Hunderte Paramilitärs marschieren im Nordwesten von Kolumbien auf

Angst vor Rückkehr der Gewalt der Jahrhundertwende. Großunternehmer wollen eigene Interessen schützen. Einheimische gegen Militarisierung

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300 Paramilitärs sind am 31. Dezember ohne jegliche Hinderung durch die Streitkräfte im Chocó vorgerückt
300 Paramilitärs sind am 31. Dezember ohne jegliche Hinderung durch die Streitkräfte im Chocó vorgerückt

Bogotá. Der Einmarsch von rund 300 bewaffneten Männern der sogenannten Gaitán-Selbstverteidigungsgruppen (Autodefensas Gaitanistas de Colombia, AGC) in mehreren Gemeinden des Landkreises Bojayá im kolumbianischen Departamento Chocó hat die Einwohner der Region in Angst und Schrecken versetzt. Die paramilitärische Truppe ist am 31. Dezember ohne jegliche Behinderung durch die Streitkräfte in die Zone eingerückt. Seitdem hat sie die Gemeinden abgeriegelt. Bojayá hat das Kriegsgedächtnis der Kolumbianer besonders geprägt, weil dort im Jahr 2002 mindestens 100 Zivilisten an einem einzigen Tag während eines Gefechts zwischen Paramilitärs und der ehemaligen Guerilla Farc-EP (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia-Ejército del Pueblo, Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens-Volksarmee) getötet wurden.

Nicht nur in Bojayá ist die AGC eingedrungen. Bereits Ende Dezember hatte die Ökumenische Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (CIJP) wegen der Präsenz der Paramilitärs in zwölf Landkreisen Chocós Alarm geschlagen. Die CIJP berichtete, dass AGC-Mitglieder Kindern der Region Weihnachtsgeschenke und den Erwachsenen Rinder aufgezwungen hat. Sie befahlen ihnen gleichzeitig, die AGC-Aktionen nicht anzuprangern.

Ebenso informierte die CIJP, dass die Gaitán-Selbstverteidigungsgruppen Kontrollposten errichtet haben, an denen sie mit Kurzwaffen und in Zivil den Verkehr der Einheimischen kontrollieren und überwachen. Auch paramilitärische Lager haben sie aufgebaut, in denen sie sich mit Uniformen und Langwaffen aufhalten. Parallel dazu haben AGC-Männer seit September legale Grundstückseigentümer vertrieben und Landraub verübt.

Für die Situation im Chocó machen soziale Aktivisten der Region die Regierung und die Streitkräfte verantwortlich. Der Ombudsmann, einheimische Organisationen und Menschenrechtler warnen schon seit Monaten davor, dass die lokale Bevölkerung aufgrund von Todesdrohungen, Vertreibungen, Vergewaltigungen, Folterungen, Absperrungen ganzer Gebiete und Landminen der Paramilitärs hoch gefährdet ist. Von Seiten der Regierung von Präsident Iván Duque kam allerdings keine Reaktion.

Erst am 2. Januar, nachdem die Nachricht über den Einmarsch der 300 AGC-Männer auch die Leitmedien erreicht hatte, reagierten die Streitkräfte. Der Kommandeur der 7. Armeedivision, Juan Carlos Ramírez, verkündete die Entsendung von 50 zusätzlichen Soldaten nach Riosucio. Dort befanden sich bereits 100 Mann der Armee. Einheimische sehen die Meldung allerdings kritisch. "Wie kann es sein, dass sie mehr Militärs schicken?", fragt empört der Sprecher der Organisation "Land und Leben", Yeison Mosquera. "Das ist nicht, was man dort will", fügt er hinzu. Die Armee schade den Gemeinden noch mehr, so Mosquera. Es gebe eine Komplizenschaft zwischen den Streitkräften und den Paramilitärs.

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Sowohl Kommandeur Ramírez als auch das Innenministerium versichern, die Lage in der Region unter Kontrolle zu haben. Es herrsche "absolute Ruhe", so der stellvertretende Innenminister Daniel Palacios. Er widersprach den Warnungen der Einwohner und der Ökumenischen Kommission. Es gebe keine Truppe von Hunderten Männern, die dort Terror verbreiteten, versicherte er. Allerdings wurden bekannte lokale Friedensaktivisten wie Leyner Palacios mit dem Tod bedroht. Ebenso melden lokale Organisationen, dass die paramilitärischen Absperrungen in ländlichen Gebieten immer noch andauern.

Die Bevölkerung von Chocó lebt in extremer Armut. Der Bürgermeister von Pogue, einer der Gemeinden, wo die AGC einmarschiert sind, beklagt, dass die Bevölkerung dort über kein Abwassersystem, kein Aquädukt, keinen Strom und keine Trinkwasserversorgung verfügt. Keines der Aufbauprojekte des Friedensabkommens mit der Farc-Guerilla sei dort auch nur im Ansatz umgesetzt worden. Mosquera, der Sprecher von Land und Frieden, sieht es genauso: "In Chocó ist der Friedensprozess nie angekommen."

Früher war diese Region Farc-Gebiet. Seit 2016 besetzen die Paramilitärs nach und nach diese Zonen. Ihr einziger Widersacher ist die Guerilla Nationale Befreiungsarmee (Ejército de Liberación Nacional, ELN). Laut der offiziellen Darstellung geht es bei der Gewalt im Chocó um Kämpfe zwischen ELN und AGC um die Kontrolle der Lieferwege für den Drogenexport. Doch laut den Feststellungen von Menschenrechtsorganisationen wie der CIJP oder der Stiftung Zukunft schmieden (Forjando Futuros) ist die AGC der Hauptaggressor gegen die lokale Bevölkerung.

Die paramilitärische Gewalt sei eine Strategie zu einer bewaffneten Absicherung ökonomischer Großprojekte, erklärt die CIJP. Die paramilitärischen Aktionen sicherten den Zugang zu Ländereien für Investitionen in Erschließungsprojekten, welche die Menschenrechte, die kommunalen Strukturen und die Umwelt mit Füßen treten. Die Produktion von Drogen gehöre dazu, aber auch agroindustrielle Anbauprojekte.

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