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25.08.2018 Chile / Politik

Widersprüchliche Urteile zu Diktaturverbrechen in Chile

"MIR hat 60 seiner Leute getötet": vermeldete damals die Zeitung El Mercurio im Auftrag der DINA

"MIR hat 60 seiner Leute getötet": vermeldete damals die Zeitung El Mercurio im Auftrag der DINA

Quelle: alainet.org

Santiago. In Chile sind 24 ehemalige Geheimpolizisten wegen der Entführung eines linken Aktivisten im Jahr 1974 zu mehreren Jahren Haft verurteilt worden, deren Dauer jedoch wenige Tage später vom Berufungsgericht verkürzt worden ist. Dies geschah kurz nach der vorzeitigen Entlassung mehrerer verurteilter Menschenrechtsverbrecher "aus humanitären Gründen" und des Rücktritts des neu ernannten Kulturministers nach nur vier Tagen im Amt aufgrund seiner Aussagen zum Menschenrechtsmuseum.

Die genannten Verfahren fanden im Zusammenhang mit der sogenannten Operación Colombo statt. Dabei versuchte die Diktatur unter Augusto Pinochet die Ermordung von 119 linken Aktivisten in den Jahren 1974 und 1975 zu kaschieren, indem sie behauptete, diese seien internen "Säuberungen" und Konflikten zwischen den Organisationen sowie "Gefechten" mit dem Militär in Argentinien zum Opfer gefallen. Die Haupttäter der Operation waren der Leiter der Geheimpolizei DINA, der damalige Geheimdienstchef Chiles, Miguel Contreras, sowie Miguel Krassnoff Martchenko, Marcelo Moren Brito, Basclay Zapata Reyes, Pedro Espinoza Bravo, Francisco Ferrer Lima, Rolf Wenderoth Pozo, Raúl Iturriaga Neumann, Pedro Espinoza Bravo und Orlando Manzo.

Nun wurden Krassnoff, Espinoza und 22 weitere Personen zu Haftstrafen von vier bis dreizehn Jahren verurteilt. Sie sind laut Gericht an der Entführung von Jorge Grez Aburto beteiligt gewesen. Grez war Mitglied der Bewegung der revolutionären Linken (MIR) und wurde am 23 Mai 1974 entführt, gefoltert und ermordet. Sein Leichnam wurde bis heute nicht gefunden. In seinem Fall wurde auch der chilenische Staat mitverurteilt und muss 70 Millionen Pesos (rund 91.000 Euro) an die Tochter von Grez bezahlen. Im zweitem Urteil verkürzte das Berufungsgericht Krassnoff, Espinoza und einem weiteren Täter wegen "fehlender Beweise" eine Haftstrafe von 13 auf 7 Jahre. Sie waren wegen der Entführung von Rubén Arroyo Padillo verurteilt worden. Er war ebenfalls MIR-Mitglied und wurde am 25. November 1974 von der DINA entführt. Wie bei Grez ist Arroyos Leichnam bis heute verschwunden.

Seit dem Amtsantritt des rechtsgerichteten Präsidenten Sebastían Piñeras wurden mehrere wegen Menschenrechtsverbrechen Verurteilte vorzeitig aus der Haft entlassen, obwohl sie keine Anzeichen von Reue zeigten. Kurz vor Bekanntgabe der letzten beiden Urteile hatte auch der Anwalt von Krassnoff die vorzeitige Entlassung beantragt, dies zog er dann jedoch zurück. Krassnoff ist derzeit zu mehr als 600 Jahren Haft verurteilt und ist neben Contreras einer der bekanntesten Mitglieder der DINA. Die Geheimpolizei hatte in den Jahren 1973 bis 1977 den Auftrag, den Widerstand gegen die Diktatur zu brechen und Mitglieder der Opposition zu finden, zu foltern und zu töten. Nach 1977 wurde die DINA in Nationale Informationszentrale umbenannt.

Miguel Krassnoff Martchenko ist der Sohn von Semeon Krasnow, der sich den deutschen Faschisten angeschlossen hatte, ebenso wie sein Onkel Pjotr, der Generalmajor der Wehrmacht war. Pjotr Krasnow war zudem in den Jahren 1918 bis 1920 mitverantwortlich für mehrere Massaker an Juden in der heutigen Ukraine. Beide wurden vom Höchsten Gericht der Sowjetunion wegen Kriegsverbrechen und Kollaboration mit dem Feind zum Tode verurteilt und im Januar 1947 erschossen. Seine Mutter und Großmutter flohen mit ihm 1948 nach Chile.

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