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Polizeieinsatz in einer Favela in Brasilien hinterlässt 19 Tote

Vorgehen der Polizei immer wieder von großer Gewalt geprägt. Kritik an Gouverneur Cláudio Castro. Bevölkerung bittet um Frieden. Präsident Bolsonaro verweigert Opfern Anteilnahme

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Anwohner:innen bringen die Verletzten in ein nahegelegenes Krankenhaus
Anwohner:innen bringen die Verletzten in ein nahegelegenes Krankenhaus

Rio de Janeiro. Vergangenen Donnerstag sind 18 Personen durch einen Polizeieinsatz im Complexo do Alemão in einer Favela in Rio de Janeiro ums Leben gekommen. Gestern wurde ein weiteres Opfer gemeldet.

Der Einsatz ereignete sich in den frühen Morgenstunden. Gegen fünf Uhr berichteten Anwohner:innen den Portalen "Voz das Comunidades" und "Fogo Cruzeiro" von ersten Schusswechseln.

400 Polizist:innen, vier Hubschrauber und zehn gepanzerte Fahrzeuge führten eine Operation in der Favela durch. Nach ihren Angaben beschlagnahmte die Polizei zwei Pistolen, zwei Gewehre und ein Maschinengewehr.

Insgesamt dauerte der Einsatz zwölf Stunden. Die Hauptzugangsstraße Avenida Itararé blieb acht Stunden versperrt und hinderte die Bevölkerung daran die Favela zu verlassen, um beispielsweise zur Arbeit zu gehen. Mit Tränengasgranaten wurden Motorradfahrer:innen davon abgehalten, die Straßen zu passieren.

"Die Gasse hier vor dem Haus ist voll mit Blut und die Bewohner schreien, dass Leute angeschossen wurden", erklärte ein Augenzeuge. Auf Instagram erschienen Videos, auf denen zu sehen ist, wie Anwohner:innen weiße Fahnen aus dem Fenster hängen und um Frieden bitten.

Es gibt Berichte über Machtmissbrauch der Einsatzkräfte. Augenzeug:innen erzählen von Polizist:innen, die immer wieder in Häuser eindrangen und die Leute misshandelten.

Der Verband der Vereine der Favelas von Rio de Janeiro (FAFERJ) kritisierte das Vorgehen und den Gouverneur der Stadt, Cláudio Castro. Ein Sprecher bezeichnet Castro als "Gouverneur des Massakers" und mahnte, dass in den Favelas internationales Recht verletzt würde. Als Beispiel führte er an, dass es verboten sei von Hubschraubern aus zu schießen, was allerdings in den Favelas der Regelfall sei. "Das ist eine Kriegslogik, die das Gewaltproblem nicht löst, sondern im Gegenteil verschlimmert".

Unter Castro kam es in den letzten 14 Monaten bereits zu den zwei tödlichsten Polizeieinsätzen der Stadt. Im Mai 2021 fand das schlimmste Massaker in der Geschichte von Rio de Janeiro statt. 28 Personen kamen dabei ums Leben (amerika21 berichtete). Im Mai diesen Jahres starben im Complexo da Penha 25 Personen (amerika21 berichtete).

Zuletzt forderte vor zwei Wochen ein Polizeieinsatz in der Favela Manguinhos sechs Todesopfer. Die Einsatzkräfte informierten, dass sechs "Kriminelle" gestorben seien und sich zwei weitere gestellt hätten. Man habe diverse Waffen und Drogen sichergestellt.

Eine Studie zeigt, dass unter Gouverneur Cláudio Castro bereits 40 Massaker mit insgesamt 197 Toten begangen wurden. In 84 Prozent der Fälle töteten Polizist:innen.

Die Soziologin Maria Isabel Couto erklärt: "Die Großstadtregion von Rio de Janeiro hat im Durchschnitt eine Schießerei pro Woche". Sie vertritt, dass ein Plan für die öffentliche Sicherheit, wie ihn der Bundesgerichthof vorgeschlagen hatte, besonders wichtig sei. Anfang Februar hatte das Gericht entschieden, binnen 90 Tagen einen Plan zu veröffentlichen, welcher helfen solle, Tote bei Polizeieinsätzen zu verhindern.

Der Plan wurde bereits drei Wochen später vorgelegt. Das Portal Fogo Cruzado kritisiert allerdings, dass dieser unvollständig sei und kein konkretes Vorgehen festgelegt habe. Eine Verbesserung der Situation sei daher nicht in Sicht.

"Die Waffenfabrik ist nicht in der Favela, der Drogenanbau und dessen Organisation sind nicht in der Favela. Die großen Drogenhändler sind im Senat, sind an der Macht. Die Massaker, das Verschwindenlassen bei Polizeieinsätzen, die auch heutzutage in der sogenannten brasilianischen Demokratie geschehen, sind Folgen der Militärdiktatur", erklärte die Favela-Sprecherin Gizele Martins kürzlich in einem Interview. Sie konkretisierte: "Nur dass das alles an einem spezifischen Ort passiert, in der Favela, in einem Umfeld, in dem die Mehrheit Schwarze Menschen sind". Damit machte sie auf die strukturelle rassistische Polizeigewalt aufmerksam.

Studien bestätigen, dass rassistisch motivierte Polizeigewalt in Brasilien an der Tagesordnung ist. Zwischen 2013 und 2021 sind insgesamt 43.171 Personen durch Polizeigewalt gestorben. 84,1 Prozent davon waren Schwarze Personen.

Der amtierende Präsident Jair Bolsonaro bedauerte auf seinen Sozialen Medien den Tod des verstorbenen Polizisten. “Sein Foto, als ich es hier sah wurde ich sogar emotional, mein Fallschirmjägerkollege”, klagte er. Die anderen 18 Opfer erwähnte er mit keinem Wort. Auf Rückfrage der Zeitung Folha verweigerte er eine Anteilnahme für die weiteren Verstorbenen.

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