Kolumbien / Soziales / Politik

Kolumbien bekommt Corona-Pandemie nicht unter Kontrolle

Anzahl der Fälle steigt immer weiter. Karibikregion wird zu Epizentrum. Forderungen an Regierung, sozial schwächere Bürger besser zu unterstützen

covid-19_outbreak_cases_in_colombia_by_municipalities.svg_.png

Die rot markierten Gebiete sind in Kolumbien besonders stark vom Coronavirus betroffen
Die rot markierten Gebiete sind in Kolumbien besonders stark vom Coronavirus betroffen

Bogotá. Der kolumbianische Präsident, Iván Duque, hat die "verpflichtenden Kontaktbeschränkungen" im Land aufgrund der Corona-Pandemie bis zum 1. August verlängert. Kolumbien entwickelt sich immer mehr zu einer Hotspot-Region für Covid-19-Infektionen und bekommt die Anzahl von nachgewiesenen Neuinfektionen noch immer nicht in den Griff. Zwar ist die Anzahl der mit dem Coronavirus infizierten Personen mit über 39.000 in der Hauptstadt Bogotá noch am höchsten, jedoch entwickelt sich die Karibikregion immer mehr zum Epizentrum innerhalb des Landes. Aus der Region mit den größeren urbanen Zentren wie Baranquilla, Cartagena de Indias, Santa Marta und Valledupar werden laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits rund 40 Prozent der in Kolumbien gemeldeten Fälle und ein wenig mehr als die Hälfte der Toten verzeichnet.

In Baranquilla sind bereits mehr als 1.300 Personen mit oder an dem Coronavirus gestorben. Ärzte sind zudem der Meinung, dass nicht alle Todesfälle registriert würden: "Wir denken, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was in der Stadt passiert, und den offiziellen Statistiken", sagte Carmen Polo, Ärztin in Baranquilla und in der Region Karibik Präsidentin des Vereins der Inneren Medizin.

In der Hauptstadt Bogotá sind vor allem die Einwohner der einkommensschwachen Viertel am stärksten von der Pandemie betroffen. Die Bürgermeisterin, Claudia Lopez, schätzt, dass der Höchststand der Corona-Fälle erst im August erreicht sein wird. Die größte Herausforderung bestünde im Moment nicht nur im Ausbau der Krankenhausinfrastruktur, insbesondere von Beatmungsgeräten, ein Engpass zeichne sich auch bezüglich gut ausgebildeten medizinischen Personals ab. Die Auslastung der Betten in den Intensivstationen der Krankenhäuser in Bogotá beträgt zur Zeit über 80 Prozent. Aus diesem Grund wird nun evaluiert, ob wieder striktere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie getroffen werden müssen.

Aufgrund der schwierigen Situation im Departamento Atlántico werden sich Kongressabgeordnete verschiedener Parteien am morgigen Freitag mit der Regierung treffen. Sie wollen dabei eine Petition mit folgenden Forderungen einreichen: Ausrichtung eines Mindestlohns für 400.000 einkommensschwache Familien über zwei Monaten, Ausrichtung der versprochenen Nahrungsmittelhilfe, Unterstützung für die Durchführung von Tests, Unterstützung für ein Angebot von ärztlichen Hausbesuchen sowie Lieferung von mehr Beatmungsgeräten. Efraín Cepeda von der konservativen Partei betont, dass gerade die Unterstützung durch Nahrungsmittel wichtig sei. So könne vermieden werden, dass Personen ihre Häuser verließen, um zu arbeiten und damit ihre Familien versorgen zu können.

Im Departamento Amazonas sind die Herausforderungen auch wegen der unmittelbaren Grenze zu Peru und Brasilien groß. So ist die brasilianische Stadt Manaus mit ihren gut 28.000 mit dem Coronavirus infizierten Personen in drei Tagen mit dem Boot zu erreichen. In normalen Zeiten gibt es viele, die zwischen Manaus und Tabatainga hin und her reisen. Tabatinga, ebenfalls auf brasilianischem Boden, aber direkt angrenzend an Leticia, der Hauptstadt des Departamentos Amazonas in Kolumbien, weist bisher mehr als 1.400 infizierter Personen auf. Auch die Krankenhausinfrastruktur in Leticia ist in einem schlechten Zustand. Nur ein Teil der Corona-Patienten kann dort behandelt werden. Bisher sind deswegen gut 100 von ihnen nach Bogotá verlegt worden.

Die Corona-Pandemie bringt neue Herausforderungen, auch für die Politik. Präsident Duque ist, zusammen mit den jeweils eingeladenen Vertretern der Ministerien und Fachspezialisten, praktisch jeden Abend auf zahlreichen Fernsehstationen präsent. Seine Sendung mit dem Titel Prevención y Acción (Prävention und Aktion) hat zum Ziel, die Bevölkerung über die besondere Lage zu informieren.

Die oppositionelle Partei Polo Democrático bat den Präsidenten, diese Sendung nach 100 Auftritten einzustellen. Laut Senator Iván Cepeda sei es "offensichtlich", dass es sich um einen Missbrauch der Fernsehkanäle und der Kommunikationsmedien handle. Die Informationen hätten mehrheitlich keine Relevanz oder Wirkung hinsichtlich der Situation des Landes. Es handle sich vielmehr um eine Werbeaktivität, "die nicht einmal einen positiven Einfluss auf sein Image hat", so die Einschätzung Cepedas.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr