Protest in Kolumbien: "Euer Ausnahmezustand ist unser Normalzustand"

Jugend verlässt Verhandlung mit Regierung. Proteste schaffen neue soziale Räume. Blockaden sind Auffangstationen für Marginalisierte und Jugendliche

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Die Jungen in der 1.Reihe: "Wir haben gesagt: Es ist genug"
Die Jungen in der 1.Reihe: "Wir haben gesagt: Es ist genug"

Cali. Am 13. Mai ist der erste Verhandlungsversuch mit Calis Jugend gescheitert. In einem Sportstadion hatten Bürgermeister Jorge Iván Ospina und mehrere Regierungsmitglieder die "Primera Linea"  (1. Reihe) des Protests zu einem ersten Verhandlungstermin geladen, um einen "Pakt mit der Jugend" zu schließen. Als 1. Reihe werden die Demonstrierenden bezeichnet, die hinter den Blockaden den Räumungsversuchen von Polizei und Militär standhalten. Direkt zu Beginn der Veranstaltung erreichte die Anwesenden allerdings die Nachricht, dass die staatlichen Einsatzkräfte ihre Abwesenheit an den Protestpunkten ausnutzten, um dort zu räumen. Daraufhin verließen alle Protestteilnehmer wütend die Verhandlung. Dabei wurden Tomaten und Eier auf Ospina geworfen und der Amtsträger als "Mörder" und "Verräter" beschimpft.

Der "Pakt" wurde von vornherein kritisiert, viele 1. Reihen waren erst gar nicht zum Termin erschienen. Einige von ihnen hatten sogar explizit geäußert, dass sie nicht verhandeln werden. Der "Pakt" sollte laut Innenminister Daniel Palacios vor allem die Räumung der Blockaden erreichen, um "die Normalität in Cali wiederherzustellen". Daraufhin äußerte Miguel, einer der Jugendlichen, deren Gruppe nicht zur Verhandlung bereit ist, gegenüber amerika21: "Normalität gibt es in unseren Vierteln nie. Hier ist immer Ausnahmezustand. Was die Oberschicht jetzt erlebt, ist bei uns normal."

Cali ist eine ungleiche, gewalttätige und geteilte Stadt. Ihr Alltag ist von zwei Extremen geprägt: Auf der einen Seite eine kleine, in ihrer Welt eingeschlossene Oberschicht, auf der anderen Seite eine massive Armut, die sich seit Jahrzehnten verschärft, und in der Mitte eine große Mittelschicht, die durch die lang anhaltende Wirtschaftskrise von Verarmung bedroht ist. Der Drogenhandel hat zudem den privaten Waffengebrauch auf allen Ebenen der Gesellschaft normalisiert, seit fast 20 Jahren gehört Cali zu den fünf Städten mit den meisten Morden der Welt. Cali leidet außerdem unter offensichtlichem strukturellen Rassismus: Die Stadt ist das Erbe einer Sklavenhaltergesellschaft, die es nie geschafft hat, mit diesem ungleichen Verhältnis zu brechen. Rassifizierte Bevölkerungsgruppen werden systematisch marginalisiert.

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Daher sind Dutzende von Kollektiven, Organisationen und Bürger:innen bereit, weiterhin auf der Straße auszuharren. Bis zu 15 Tage könnten sie weiter blockieren, sagen Demonstrierende an den Blockadepunkten. Diese sind mittlerweile zu wichtigen sozialen Räumen geworden. Hinter den Barrikaden finden Konzerte statt, es gibt immer ein warmes Essen, selbst die Haare werden kostenlos geschnitten. Zudem gibt der Protest vielen der Jugendlichen eine Struktur: "Ich stehe das erste Mal morgens früh auf und weiß, was ich zu tun habe," sagt Miguel. Zudem sei er hier sicherer als zu Hause. Denn die unsichtbaren Grenzen im Viertel sind aufgehoben und die Auseinandersetzungen zwischen Banden vollkommen ausgesetzt. Viele der jungen Teilnehmer:innen fühlten sich zum ersten Mal aufgehoben und bekämen Anerkennung.

Die Gruppen der Blockaden sind bestens organisiert und schaffen es, die logistische Herausforderung zu meistern. Täglich werden Hunderte Essen ausgegeben und Hunderte Kranke behandelt. Allerdings fehlt es dem Protest an einer klaren Perspektive. Alle Punkte funktionieren auf unterschiedliche Weise, manche Kollektive haben einen politisch-ideologischen Hintergrund, andere sich "noch nie mit Politik beschäftigt", so eine der Frauen in der Volksküche. Einen gemeinsamen Forderungskatalog zu entwickeln, wird mehrere Tage – wenn nicht Wochen – dauern. Die Politik muss diese Dynamiken und Geschwindigkeiten akzeptieren, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht weiter aufs Spiel setzen will. Allerdings haben jetzt schon viele Sektoren der Gesellschaft ihr Vertrauen in den Staat verloren. Statt Verhandlungen fordern sie einen Regierungswechsel.

Was Cali in den letzten Tagen erlebt hat, war motivierend und erschreckend zugleich. Alejandro Martín, Kurator des Zeitgenössischen Museums La Tertulia und wichtiger Vertreter des Kultursektors, fasst das gegenüber amerika21 so zusammen: "Es ist wichtig, der Toten zu gedenken. Aber der Terror sollte nicht über die Kraft und Schönheit einer mutigen, kreativen und vitalen Manifestation von Tausenden Menschen siegen." Die grundlegende Kritik auch seitens des Kultursektors am wirtschaftlichen und politischen System sei legitim. Der Staat gehe nicht einmal auf die minimalen Bedürfnisse eines großen Teils seiner Bewohner:innen ein. Sicherheit, Gesundheit und Bildung seien für die Mehrheit der Kolumbianer:innen zu einem unbezahlbaren Luxus geworden.

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