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Tragödie bei Brand in Kinderheim in Guatemala

Bislang 40 Tote und zehn schwer verletzte Mädchen und Jungen. Kinder waren eingesperrt. Verdacht auf systematische Misshandlungen und Vergewaltigungen
Totenwache für die verbrannten Mädchen auf dem Hauptplatz in Guatemala-Stadt

Totenwache für die verbrannten Mädchen auf dem Hauptplatz in Guatemala-Stadt

Guatemala-Stadt. Infolge des Brandes im Heim "Sichere Unterkunft Maria Himmelfahrt" in San José Pinula, einem Vorort von Guatemala-Stadt, sind bis zum gestrigen Sonntag 40 Mädchen gestorben, weitere zehn Jugendliche sind noch mit lebensgefährlichen Verbrennungen im Krankenhaus. Die Regierung hatte eine dreitägige Staatstrauer angeordnet.

Laut offiziellen Angaben sei das Feuer am 8. März von Mädchen gelegt worden, indem sie Matratzen in Brand setzten. 104 Mädchen und Jungen hatten am Tag zuvor versucht aus dem Heim auszubrechen. Die Kinder und Jugendlichen wurden in einen Saal eingesperrt. Ein Polizeiaufgebot habe das Heim bewacht.

Die Gründe und Umstände des Aufstands der Jugendlichen sind noch nicht geklärt, die Regierung und die zuständigen Behörden informieren nicht. Das Heim hat seit Jahren einen schlechten Ruf. Immer wieder flüchteten Jungen und Mädchen. Anzeigen der Insassen und Familienangehörigen wurden nicht bearbeitet. Die Einrichtung ist mit knapp 800 Kindern und Jugendlichen überbelegt, die Infrastruktur ist für 400 Kinder und Jugendliche geeignet. Ihre Klagen reichen von verdorbenem Essen über fehlende sanitäre Installationen bis zu Erpressung, Nötigung sowie körperlicher und sexueller Gewalt.

Proteste und Beileidsbekundungen auf dem Hauptplatz in Guatemala-Stadt

Proteste und Beileidsbekundungen zum Tod der Mädchen des Kinderheims "Hogar Seguro Maria Asunción" auf dem Hauptplatz in Guatemala-Stadt

Unter den bisher identifizierten Todesopfern befinden sich 14 bis 17-jährige Mädchen. Eine von ihnen, Yarisa Pelicó Orellana, sei seit ihrem neunten Lebensjahr von ihrem Vater vergewaltigt worden. Sie wurde drogenabhängig und flüchtete von zu Hause. Daraufhin sei sie aufgegriffen und im Kinderheim untergebracht worden. Die Mutter von Grindy Yasmín und Gilma Sucely Carías López ist bestürzt, sie habe die 14 und 15-jährigen Schwestern schon zum dritten Mal wegen Verhaltenauffälligkeiten im Heim untergebracht. "Diese Schuld bringt mich um und macht mich unendlich traurig", meinte die Mutter gegenüber den Medien. Eine andere Mutter berichtete in der aufgebrachten Menschenmenge nach dem Brand vor dem Heim, dass ihre Tochter letzten Freitag über eine Vergewaltigung geklagt hätte, auf die die Heimleitung aber nicht eingegangen sei.

Seit dem tragischen Vorfall finden täglich Protestaktionen und Totenwachen im ganzen Land statt. Die einen klagen die Regierung an und fordern den Rücktritt von Präsident Jimmy Morales und der zuständigen Funktionäre. Andere klagen die Gewalt des Staates gegen Frauen, Mädchen und Kinder an. Der Verdacht, dass im Heim systematisch Mädchen misshandelt und vergewaltigt und nun zum Schweigen gebracht wurden, verbreitet sich und wird begründet damit, dass diese "Vernichtungspraktiken zur Geschichte Guatemalas gehören. Der Staat wendet an, was er schon in der Vergangenheit getan hat." An einer Protestversammlung von tausenden Betroffenen auf dem Hauptplatz in Guatemala-Stadt hörte man Sprechchöre wie "Das war kein Unfall, das war eine Hinrichtung". Ebenso wird das Feuer im Kinderheim mit der Inbrandsetzung der spanischen Botschaft in Guatemala im Jahr 1980 verglichen, dabei starben 37 Menschen. Landarbeiter hatten damals die diplomatische Vertretung friedlich besetzt, um auf die andauernde Gewalt und das Verschwindenlassen von Personen in ihren Dörfern aufmerksam zu machen. Die Polizei setzte bei der Stürmung die Botschaft in Brand, blockierte sämtliche Ausgänge und verhinderte jegliche Kommunikation mit der Außenwelt.

In einem Interview mit dem spanischen Dienst des US-Nachrichtensenders CNN gab Präsident Morales indes bekannt, dass er von dem Aufstand im Kinderheim gewusst habe und den Befehl für das Polizeiaufgebot gab. Der Direktor der Wohlfahrtsbehörde und weitere Verdächtige wurden unter Hausarrest gestellt. Zudem wird bei neun schwangeren 15 und 17-jährigen Mädchen abgeklärt, ob sie Opfer sexueller Gewalt im Heim wurden.

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