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26 Tote bei Polizeieinsatz in der Favela Vila Cruzeiro in Brasilien

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Erneut endete ein Polizeieinsatz in einer Favela für viele Anwohner:innen tödlich
Erneut endete ein Polizeieinsatz in einer Favela für viele Anwohner:innen tödlich

Rio de Janeiro. Bei einem Polizeieinsatz in einer Favela im Norden von Rio de Janeiro sind vergangenen Dienstag 26 Menschen ums Leben gekommen. Fünf weitere Personen befinden sich im Krankenhaus, eine davon schwebt in Lebensgefahr.

Bereits gegen fünf Uhr morgens berichteten Anwohner:innen der Favela Vila Cruzeiro von ersten Schusswechseln innerhalb der Region. Auch die Plattform Fogo Cruzado bestätigte dies. Der Polizeieinsatz, der erst gegen 19 Uhr endete, forderte 26 Menschenleben und ist damit nach dem Massaker von Jacarezinho der zweittödlichste Polizeieinsatz in der Geschichte der Stadt.

Zur Sicherheit der Angestellten und Schüler:innen ließen insgesamt 36 Schulen sowohl Dienstag als auch Mittwoch ihre Türen geschlossen. Für viele Schüler:innen sind Schießereien zwischen kriminellen Banden und Polizeikräften während der Unterrichtszeit Alltag (amerika21 berichtete).

Historiker und Lehrer Derê Gomes, Mitglied der Förderation der Favelas der Stadt (FAFERJ), kritisiert den Einsatz und stellte ihn in einen Zusammenhang mit den anstehenden Wahlen im Oktober: "Das war Wahlkampf. Was ich im Complexo da Penha gesehen habe, war ein Gemetzel. Ein Horrorfilm im realen Leben, der die konservativen Wähler und Bürger gegen Rios Favelas aufbringt".

Unter dem Hashtag #ChacinaNaPenha berichten Betroffene von den Geschehnissen. Aktivist:innen und Angehörige äußern ihr Bedauern und protestieren gegen die anhaltende Polizeigewalt in den Favelas des Landes.

Auch Cecília Olivera, Journalistin für die Plattform Fogo Cruzado, äußerte sich kritisch zu dem Einsatz. Sie erklärte, dass dies bereits der sechste Polizeieinsatz im Jahr 2022 im Norden Rios war und mahnte, dass die Opfer für ihre Angehörigen mehr sind, als nur Zahlen in einer offiziellen Statistik.

Erste Untersuchungen zum Vorfall wurden bereits eingeleitet. Nach Angaben der Polizeibehörde war der Grund für den Einsatz die Suche nach Mitgliedern des Comando Vermelho, die sich in Vila Cruzeiro verstecken und von dort aus Gewalttaten planen würden.

Polizeisprecher Luiz Henrique Marinho erklärte, dass die Einsatzkräfte bereits mit Schüssen empfangen wurden und es daher zu der "Konfrontation" gekommen sei. Verhaftet wurde bei dem Einsatz niemand. Insgesamt wurden vier Pistolen, zwölf Granaten und 13 Gewehre sichergestellt. Ebenso 20 Fahrzeuge von potentiell gefährlichen Personen.

Anfang Mai 2021 starben bei einem Polizeieinsatz 28 Menschen in der Favela Jacarezinho (amerika21 berichtete). Den Polizist:innen wurde unter anderem Folter vorgeworfen. Von den damals eingeleiteten Ermittlungen läuft jedoch nur noch eine, die anderen wurden bereits ad acta gelegt.

Soziale Organisationen und Familienangehörige hatten für die 28 Verstorbenen ein Mahnmal errichtet, das allerdings eine Woche nach der Einweihung von Polizeikräften zerstört wurde.

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