santos geborene Bankier war Cousin des späteren SNI-Geheimdienstchefs und Militärpräsidenten João Baptista de Oliveira Figueiredo. Er wurde 1948 Präsident der 1916 gegründeten Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer São Paulo. Nach seinem Abschied 1967 wurde er Präsident von Saab-Scânia do Brasil und war zudem 1963 bis Mitte der 1970er Jahre Mitglied des Prüfungsrates (Conselho Fiscal) von Volkswagen do Brasil.

1961 gründete Figueiredo zusammen mit Gleichgesinnten das Forschungszentrum Ipês, das im Verdacht steht, zwischen 1961 und 1964 gezielt bei der Unternehmerschaft São Paulos Mittel für einen Umsturz gegen die Regierung von João Goulart gesammelt zu haben. Die US-amerikanische unternehmerfreundliche Zeitschrift Fortune berichtete bereits ein halbes Jahr nach dem Militärputsch im September 1964 ausführlich unter dem Titel "When Executives turns Revolutionaries" (hier eine portugiesischsprachige Zusammenfassung des Texts) über die konspirative Arbeit des Ipês unter maßgeblicher Führung Figueiredos. Die Putschisten von 1964 nannten sich selbst "Revolutionäre".

Figueiredos Verstrickungen in die Militärdiktatur gehen aber noch tiefer. So berichtet selbst die konservative Tageszeitung Globo 2013 in der historischen Rückschau über Figueiredo, dass dieser in wichtiger Position Gelder für die Folterzentren von São Paulo gesammelt habe. Die beiden Globo-Journalisten José Casado und Chico Otavio urteilten in ihrem Bericht, es gebe zwar "keine genauen Zahlen", aber es sei "bekannt, dass der Geldfluss für die Repression bedeutend war". Die Journalisten nennen eine Handvoll Personen, die diese Sammlungen in der Unternehmerschaft von São Paulo organisiert hätten, darunter Figueiredo, langjähriges "Ehrenmitglied" der AHK São Paulo, die auch vom bundesdeutschen Wirtschaftsministerium mit Geldern gefördert wird.

Bildschirmstill mit zeigendem Stift

João Baptista Leopoldo Figueiredo findet noch immer lobende Erwähnung bei der AHK São Paulo.
(Screenshot mit zeigendem Stift der Seite)

In São Paulo, dem Wirtschaftszentrum Brasiliens, war Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jare die Repression schlimmer als in vielen anderen Orten und Regionen des Landes, denn dort war die Sorge der Wirtschaftsbosse vor "kommunistischen Umtrieben" am ausgeprägtesten. Aufseiten der Sicherheitsorgane und der Regierung war man der Ansicht, die Unternehmerschaft São Paulos könnte durchaus einen Beitrag zur Bekämpfung der "Gefahr eines kommunistischen Umsturzes" leisten: Man bat sie um finanzielle Unterstützung, weil dem damaligen brasilianischen Staat angeblich die Mittel zur erforderlichen Überwachung und Niederschlagung der "subversiven Elemente" fehlten, wie es Chaim Litewski in seinem 2009 erschienenen Dokumentarfilm "Cidadão Boilesen", für den er auch ehemalige Militärs interviewte, nachgezeichnet hat.

Laut dem brasilianischen Journalisten Elio Gaspari habe die Unternehmerschaft von São Paulo zwischen 1968 und 1974, "immer wenn sie darum gebeten wurde, Geld gegeben". Im Fall des Folterzentrums OBAN sei es um Beträge von rund 100.000 US-Dollar im Jahr gegangen. Die seien für die Ausstattung des Folterzentrums verwendet worden, während Löhne und Gehälter aus den Haushalten der Streitkräfte sowie aus dem Landeshaushalt bestritten wurden. Solche Unterstützung der Unternehmerschaft beim Aufbau des Folterzentrums OBAN bestätigten Anfang der 1990er Jahre zwei Ex-Militärs in Interviews, die die Ex-Generäle Cyro Guedes Etchegoyen und Gustavo Moraes Rego Reis Historikern des Zeitgeschichtlichen Forschungszentrums der Stiftung Getúlio Vargas gaben.

Im Folterzentrum OBAN, das ab 1970 unter dem Namen DOI-CODI operierte, wurden neuesten Erkenntnissen zufolge 66 Menschen ermordet, 39 von ihnen starben an den Folgen der Folter. Von weiteren 19 Menschen ist bekannt, dass sie verhaftet und ins OBAN verbracht wurden. Seither gelten sie als verschwunden.

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