Opfer der Colonia Dignidad in Chile entsetzt über deutschen Umgang

Deutschland mache sich "zum Komplizen der Menschenrechtsverletzungen". Bundesregierung plant Opfer mit Einmalzahlungen zu entschädigen

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Überzeugt das die Opfer in Chile?
Die Staatsanwaltschaft Krefeld wird keine weiteren Ermittlungen gegen den Sektenarzt Hartmut Hopp durchführen. Das empört Hinterbliebende und deren Angehörige

Santiago/Krefeld. Die Einstellung der Ermittlungen gegen den Arzt der Sektensiedlung Colonia Dignidad, Hartmut Hopp, hat Entsetzen und Empörung bei den Opfern und Angehörigen ausgelöst. In einem offenen Brief äußerten sie sich kritisch zum Umgang der deutschen Justiz sowie der Bundesregierung mit dem Fall. Anfang Mai hatte die Staatsanwaltschaft Krefeld mitgeteilt, dass die Ermittlungen gegen den deutschen Mediziner Hartmut Hopp nach über sieben Jahren aufgrund unzureichender Beweise eingestellt würden. Die Bundesregierung möchte die Opfer indes mit bis 10.000 Euro entschädigen.

Damit endet das letzte deutsche Ermittlungsverfahren gegen ein ranghohes Sektenmitglied ohne die von Vielen erwartete Verurteilung. Hopp wird die Beteiligung an der Tötung dreier oppositioneller Studierender während der Pinochet-Diktatur vorgeworfen. Darüber hinaus soll er jahrelang Kinder in der Kolonie mit Schlafmitteln ruhiggestellt und zu Sklavenarbeit gezwungen haben. 2011 war Hopp bereits in Chile wegen Beihilfe zur Vergewaltigung und zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen verurteilt worden. Er floh jedoch nach Krefeld, wo ihm nun kein weiterer Prozess droht.

Die Angehörigenverbände der Maule-Region, in der sich die deutsche Siedlung befand, meldeten sich in einem offenen Brief zu Wort. Man sei sehr enttäuscht von der deutschen Justiz, heißt es in dem Schreiben, das die Sprecherin der Verbände, Myrna Troncoso, auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte. "Der deutsche Staat macht sich mitschuldig an den Rechtsverletzungen, die in der deutschen Enklave begangen wurde", schreibt Troncoso weiter.

Auch an anderer Stelle reagierten Opfer mit Entsetzen. Horst Schaffrik, der als Kind in der Sektenkolonie gelebt hatte und Opfer der Misshandlungen Hopps geworden war, zeigte sich gegenüber dem Deutschlandfunk "total am Boden". Niemand habe ihn oder jemanden aus der Colonia Dignidad je als Zeugen vorgeladen, beklagte er.

Einige der in Chile lebenden Opfer und Angehörigen rufen indes zum Protest auf. In einem Rundschreiben, das Amerika21 vorliegt, bitten die Verbände auch um finanzielle Unterstützung, um den Überlebenden die Reise in die Hauptstadt Santiago zu ermöglichen. Dies sei aufgrund der Armut nötig, in der viele der Opfer heute leben.

Eine Armut, für die einige auch das mangelnde Engagement der Bundesregierung bei der Unterstützung der Opfer verantwortlich machen. Diese war bereits 2017 vom Bundestag aufgefordert worden, "nach dem Bekenntnis zu moralischer Mitverantwortung den Worten nun Taten folgen zu lassen". Erst fast zwei Jahre später zahlt die deutsche Regierung nun erstmals Entschädigungen in Form von Einmalzahlungen bis zu 10.000 Euro an die Opfer aus.

Für Jan Stehle vom Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika reicht das jedoch nicht aus. "Eine Einmalzahlung stellt eine Anerkennung für das erlittene Unrecht dar", erklärte Stehle, "jedoch nicht die nachhaltige Hilfe, die sie benötigen". Deutschland trage Mitverantwortung für fünf Jahrzehnte Verbrechensgeschichte, betonte er. Winfried Hempel, der selbst in der Colonia Dignidad aufwuchs und nun als Rechtsanwalt die Opfer vertritt, stellte gegenüber der ARD die Frage: "Sind 10.000 Euro genug, um 45 Jahre Sklavenarbeit abzudecken?"

Stehle zieht insgesamt eine ernüchternde Bilanz der Aufarbeitung seitens der deutschen Regierung: die geplante Gedenkstätte sei immer noch nicht in Sicht, die vermeintlichen Täter der Colonia Dignidad genießen hierzulande Straflosigkeit und eine Untersuchung des durch Straftaten angehäuften Vermögens der Colonia Dignidad sei nicht erfolgt. Die Aufarbeitung, so Stehle, dürfe sich nicht auf ein eine Einmalzahlung für manche Opfer beschränken.

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