Buenos Aires. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Grupo Atenas haben in Argentinien in den letzten zwei Jahren über 16.000 Firmen geschlossen, im Schnitt 28 pro Tag. Über 236.000 Arbeitsplätze seien dabei verloren gegangen. Dazu kommen noch rund 40.000 öffentliche Stellen, die von der Regierung gestrichen wurden und die entgegen der Behauptungen des Rationalisierungsministers Federico Adolfo Sturzenegger nicht vom schrumpfenden privaten Sektor absorbiert werden können. Obwohl Argentiniens Präsident Javier Milei die Erfolge seiner Wirtschaftspolitik betont, können die Probleme kaum noch ignoriert werden.
Die laufenden Verluste der Arbeitsplätze spiegeln sich im Rückgang des Konsums wider. Einzel- und Großhandel verzeichnen Monat für Monat Rückgänge in ihren Umsätzen. Dies betrifft nicht nur kleine und mittlere Firmen. Mehrere große internationale Unternehmen wie Whirlpool, Toyota und Mercedes-Benz haben Kürzungen und Entlassungen angekündigt. Der französische Supermarktriese Carrefour zieht sich ganz aus Argentinien zurück.
Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt ist die Bilanz der Direktinvestitionen im Land negativ. Es wird mehr Kapital aus dem Land abgezogen, als neu investiert. Trotz der großzügigen Bedingungen des Förderprogramms für Großinvestitionen (RIGI) sind bisher sehr wenige Investoren darauf eingegangen.
Die Regierung verkündete zwar im Juni ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent, ließ dabei jedoch unerwähnt, dass 2024 ein starker Rückgang verzeichnet wurde. Auch 2023 schwächelte die Wirtschaft bereits stark. Die aktuellen Steigerungen sind hauptsächlich auf drei Sektoren zurückzuführen: Die Fischerei, den Bergbau und den Finanzsektor. In den drei Sektoren arbeiten jedoch weniger als fünf Prozent der Beschäftigten. Eine Auswirkung dieses Wachstums auf Arbeitsplätze und Löhne hat sich bisher nicht gezeigt.
Das Wachstum im Bergbau ist vor allem auf die Öl- und Gasexporte der patagonischen Förderregion Vaca Muerta zurückzuführen. In der Region kommt es immer wieder zu Protesten (amerika21 berichtete). Die dortige Förderung erhielt durch staatliche Investitionen und durch die von der vorigen Regierung gebaute Pipeline Gasoducto Nestor Kirchner einen starken Schub, wodurch sich das Land vom Nettoimporteur zum Exporteur verwandelte. Davon profitiert die Regierung Milei. Diese Entwicklung geht allerdings auf eine frühere staatliche Entwicklungspolitik zurück, die der eigenen Wirtschaftsphilosophie widerspricht.
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Trotz dieser Energieexporte fällt die Handelsbilanz negativ aus. Grund dafür ist der starke Abbau von Importhürden, was zusammen mit dem Rückgang des Konsums zur Absatzkrise der Industrie geführt hat. Ähnlich steht es bei der Dienstleistungsbilanz, die Anfang des Jahres ein Rekorddefizit aufwies.
Die Hauptbemühungen der Regierung liegen jedoch derzeit darin, genügend Devisen aufzubringen, um die im Januar fälligen Zahlungen an internationale Kreditgeber zu decken. Entgegen der mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) abgestimmten Ziele sind die Netto-Devisenreserven negativ. Laut der Zentralbank liegt das Defizit bei elf Milliarden US-Dollar. Experten der Barclays Bank sprechen sogar von einem Minus von 16 Milliarden US-Dollar und damit deutlich mehr als bei Mileis Amtsantritt.
Die 20 Milliarden US-Dollar aus dem Darlehen des IWF sind längst aufgebraucht, die von den USA angekündigten Hilfen haben sich nicht konkretisiert. Eine kürzlich angekündigte Finanzspritze verschiedener Banken scheint ebenfalls nicht zustande zu kommen und hätte vermutlich nur geringe Wirkung. Milei und seinem Wirtschaftsminister Luis Caputo bleibt wenig Zeit, um eine Zahlungsunfähigkeit abzuwenden.
Laut dem Institut für Statistik ist außerdem im November die Inflation im fünften Monat in Folge gestiegen. In den letzten zwölf Monaten stieg sie damit insgesamt auf über 31 Prozent. Obwohl Milei mit seinem Sparprogramm den Menschen in Argentinien viel abverlangt, scheint er die Krise nicht zu bewältigen. Ein Blick in die argentinische Geschichte zeigt, dass ihn dies die nächsten Wahlen kosten könnte.

