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Chile: Gewerkschaften der Hafenarbeiter setzen Regierung mit Warnstreik unter Druck

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Arbeiter haben bereits am Mittwoch den Eingang zum Hafen von San Antonio blockiert
Arbeiter haben bereits am Mittwoch den Eingang zum Hafen von San Antonio blockiert

Santiago. Die Gewerkschaft der Hafenarbeiter "Unión Portuaria de Chile" hat zu einem 48-stündigen Streik aufgerufen. Sie setzt damit die Regierung unter Zugzwang, um zügig die lange verschleppten Verhandlungen über Rentenansprüche und Regelungen der Arbeitsbedingungen aufzunehmen.

Dem Aufruf hat sich auch die "Frente de Trabajadores Portuarios Centro" angeschlossen. Seit Donnerstag sind für mindestens drei Schichten etwa 7.000 Hafenarbeiter landesweit im Ausstand. Die Kräne stehen still, Hafeneingänge und anliegende Zufahrtsstraßen in einigen Häfen sind verbarrikadiert. LKW, die zum Be– und Entladen bestellt wurden, stauen sich in den Containerdepots außerhalb der Hafenstädte.

Die zehn wichtigsten Häfen Chiles (San Antonio, Valparaiso, San Antonio, Valparaíso, Talcahuano, Arica, Antofagasta, Iquique, Puerto Montt, Portuaria Austral, Chacabuco, Coquimbo) werden seit Jahren als öffentlich-private Unternehmen geführt. Das hat ein unübersichtliches Geflecht von staatlichen und privaten Zuständigkeiten zur Folge. Die Hafenarbeitergewerkschaften fordern seitdem eine Neufassung der Hafengesetzgebung, um Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen zu regeln.

Es gibt verschiedene Arbeitsverträge: Für die Festangestellten und für die vertraglich gebundenen Zeitarbeiter, die auf Abruf zwischen 6 und 20 Schichten im Monat für einen festen monatlichen Mindestlohn arbeiten, der entsprechend der Schichten aufgestockt wird. Die am meisten benachteiligten Beschäftigten sind die Zeitarbeiter ohne Vertrag, die als "Springer" auf Abruf arbeiten und zum Teil nach Schichtende ausbezahlt werden. Etwa zwei Drittel aller Beschäftigten haben einen der beiden Zeitverträge.

Die Lohnspannen sind entsprechend groß, wobei die Löhne der Festangestellten weit über dem Durchschnitt vergleichbarer Beschäftigten liegen. Die Zeitarbeiter ohne Vertrag liegen, abhängig von den monatlich gearbeiteten Schichten, nahe am gesetzlichen Mindestlohn.

Eine weitere, seit 2012 anhängige Forderung bezieht sich auf eine Rentenregelung, die den erschwerten Arbeitsbedingungen Rechnung tragen soll: Extremer Zeitdruck, um die Liegezeiten kurzzuhalten, ständig wechselnde Schichten und schließlich die klimatischen Bedingungen ‒ es muss bei jedem Wetter draußen gearbeitet werden ‒, führen zu hohem psychischen und physischen Belastungen sowie Arbeitsunfähigkeit.

Die Häfen sind für Chile eine Schlüsselindustrie, die jährlich über 40 Millionen Tonnen bewegen und mit Zolleinnahmen sowie Konzessionsgebühren der privaten Betreiber von Kränen, Lagerkapazitäten usw. nicht unerheblich zum Staatshaushalt beitragen.

Die Hafenarbeiter sind sich ihrer Position bewusst und haben in der Vergangenheit über ihre Gewerkschaften mit politischen Forderungen Aufmerksamkeit erregt. Während der Pandemie forderten sie mit ihren Streikdrohungen Zugriff auf die privaten Rentenersparnisse. In der Diskussion um die inzwischen abgelehnte, neue Verfassung haben sie aufgerufen, mit "Ja" zu stimmen.

Im aktuellen Streit hat die Regierung schnell Verhandlungswillen bekundet, es bleibt also abzuwarten, ob der Streik ausgeweitet wird oder man an den Verhandlungstisch zurückkehrt.

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