Brasília. Anfang 2026 sind rund 15.000 Liter Bohrflüssigkeit aus einem Bohrloch der brasilianischen Ölgesellschaft Petrobras in der Nähe des Amazonasbeckens ausgetreten. Nach Angaben des Unternehmens wurde das Leck am 4. Januar 2026 etwa 175 Kilometer vor der Küste von Amapá in rund 2.700 Metern Tiefe im Meer entdeckt.
Das betroffene Küstengebiet ist bekannt für sein fast unberührtes Ökosystem, das noch als unerforscht gilt und das Große Amazonasriff beherbergt. In dem riesigen, erst 2016 entdeckten Riffsystem vor der Atlantikküste Nordbrasiliens leben mesophotische Korallenriffe, die sich durch das Vorkommen sowohl von lichtabhängigen Korallen und Algen als auch von Organismen auszeichnen, die in Gewässern mit geringer Lichtdurchlässigkeit zu finden sind.
Petrobras gab bekannt, die Bohrungsarbeiten seien zwecks Reparaturen unterbrochen worden, nachdem ein Flüssigkeitsverlust in zwei Hilfsleitungen festgestellt wurde, die ein Bohrschiff mit dem Morpho-Bohrloch verbinden. Nach Angaben des staatlichen Unternehmens wurde das Leck sofort gestoppt und isoliert. Petrobras erklärte, dass die Flüssigkeit aus einer Mischung aus "ungefährlichen" Feststoffen, Flüssigkeiten und Chemikalien bestehe.
Die Umweltbehörde IBAMA teilte mit, dass sie über den Vorfall informiert worden sei und dass kein Öl ausgetreten sei. Dennoch hat IBAMA, die die Lizenz erst im Oktober 2025 nach jahrelangem Streit erteilt hatte, die Überwachung verschärft. Die Folgen für Petrobras sind die Verzögerung der fünfmonatigen Bohrkampagne, zusätzliche regulatorische Prüfungen sowie die Verzögerung bei der Erschließung des als strategisch wichtig geltenden Equatorial-Margin-Gebiets, denn das Amazonas-Projekt gilt für Brasiliens Regierung als zentraler Baustein für die Zeit nach anderen, kurz vor der Erschöpfung stehenden Erdölvorkommen.
Das jüngste Leck steht laut Greenpeace in direktem Zusammenhang mit den Umweltrisiken, auf die bereits während des Genehmigungsverfahrens hingewiesen wurde. Der Unfall sei kein Einzelfall, sondern ein Alarmsignal, vor dem bereits 2025 eine Delegation aus Greenpeace Brasilien, lokalen NGOs, Quilombolas (Nachfahren schwarzer Sklaven), indigenen Bewegungen und Fischergemeinden in einer Klage vor dem Bundesgericht gegen die brasilianische Umweltbehörde IBAMA, Petrobras und den brasilianischen Staat gewarnt hatte. Die Umweltorganisation fordert nun die sofortige Einstellung der Aktivitäten und die Aufhebung der an Petrobras erteilten Betriebsgenehmigung für die Ausbeutung dieses Erdölvorkommens.
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Die brasilianische Regierung hatte Mitte Juni 2025 in einem umstrittenen Bieterverfahren insgesamt 34 von 172 ausgeschriebenen Öl- und Gasförderblöcken versteigert, darunter Förderblöcke in der Amazonas-Mündung "Foz do Amazonas". Dieses Gebiet wird von Umweltbehörden, Staatsanwaltschaften und indigenen Organisationen als ökologisch hochgefährdet eingestuft (amerika21 berichtete im Vorfeld und danach).
Greenpeace Brasilien veranstaltete im vergangenen Jahr gemeinsam mit den Partnerorganisationen Arayara, WWF, ClimaInfo und Instituto Iepé Workshops zu den möglichen Auswirkungen der Ölförderung in Foz do Amazonas auf die Flussufer- und Quilombola-Gemeinden in Amapá, Oiapoque, Cunani und Calçoene, deren Lebensweise und Existenz bedroht ist.
Eine Ölpest in der Nähe des Amazonasbeckens kann verheerende Auswirkungen auf das Ökosystem der Region und auf die lokalen Gemeinden haben, deren Lebensunterhalt von einem gesunden Ozean abhängt. Informationen über das Leck wurden in eine Klage aufgenommen, in der die Kläger:innen "die Dringlichkeit einer sofortigen Maßnahme des Bundesgerichts zur Aussetzung der Betriebsgenehmigung" bekräftigten.
Lecks bei der Förderung in tiefen Gewässern treten in Brasilien immer wieder auf. Nach Angaben eines Anwalts von Greenpeace Brasilien waren zwischen 1975 und 2014 insgesamt 95,22 Prozent der registrierten Unfälle auf Aktivitäten dieser Art zurückzuführen. Die Auswirkungen und Risiken lägen auf der Hand, sodass den Klägern zufolge die gerichtliche Maßnahme der Aussetzung der Aktivitäten auf der Grundlage der Grundsätze der Prävention und Vorsorge erforderlich sei.
Die Ölförderung im Amazonasgebiet ist laut den Kläger:innen ein "reales, vorhersehbares und vermeidbares" Risiko. Dennoch werde weiter gebohrt, obwohl keine ausreichenden Umweltverträglichkeitsstudien vorlägen, die betroffenen Gemeinden nicht konsultiert würden und keine Bewertung der Auswirkungen auf das Klima vorgenommen worden seien. Es sei höchste Zeit für einen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und einen gerechten Übergang, bei dem die Menschen, ihre Würde und eine fossilfreie Zukunft an erster Stelle stehen.


