Landkonflikte und Kampf um Wasser nehmen in Brasilien an Schärfe zu

Massaker auf dem Land prägen das Jahr 2017. Landpastorale stellt Anstieg nahezu aller Formen von Gewalt gegen Menschen im Vergleich zum Vorjahr fest

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"Explosion von Gewalt" bei Landkonflikten: Die Landpastoralkommission in Brasilien hat ihren Jahresbericht 2017 vorgelegt
"Explosion von Gewalt" bei Landkonflikten: Die Landpastoralkommission in Brasilien hat ihren Jahresbericht 2017 vorgelegt

Brasília. Die brasilianische Landpastorale Comissão Pastoral da Terra (CPT) hat ihre Statistik über die Opfer von Landkonflikten für 2017 vorgestellt. 71 Menschen sind demnach im vergangenen Jahr im Rahmen von Landstreitigkeiten ermordet worden. Antônio Canuto, Gründungsmitglied der CPT, hob bei der kürzlichen Vorstellung des Berichts in Brasília hervor, dass Massaker die Daten des Jahres 2017 maßgeblich prägen. Von 71 Personen, die bei Landkonflikten in Brasilien 2017 ermordet worden waren, entfallen 31 Opfer auf fünf Massaker im Land.

Die Zahl der Morde habe sich um 16,4 Prozent gegenüber 2016 erhöht. Damals zählte die CPT 61 Morde. Diese Zahl ist wiederum doppelt so hoch wie die Anzahl der Toten im Jahr 2014, als es landesweit 36 Opfer von Landkonflikten gab.

Die Mitglieder der Landpastoralkommission äußerten sich sehr besorgt über die "Explosion von Gewalt" bei Landkonflikten. Denn nicht nur die Zahl der Morde habe sich erhöht. Die registrierten Mordversuche seien demnach um 63 Prozent gestiegen, konkret geäußerte Morddrohungen um 13 Prozent, während die Zahl der gefolterten und gefangen gehaltenen Personen ebenfalls zugenommen habe.

Airton Pereira und José Batista Afonso, beide Mitarbeiter der Kommission bezeichneten den "Grad der Brutalität und Grausamkeit" als erschreckend: "Die verkohlten, enthaupteten oder entstellten Leichen stehen als Zeichen und sollen den Hinterbliebenen Männern, Frauen, Jugendlichen und Kindern eindrücklich in Erinnerung bleiben. Es ist eine Pädagogik des Terrors."

Das Jahr 2017 verdeutliche "wie hoch der Preis ist, den die ländliche Bevölkerung als Folge des politisch-parlamentarisch-medialen Putsches gegen die Demokratie zu bezahlen hat", heißt es in einer Mitteilung des Nationalen Sekretariats der CPT, die Amerika21 vorliegt. Die Anzahl der Landkonflikte in den Jahren 2016 und 2017 sei die höchste seit die Organisation im Jahr 1985 begann, diese Art von Konflikten systematisch zu erheben.

Landlose Bauern im Bundestaat Pará würden bedroht, vertrieben, beraubt und auch ermordet. Laut Poliane Barbosa vom Zeltlager Hugo Chávez, der Vorsitzenden der brasilianischen Landlosenbewegung (MST) in Pará, ist eine stärkere Unterdrückung der brasilianischen Arbeiter im allgemeinen festzustellen, "und vor allem der Landarbeiterinnen und Landarbeiter, die für Land, Wasser und Freiheit kämpfen".

2017 war zudem das Jahr mit der größten Anzahl von Wasserkonflikten seit 2002, als die CPT begann, diese separat aufzuzeichnen.

Carlos Walter Porto-Gonçalves, Professor an der Universidade Federal Fluminense (UFF) in Niterói äußerte sich bei der Vorstellung des Berichtes zur Zunahme gewalttätiger Konflikte um Wasser: "Die Bevölkerung will das Oberflächenwasser nutzen und darf es nicht mehr. Verzweifelt besetzen diese Bürger eine Farm und zerschlagen alles. Die Zapatisten sagen, es gibt eine Wut, die gerecht ist. Das Wasser müsste einen gerechten Lauf nehmen."

Laut der Statistik der CPT wurden 60 Prozent der Kämpfe um Wasser von Bergbauunternehmen ausgelöst, 17 Prozent entstanden im Zusammenhang mit Wasserkraftwerken, 13 Prozent entluden sich in Gebieten, die von Großgrundbesitzern dominiert werden. Am 22. Dezember 2017 wurde Fernando Pereira erschossen, Mitglied der Vereinigung dos Caboclos, Indigenas und Quilombolas Amazonien-Cainquiama. Seine Organisation macht Umweltdelikte publik, mutmaßlich begangen von der Firma Hydro, die Bauxit für die Aluminumproduktion abbaut und die schon seit drei Jahrzehnten eine Rolle bei illegalen Aktivitäten in der Region spielt.

Im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais wurden 2017 indes mit 72 Fällen die größte Zahl an Konflikten um Wasser bekannt, gefolgt vom Bundestaat Bahia mit 54 von der Landpastorale registrierten Konflikten.

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