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Ölunfälle im Amazonasgebiet von Peru – eine unendliche Geschichte

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Erdöl im Fluss: Immer wieder verschmutzen Lecks in Erdölpipelines im Nordosten Perus die Natur
Erdöl im Fluss: Immer wieder verschmutzen Lecks in Erdölpipelines im Nordosten Perus die Natur

Lima. Der jüngste Ölaustritt in der nordostperuanischen Region Loreto Mitte September reiht sich in eine ganze Reihe von Öllecks ein. Der Vorfall zeigt, unter welchen Problemen die indigenen Gemeinschaften im Amazonasgebiet aufgrund von Nachlässigkeit und Straffreiheit zu leiden haben.

Allein zwischen Dezember 2021 und August 2022 wurden mindestens zehn Gebiete in Loreto und dem Amazonasgebiet durch Öl verseucht – soweit die erfassten Vorfälle. Zuvor waren in den Jahren 2000 bis 2019 in den dortigen Ölfeldern und der Pipeline Oleoducto Norperuano ganze 474 Vorfälle registriert worden. Alles in allem scheint es sich bei dem Problem um eine unendliche Geschichte zu handeln.

Die 474 zwischen 2000 und 2019 erfassten Vorfälle werden in der Studie „Der Schatten des Öls“ beschrieben. Der Bericht wurde von der zuständigen Gruppe für Ölverschmutzungen der Nationalen Menschenrechtskoordination CNDDHH erarbeitet. Dem Bericht zufolge waren 65 Prozent der Lecks in den Pipelines auf Korrosion oder Störungen im Betriebsablauf zurückzuführen, während 28 Prozent von Dritten verursacht wurden.

Diese Daten sind entscheidend, um das Problem zu verstehen. Denn die Ölindustrie versucht meist, die Beschwerden über Ölunfälle durch ein Argument zu entkräften: Die Schäden seien „absichtlich“ herbeigeführt worden, heißt es da. Der Bericht belegt jedoch, dass die Verantwortung mehrheitlich bei den Betreibern lag, und in der fehlenden Vorsorge zur Verhinderung von Korrosion an der Infrastruktur.

Doch auch der Bericht scheint den Verantwortlichen keinen Grund zu geben, sich jetzt mit dem Problem zu beschäftigen. Auch weiterhin wird von Ölunfällen im Amazonasgebiet berichtet, die im Gebiet der indigenen Gemeinschaften immer mehr Auswirkungen auf die Umwelt haben. Nach Angaben der Erdöl-Beobachtungsstelle des nördlichen Amazonasgebietes Puinamudt wurde allein zwischen Dezember 2021 und August dieses Jahres in Loreto und dem Amazonasgebiet elf Mal das Austreten von Öl gemeldet.

Fünf dieser elf Unfälle ereigneten sich in weniger als einem Monat: zwischen Dezember 2021 und Januar 2022. Die Nachrichtenagentur Servindi berichtete damals, dass die Mehrheit der Fälle von den Gemeinden selbst gemeldet wurden. Auf diese Unfälle folgten sechs weitere. Der erste ereignete sich am 11. Februar 2022 in der Achuar-Gemeinde José Olaya und erstreckte sich auf ein Gebiet von 500 Metern, das Flüsse, Tiere, Vegetation und auch Menschen einschloss. Zwei weitere gab es am 2 und 18. März 2022. Sie ereigneten sich in der Kichwa-Gemeinde Doce de Octubre in der Region Loreto, Ölfeld 192. Die Warnung wurde von lokalen Umweltschützer:innen abgegeben.

Am 1. April 2022 wurde wieder austretendes Öl bemerkt, bei Kilometer 20 des Oleoducto Norperuano in der Gemeinde von San Pedro im Distrikt Urarinas, das ebenfalls zur Region Loreto gehört. Anfang Juni 2022 und am 27. August 2022 waren die Kukama-Gemeinde La Petrolera und die Kichwa-Gemeinde Doce de Octubre im Ölfeld 192 von weiteren Ölverschmutzungen betroffen.

A 16. September 2022 wurde ein abermaliges Auslaufen von Öl bei Kilometer 55 des Oleoducto Norperuano gemeldet, das sogar das Wasser des Quellflusses Marañón in Mitleidenschaft zog. Das auslaufende Öl beeinträchtigte die indigenen Gemeinschaften San Pedro im Distrikt Urarinas und San José de Saramuro, die den Fluss zur Versorgung mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser nutzen.

Aus diesem Grund bat das Büro des Bürgerbeauftragten um dringende humanitäre Hilfe für das Gebiet. Die Gemeinden dagegen fordern die Ausrufung des Umwelt- und Gesundheitsnotstands im Flussbecken des Marañón.

Das verantwortliche Unternehmen Petroperú beschränkte sich bisher jedoch lediglich auf die Aussage, dass der Ölaustritt absichtlich herbeigeführt worden sei. Das wurde aber nicht bestätigt und wird derzeit noch untersucht. Die Behauptung, das Leck sei absichtlich verursacht worden, stellt für die Ölindustrie normalerweise den einfachsten Weg dar, die Angelegenheit abzuschließen und die Aufmerksamkeit auf andere Themen zu lenken.

Man muss sich jedoch fragen, was hinter diesen Aktionen steckt – umso mehr, wenn vorherige und noch nicht sehr weit zurückliegende Fälle zeigen, dass die Ölindustrie selbst auch von der Behebung der Schäden profitieren.

So prangerte die Kongressabgeordnete María Elena Foronda im Jahr 2018 an, dass verantwortliche Angestellte des Unternehmens Petroperú drei Tage nach ihrer Kündigung Firmen zur Umweltsanierung nach Ölunfällen gegründet hätten. Sie erläuterte außerdem, dass diese sogar 50 Millionen Soles (etwa 12,5 Millionen Euro) für Arbeiten in Rechnung gestellt hätten, die in Rekordzeit verhandelt worden wären – obwohl diese Firmen für die Aufträge nicht qualifiziert waren, da sie weder Erfahrung noch ein entsprechendes technisches Profil vorweisen konnten.

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