"Kein Frieden mit dem Militär": Streitkräfte attackieren Zivilbevölkerung in Kolumbien

Bewohner im Departamento Chocó berichten von Übergriffen durch die Armee. Militarisierung der Region nimmt seit Jahren zu

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Am Fluss San Juan kommt es immer wieder zu Militäroperationen
Am Fluss San Juan kommt es immer wieder zu Militäroperationen

Quibdó. Seit Wochen greift das kolumbianische Militär im Departamento del Chocó die Zivilbevölkerung an. Vor wenigen Tagen hat ein Kommando das Dorf Monte Bravo überfallen. Die Streitkräfte schossen laut Angaben von Augenzeugen wahllos auf die fliehenden Menschen und alles, was sich bewegte. Nachdem die Bewohner in den Fluss gesprungen und geflohen waren, brachen die Soldaten in die Häuser ein und stahlen persönliche Habseligkeiten, Handys, Ausweispapiere und das wenige Bargeld der sehr armen Bevölkerung. Die Soldaten zerstörten Matratzen und Möbel. Der Chocó ist eine der ärmsten Regionen des Landes und die Bevölkerung sind zu einem Großteil Afrokolumbianer und Indigene.

Handyvideos bezeugen die Spuren der Verwüstung. "Das Militär attackiert die Zivilbevölkerung und durchsucht unsere Häuser. Bis heute habe ich meinen Ausweis und mein Handy nicht zurückbekommen," klagt eine Betroffene wenige Tage nach dem Angriff gegenüber einer Menschenrechtsdelegation.

Die Familien haben indes Zuflucht in Nachbardörfern gesucht. Sie haben das Dorf aus Angst vor einem neuen Angriff bisher nur mit Begleitung und nur stundenweise betreten. Die Familien befinden sich in einer humanitären Notlage, da sie nun daran gehindert werden, ihre Felder zu bestellen oder fischen zu können. Die Felder der Dorfbewohner befinden sich inmitten eines Konfliktgebietes, vor allem werden Mais, Kochbananen, Zuckerrohr und Reis angebaut.

Viele Bewohner vermuten, das Militär nutze die aktuelle politische Lage, denn aufgrund der Proteste in vielen größeren Städten des Landes gebe es keine Aufmerksamkeit für die ländlichen Regionen. "Wir sind alleine und vollkommen ausgeliefert", sagt ein Bauer aus Monte Bravo gegenüber amerika21.

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Bis heute weiß niemand, welche Einheit für die Militäroperation verantwortlich ist. Der Kommandeur des Militärbataillons vor Ort gab an, dass keine seiner Einheiten im Moment der Operation in der Gegend aktiv gewesen sei.

Der Chocó ist seit Jahren Kriegsgebiet, wo sich das staatliche Militär und illegale bewaffnete Gruppen regelmäßig Gefechte liefern. Die Angriffe gegen die Zivilbevölkerung werden stets damit gerechtfertigt, dass sie Sympathisanten der Guerillagruppe ELN seien. Daher ist die "Rote Zone Chocó" stark militarisiert. Auf dem größten Fluss San Juan kreuzt ein Militärschiff, ein schwimmender Panzer der Marine. Flussaufwärts kreisen permanent Militärhubschrauber.

Seit 2018 eine illegale Militärbasis etwas flussaufwärts im Dorf Nuanamá eingerichtet wurde, häufen sich die Auseinandersetzungen und Überfälle. Die Basis ist auf dem kollektiven Gebiet der Afro-Gemeinde errichtet worden, obwohl das Gesetz von 1993 für die schwarze Bevölkerung eine Genehmigung des Gemeinderates erfordert. Sie befindet sich in direkter Nähe des Dorfes. Dies sei ein Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht. Ohne humanitäre Unterstützung könnten die Menschen nicht überleben. Eine grundlegende Demilitarisierung ist laut den Anwohnern nötig.

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