Kuba / Soziales

Kuba: Großbrand in Matanzas weitet sich aus

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Der anhaltende Westwind transportierte die Rauchschwaden der Explosion über 100 Kilometer bis in die Hauptstadt Havanna
Der anhaltende Westwind transportierte die Rauchschwaden der Explosion über 100 Kilometer bis in die Hauptstadt Havanna

Matanzas/Havanna. Am dritten Tag des Großbrands eines Treibstofflagers in Matanzas kämpfen die Einsatzkräfte noch immer gegen die Flammen. In der Nacht zum Montag ist das Feuer auf einen dritten Tank übergegangen. Am Montagnachmittag war ein riesiger Feuerball am Himmel der westlichen Hafenstadt zu sehen. Wie die Behörden unmittelbar danach bestätigten, steht inzwischen ein vierter Tank in Flammen. Der erste Tank, der sich am Freitag in Folge eines Blitzschlags entzündet hatte, ist mittlerweile vollständig abgebrannt.

Bislang wurde die Leiche eines Feuerwehrmannes geborgen, 14 weitere werden vermisst. Laut Gesundheitsbehörden wurden 125 Personen verletzt, darunter auch Energieminister Liván Arronte. Zuletzt befanden sich noch 23 Personen in klinischer Behandlung, fünf von ihnen schweben in Lebensgefahr.

Der am Sonntag kollabierte zweite Tank hatte 52.000 Kubikmeter Kraftstoff geladen, etwa doppelt so viel wie der erste Tank.

An der Eindämmung des größten Brands der jüngeren kubanischen Geschichte sind derzeit Spezialisten aus Mexiko, Venezuela, China und anderen Ländern beteiligt. Die staatlichen Ölgesellschaften von Mexiko und Venezuela lieferten darüber hinaus in mehreren Flugzeugen Ausrüstung wie Pumpen und spezielle Löschmittel.

Die USA boten Kuba "technische Beratung" an, die derzeit von Fachkräften ausgewertet wird. Darüber hinaus sah sich die US-Botschaft in Havanna veranlasst klarzustellen, dass man sich "bereit für den Fall halte, dass Kuba die humanitäre oder technische Unterstützung der USA" benötige. "Bisher haben die USA technische Hilfe in Form eines Telefongesprächs mit unseren Spezialisten angeboten, die wir angenommen und für die wir uns öffentlich erkenntlich gezeigt haben", erklärte die Vizeleiterin des kubanischen Außenministerium für die Vereinigten Staaten, Johana Tablada, am Abend. Weitergehende Unterstützungsangebote lägen nicht vor. Zuvor hatte Kubas Präsidialamt "befreundete Staaten und internationale Organisationen mit Erfahrungen bei der Bekämpfung von Treibstoffbränden" um Unterstützung geben.

Wie am Montagmorgen bekannt wurde, war die Abkühlung des dritten der acht Tanks nicht erfolgreich. Später fing der vierte Tank Feuer, am Nachmittag wurden weitere Explosionen gemeldet. Der anhaltende Westwind in Richtung des jeweils nächsten Tanks habe die Abkühlmaßnahmen unterlaufen. Dieser transportierte die Rauchschwaden der Explosion über 100 Kilometer bis in die Hauptstadt Havanna, wo sich am Morgen der Himmel verdunkelt hat. Laut Augenzeugenberichten liegt ein chemisch-säuerlicher Geruch in der Luft. In ganz Westkuba wurden Veranstaltungen abgesagt. Die Behörden empfehlen, sich in den betroffenen Gebieten keinen Regenschauern auszusetzen und Personen mit Atemwegserkrankungen vorsorglich das Tragen eines Mund-Nasenschutzes. Eine akute Gesundheitsgefahr bestehe nicht, die Schadstoffwerte sollen durch regelmäßige Proben im Auge behalten werden.

Nach vorläufigen Erkenntnissen zur Ursache war die vorhandene Blitzableitertechnik mit der Intensität der elektrischen Entladung überfordert.

Präsident Miguel Díaz-Canel ist seit Freitag in der Hafenstadt, um die Löscharbeiten zusammen mit den Provinzregierungen vor Ort zu koordinieren. Am Sonntag traf er sich mit Angehörigen der Vermissten, die im Hotel "Velasco" psychologische Betreuung erhalten. Díaz-Canel versicherte ihnen, dass die Regierung schnellstmöglich mit der Suche nach den Vermissten beginnen werde. Zunächst müsse jedoch das Feuer unter Kontrolle gebracht werden, momentan sei die Unglücksstelle aufgrund der hohen Temperaturen weiterhin unzugänglich.

Wie ein Sprecher der Feuerwehr am Montagabend erklärte, gestalte sich die Situation augenblicklich extrem komplex. Das Feuer könne noch mehrere Tage andauern.

Der Brand trifft Kuba inmitten einer Energiekrise. Aufgrund des schlechten technischen Zustands vieler Kraftwerke sowie der angespannten Brennstoffsituation wird der Strom stark rationiert. Seit Anfang August finden die täglichen Stromabschaltungen auch in der Hauptstadt Havanna statt (amerika21 berichtete).

Das Treibstofflager in Matanzas ist nicht nur einer der wichtigsten Energieumschlagplätze des Landes, es dient auch der Versorgung des größten Kraftwerks, der 1988 errichteten "Central Termoeléctrica Antonio Guiteras". Deren Treibstoff- und Wasserreserven sind am Montag Mittag versiegt. Wie das Nachrichtenportal Cubadebate berichtet, hat eine manuelle Bepumpung des Kraftwerks über Lastwagen zuletzt nicht mehr ausgereicht, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Damit ist das nationale Erzeugungsdefizit auf einen Schlag von 850 auf 1.192 Megawatt, von 31 auf 42 Prozent, angewachsen. Um die anstehenden Einschränkungen abzumildern sollen bis Dienstagmorgen kurzfristig 200 Megawatt an zusätzlichen Kapazitäten mobilisiert werden, kündigte der Stromversorger UNE an.

Rund 4.000 Personen haben die Umgebung des Brandes verlassen, teilweise ordneten die Behörden Evakuierungen an. Wer nicht bei Verwandten unterkommt, findet in staatlichen Institutionen und Hotels Zuflucht. Restaurants und lokale Unternehmen stellen den Betroffenen Lebensmittel und kostenlose Taxifahrten zu Verfügung. Auch aus Nachbarprovinzen trafen Hilfslieferungen ein.

Zahlreiche Regierungen drückten Kuba ihre Anteilnahme angesichts der Katastrophe aus. Auch Schreiben aus der Europäischen Union, Saudi Arabien und dem Vatikan erreichten Havanna.

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