Gericht in Brasilien setzt Ex-Missionar als Leiter einer Indigenenbehörde ab

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In Brasilien sind 114 nicht kontaktierte indigene Gemeinden verzeichnet, davon sind 28 offiziell von der Funai bestätigt
In Brasilien sind 114 nicht kontaktierte indigene Gemeinden verzeichnet, davon sind 28 offiziell von der Funai bestätigt

Brasília. Ein Bundesgericht in Brasilien hat die Ernennung von Ricardo Lopes Dias zum Leiter der Abteilung für isolierte Indigene und neu-kontaktierte in der Indigenenbehörde Funai für nichtig erklärt. Der evangelikale Pastor und Anthropologe war seit Februar im Amt. Dies stelle ein "hohes Risiko" für die Rechte Indigener dar, so das Urteil.

Damit kommt das Gericht einem Antrag der Bundesstaatsanwaltschaft nach, die auf die Gefahr eines Genozids an freiwillig isolierten Gemeinden durch Lopes Dias‘ religiös missionierende Haltung hingewiesen hatte.

Lopes Dias arbeitete für die "Mission neue Stammesgruppen Brasiliens" (Missão Novas Tribos do Brasil, MNTB, heute Ethnos 360) zwischen 1997 und 2007 als Missionar im Amazonasgebiet. Die in den USA gegründete Mission, die auch von Deutschland aus aktiv ist, ist unter indigenen Organisationen bekannt, weil sie den Kontakt zu Gruppen erzwingt, die isoliert leben, und versucht, diese zu evangelisieren. Die MNTB wurde auch mit Epidemien in Verbindung gebracht, die das Zo'é-Volk 1982 auslöschten (amerika21 berichtete).

"Die Nominierung eines Angestellten, der für die Handlungsweise einer derartigen Missionarsorganisation wirbt, stellt ein hohes Risiko für die Politik der Nichtkontaktierung der Gemeinden dar und für den Respekt der freiwilligen Isolierung dieser Völker", betonte Richter Antonio Souza Prudente.

Zudem habe Lopes Dias die rechtlichen Anforderungen für das Amt nicht erfüllt, entschied das Gericht und machte gleichzeitig eine Änderung vom 29. Januar dieses Jahres rückgängig. Damals hatte Marcelo Augusto Xavier, Präsident der Funai, die Nominierung externer Personen für den Bereich der Koordinierung isolierter indigener Gemeinden möglich gemacht. Dieser erfordert jahrelange Erfahrung mit dem Thema und Expertise zu Regenwäldern, der Lokalisierung isolierter indigener Gemeinden und einem sensiblen Umgang damit.

Im Oktober 2019 war der hierfür zuständige Bruno Pereira abgesetzt worden. Er leitete 20 Jahre die größte Expedition zum Kontakt isolierter Indigener, unter anderem um Konflikte zwischen verschiedenen kontaktierten und isolierten Ethnien zu verhindern. Pereira war neun Jahre für die Funai tätig, davon 14 Monate für diese Koordinierungsstelle und setzte sich dabei auch gegen illegale Goldwäsche ein. Er gilt bei indigenen Führungspersonen als hochqualifiziert für diese Arbeit. Nach Angaben von Funai-Angestellten sei seine Entlassung auf Druck der mit der Regierung verbundenen Agrarlobby geschehen.

Die Nichtregierungsorganisation Survival International bezeichnet das Gerichtsurteil als "Hoffnungsschimmer". Survival hatte den Protest indigener Organisationen gegen die Nominierung von Lopes Dias weltweit bekannt gemacht und Unterschriften zur Unterstützung gesammelt.

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